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  • Blogger sind unvorsichtig

    Der gläserner Mensch

    Tausende von Internetnutzern gehen zu unvorsichtig mit ihren Daten und Äußerungen um

    Anna ist 37 Jahre alt, arbeitslos und verdient sich nebenher etwas durch Putzen. Uta ist 39, Bankangestellte und mit ihrer Arbeit höchst unzufrieden. Daß ich das weiß, liegt daran, das beide ein so genanntes Blog schreiben, ein Online-Tagebuch im Internet.

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    Dort legen die beiden Frauen aus dem Rhein-Neckar-Raum ihre Gedanken nieder, berichten von ihrem Tagesablauf und schildern ihre Sorgen, Nöte, ihren Frust und Ärger und ihre kleinen Freuden. Sogar wenn sie jemanden kennenlernen, mit einem potentiellen Sexualpartner ausgehen und was sie so erlebt haben, schreiben sie sich ganz privat von der Seele.

    Doch ganz so privat, wie die beiden meinen, ist das gar nicht. Zwar wissen sie, daß theoretisch jedermann auf ihre Weblog-Seiten im Internet zugreifen kann, doch geben sie sich dem Trugschluß hin, nur der Kreis derer, die sich auch mit Kommentaren zu Wort melden, tue das auch.

    So wie Anna und Uta publizieren mittlerweile Zehntausende täglich in ihrem Blog, veröffentlichen Videos und Fotos aus dem Privatbereich und lassen ihre Leserschar intensiv an ihrem Privatleben teilhaben. WEB 2.0 wird diese neue, fast schon revolutionäre Entwicklung im Internet genannt. Durch leicht zu bedienende Content Management Software ist es nahezu jedermann möglich auch ohne große Vorkenntnisse Inhalte ins Internet zu stellen und zu verwalten. Die Nutzer wandeln sich zunehmend vom reinen Konsumenten vorgefertigter Inhalte zu Anbietern eigener Inhalte.

    Was Anna und Uta, sowie Tausende von sogenannten Bloggern nicht ahnen: Sie machen sich selbst zu einem transparenten Menschen. So wird sowohl Anna, als auch Uta demnächst Unerfreuliches ins Haus stehen. Anna wird der Sozialbehörde erklären müssen, warum sie Sozialleistungen bezieht, während sie doch einen Putzjob hat und Uta wird dem Personalchef ihrer Bank Rede und Antwort stehen müssen, wie sie dazu komme im Internet öffentlich ihre Kollegen und Vorgesetzen schlecht zu machen.
    Uta und Anna haben sich selbst an den Pranger gestellt, indem sie weit mehr offenlegten, als sie eigentlich vermuteten. Nicht nur die Informationen, die sie in ihrem Blog veröffentlichten standen der Sozialbehörde und dem Bankvorgesetzten zur Verfügung, sondern auch zahlreiche weitere, als privat und anonym geglaubte Äußerungen in Gästebüchern, Kommentaren und in Foren.

    Wie die beiden beispielhaft genannten Blogger, publizieren Zehntausende Deutscher ihr Privatleben im Netz. Es kostet nicht viel Mühe, um herauszufinden, wer mit wem soziale Kontakte pflegt, in welchen Kreisen sich der Blogger bewegt und wann er wo mit wem in Urlaub war. Auf Privatphotos lassen sich jederzeit die Art der Einrichtung, möglicher Besitz und die Gesichter der Verwandten, Freunde und Bekannten feststellen.

    Das weiß auch Dirk B.
    Dirk B. ist 24 Jahre alt und arbeitet bei einer Personalberatung in Stuttgart-Fellbach. Noch studiert er Betriebswirtschaft und IT-Technologie, doch bis zu seinem Abschluß recherchiert er für seinen Arbeitgeber im Internet. Seine Aufgabe besteht darin, Persönlichkeitsprofile zu erstellen. Fündig wird er fast immer und freut sich, daß die Menschen so intensiv in ihren Blogs publizieren:

    „Es gibt kaum einen Lebensbereich über den die Leute nichts schreiben. Man muss nur 1 und 1 zusammenzählen können und schon hat man nahezu alles über die Leute herausgefunden.“

    Sein Arbeitgeber, der Personalberater und Unternehmensberater Dr. Robert F. sagt:


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    „Zu unserem Kundenkreis gehören Banken, Versicherungen und Unternehmen aus der Finanzbranche. Noch sind es hauptsächlich Unternehmen, die sehr auf ihren gute Ruf bedacht sind und im Vorfeld hohe Beträge für ihre Corporate Identity ausgegeben haben. Aber zunehmend haben wir auch Kunden aus dem mittleren Bereich und immer mal wieder auch kleinere Gewerbetreibende, die einfach mal wissen wollen, was ihre Mitarbeiter im Web so treiben.“

    Dirk B. fügt hinzu:

    „Die Menschen glauben, man könne nichts über sie herausfinden, aber heutzutage ist fast jeder transparent. An die großen Datenbestände von Behörden und Firmen, kommt man so ohne weiteres nicht heran. Das braucht man aber auch nicht, solange die Leute alles selbst ins Netz stellen und damit öffentlich machen. Man muss nur Links folgen können und etwas kreativ denken, schon hat man die Bausteine für einen 40seitigen Bericht zusammen.“

    In immer stärkerem Maße suchen Arbeitgeber den Kontakt zu solchen Rechercheuren und manches Einstellungsgespräch wird daran scheitern, daß sich der Bewerber zuvor zu offenherzig im Internet präsentierte.

    „Mir kann doch nichts passieren, ich schreibe selten unter meinem Namen und meine Meinung werde ich ja noch sagen können, das ist ja alles privat“, meint Uta aus Flensburg dazu.

    Doch letztlich irrt sie sich. Alleine durch die Angaben auf ihrer persönlichen Homepage und die dort angebrachten Verknüpfungen, die sogenannten Links, lässt sich Unglaubliches an Material zutage fördern.

    Als sie mit der Akte der Fellbacher Rechercheure konfrontiert wird, erschrickt sie ob der Fülle des Materials:

    „Ich hätte nie gedacht, daß sich diese ganzen Informationen zusammentragen lassen. In vielen Foren dachte ich völlig anonym zu sein und habe nicht geahnt, daß sich die Daten so verknüpfen lassen. Mein Gott, wenn das mein Chef wüsste!“

    Noch weiß er es nicht, bis er es weiß, werden aber nur ein paar Tage vergehen.

    Dirk B. sagt dazu:

    „Wenn die Leute etwas ins Internet stellen, können sie sich genausogut mit einem Megaphon in die Fussgängerzone stellen. Da bleibt nichts geheim. Sie sollten sich vorher ganz genau überlegen, was sie da alles veröffentlichen. Das wovon sie nicht möchten, daß es jemand erfährt, sollten sie nicht schreiben, auch dort nicht, wo sie glauben, anonym zu sein.“

    Zu leichtfertig gehen viele Menschen mit ihren Informationen um. Auf der einen Seite scheuen sie sich, wichtige Angaben zu machen, weil sie sich Sorgen um den Datenschutz machen. Auf der anderen Seite jedoch geben sie bereitwillig über die intimsten Dinge Auskunft und denken nicht an die möglichen Folgen.

    Aus einem Auftragsartikel für eine Tageszeitung. (C) Peter Wilhelm


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