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  • Das blaue Wunder

    Ich sitze einmal mehr in meinem Lieblingskaffeehaus, was schon deshalb mein Lieblingskaffeehaus ist, weil man mich dort meistens in Ruhe lässt. Wenn mal jemand zu mir an den Tisch kommt, ist es Klaus, der Thekenmann oder einer von den zwei, drei Freunden, die ich hin und wieder dort treffe.

    Dieses Mal bin ich ganz alleine und schaue durch das große Fenster neben meinem Tisch dem vorweihnachtlichen Treiben auf dem Marktplatz zu, wo ein sächsischer Tannenbaumverkäufer gerade dabei ist krummgewachsene Krüppelkiefern geschickt durch ein Blechrohr in weiße Netze zu stecken, dass sie hinterher ganz gerade aussehen.

    Am Nebentisch haben drei Männer Platz genommen. Der eine klein, untersetzt, glatzköpfig und etwa in meinem Alter, also Mitte/Ende Vierzig. Der Zweite schlank, groß, jugendlich, volles schwarzen Haar, etwa Ende Dreißig, Anfang Vierzig. Der dritte Mann ist etwa Sechzig und scheint die beiden anderen eingeladen zu haben, denn er ruft Klaus herbei und gibt die Bestellung auf.

    Es bahnt sich ein Gespräch zwischen den Dreien an, das in ortsüblicher Lautstärke geführt wird.

    „Guck ämohl“, sagt der kleine Untersetzte und legt etwas auf den Tisch. (Die Männer sprechen übrigens alle den breiten, etwas runden Dialekt der hiesigen Neckarfischer, den ich im Folgenden halbwegs in Hochdeutsch wiedergebe.)

    Die Anderen schauen, dann piekt der Schlanke mit dem Finger auf den Gegenstand auf dem Tisch und fragt: „Issen des?“

    Der Untersetzte schaut sich um, zieht den Kopf trotz seines ohnehin kurzen Halses noch etwas ein und senkt kaum merklich die Stimme: „Viogro!“

    „Ach was“, staunt der Schlanke und fragt: „Sind die immer blau?“

    „Hajo.“

    Wieder schaut sich der untersetzte Glatzenmann um, was schon deshalb ziemlich blöde ist, weil ich direkt nebenan sitze und nichtmals den Anschein mache, als höre ich nicht zu. Aber er tut so, als müsse er den anderen etwas ganz Geheimes mitteilen und sagt: „Hat mir der Pfleiders Kurt mitgebracht, sind schwarz!“

    „Die sind doch blau“, gibt der jüngere Schlanke zu bedenken.

    „Dösbaddel! Mit schwarz mein ich, die sind ohne Rezept.“

    „Ach so!“

    Schweigen. Der Ältere der Drei hat bislang außer seiner Bestellung noch gar nichts gesagt, doch jetzt sagt er: „Ja und? Was willst du damit?“

    „Die nehm‘ isch!“

    „Ja und, erzähl mal!“, fordert der Ältere den Dickeren auf. Dieser berichtet: „Der Pfleiders Kurt war in Österreich oder in der Schweiz, so genau weiß ich das nicht. Ist ja auch schwer, weil die beide weiß-rote Fahnen haben, jedenfalls war er da im Ausland und da hat er die gekauft, ohne Rezept.“


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    Der Ältere nickt und meint: „Alles klar, das habe ich ja schon verstanden, aber was machst du damit?“

    „Na, sagte ich doch schon, die nehm‘ ich!“

    „Und wirken sie?“, fragt der Jüngere.

    Der Dickere nickt: „Und wie!“

    Dann schaut er sich wieder geheimnisvoll um und sagt: „Einen Ständer habe ich gehabt, wie schon seit Jahren nicht mehr! Ganze 20 Minuten… knallhart!“

    „Und was sagt deine Anneliese dazu?“, fragt der Ältere.

    Der Dicke zuckt mit den Achseln: „Keine Ahnung, die ist doch noch zur Kur, ich hab’s doch nur mal so ausprobiert.“

    „Dass du sowas brauchst“, wundert sich der Ältere.

    Da mischt sich der Jüngere ein und sagt entrüstet: „Wer ab Mitte 40 auch noch ewig kann, war entweder die meiste Zeit seines Lebens im Kloster, hat recht selten Sex oder gehört zu den wenigen Glücklichen, die genetisch vom Herrgott reich beschenkt wurden.“

    „Quatsch!“, sagt der Alte ebenfalls entrüstet, „Das ist doch blanker Unsinn. Ich bin jetzt 63 Jahre alt, hatte noch niemals Probleme und bei mir hat sich seit Jahrzehnten überhaupt nichts verändert.“

    „Das gibt’s doch nicht!“ staunt der Dickere und der Jüngere schüttelt ungläubig mit dem Kopf.

    Im Brustton der Überzeugung gibt der Junge von sich. „Eins ist doch mal klar, wenn man erst mal an die Vierzig ist, ist es bald vorbei und dann geht’s nur noch 5 Minuten.“

    „5 Minuten!“ kräht der Dicke, „Das ist ja ewig lang!“

    Der Ältere schüttelt nur den Kopf und aus seinen Augen spricht Belustigung, gepaart mit Verwunderung: „Ich verstehe euch nicht. Wie gesagt, ich habe da keinerlei Probleme und als ich so jung war wie ihr, da habe ich mir noch nichtmals Gedanken über das Thema gemacht.“

    Der knapp 40jährige Schlanke wird langsam böse: „Was redest du da für einen Unsinn! Nur weil du so großes Glück hast und von der Natur besonders reich beschenkt wurdest, musst du uns doch nicht herabwürdigen!“

    Der Dicke packt seine blauen Wundertabletten wieder ein und verkündet: „Wer immer und lange kann, ist sowieso ein Außerirdischer!“

    Ich weiß nicht, wie das Gespräch weitergegangen ist, ich habe dann bezahlt und bin heim – nach Alpha Centauri.


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