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Zapp mal wieder!

Zapp mal wieder!

Manchmal, wenn sonst noch (oder schon) alles schläft, dann überkommt mich die Lust, mal alle Kanäle meiner Satellitenanlage durchzuschalten. Man(n) kann das sowieso nur ungestört machen, wenn die Frau nicht dabei ist, Frauen hassen nichts so sehr wie zappende Männer. Männer wollen ja wissen was überall so läuft und Frauen wollen immer alles was da erscheint „mal eben schnell zu Ende sehen“. Hallo, Tussi, ich weiß daß bei Titanic das Schiff am Ende untergeht!

Seit ich Dr. Dish-TV habe, weiß ich aber, daß ich nicht alleine bin: Da draußen gibt es Tausende von Männern, die sich alle möglichen Kanäle aus allen nur erdenklichen Ländern reinziehen und da man nicht Hunderte von Sendern gleichzeitig sehen kann, zappen die alle.

Dr. Dish-TV, das ist der Sender, in dem uns ein nach vorne gebürsteter netter Opa erklärt, wie man seine Satellitenschüssel polieren, justieren und aufstellen muß, damit man noch mehr Satelliten, Kanäle und Programme empfangen kann. Für den männlichen Zapper DER ultimative Sender, werden da doch Empfangsgeräte vorgestellt, die über 100.000 Sender empfangen können.

Ganz so viele kann ich nicht empfangen, was vor allem daran liegt, daß meine Allerliebste -wie einst die Gallier und Kelten- Angst davor hat, ihr könne der Himmel auf den Kopf fallen. Genauergesagt hat sie Angst davor, unser Hausdach könne ob der vier dort oben montierten Satellitenschüsseln eines Tages unter dieser Last zusammenbrechen und alles unter sich begraben.

Zapp mal wieder!Zapp mal wieder!

Immerhin, so an die 2.000 Programme aus aller Herren Länder kann ich empfangen und wenn mich ab und zu so ein kleiner Anflug von altersbedingter Melancholie oder präseniler Bettflucht überkommt, dann ist das Durchzappen von wenigstens 200 Programmen eine wahre Wohltat.

In einem spanischen Programm treffe ich zum Beispiel auf einen Gesangswettbewerb unter Kindern. Es singt gerade ein unglaublich häßliches, fettes Kind, vermutlich ein Junge und ich bin der Meinung, daß seine Eltern es schon ziemlich lieb haben müssen, um es einfach so als solches zu ertragen. Aber nun singt diese fette Heulboje auch noch und das so falsch und dermaßen laut, daß einem schlecht wird. Schnell weiterzappen: Vier polnische Mädchen räkeln sich auf einem Sofa, voll bekleidet, machen aber obszöne Handbewegungen und die mühsam ins Deutsche übersetzte Laufschrift am unteren Bildrand sagt: „Ruffen an Telefon, geil Weiber warten deutsches Männer!“

Vielleicht würde ich ja mal anrufen, aber dann müssten da auch wirklich geile Weiber sein und nicht diese Ludmillas, die aussehen, als würden sie sonst auf dem Krakauer Markt übelriechenden Fisch verkaufen. Zur Abwechslung nimmt sich gerade eine von denen einen Schrubber und wischt mal eben das Studio feucht durch, sehr erotisch!

Auf Estremdura-TV wird just in diesem Moment ein Stier von einem schwulen Mann in rosa Torrero-Kostum mit einem Degen blutig umgemetzelt, auch mal interessant, aber lange nicht so spannend wie „Frau Hanna“ auf Astrologia-TV, die mit Engeln redet (und das nüchtern!) und mit rauher Wirtinnenstimme erzählt, sie könne durch das Zerbröseln von Zuckerwürfeln nicht nur in die Zukunft sehen, sondern auch Krebs heilen, AIDS-Kranke gesundbeten und vor Fußpilz schützen. Alles natürlich nur, wenn die betreffenden Krankheiten noch nicht ausgebrochen sind.
Man gebe mir ein Stück Würfelzucker zum Zerbröseln und dann kann auch ich die Zukunft voraussagen: Zu Staubzucker wirst Du werden!

Bei den ganzen Musiksendern zappe ich immer schnell weiter, ich kann diese vielen Unterbrechungen der wunderschönen Klingeltonwerbungen durch die lästigen Musikvideos nicht ertragen.
Doch bei einem Sender bleibe ich immer hängen: GIGA-TV. Das ist so ein Sender auf dem erklären Halbwüchsige wie man bestimmte Computerspiele spielt. Wenngleich das Deutsch sein soll, verstehe ich das Meiste nicht. So ein typischer GIGA-Satz lautet beispielsweise: „Wenn der GM das Level pusht, dann braucht man schon einen Heep-Roller um die Kraft aufzupowern und das Level zu brainen.“
Ja ist klar.
Der der das sagt, der sieht als habe ihm Dirk Bach bei der Auswahl der Klamotten geholfen und zu allem Überfluss hat er auf dem Kopf, über seinem mit grenzdebilen Gesichtsausdruck gelangweilt schauenden Gesicht, eine Baseballkappe verkehrt herum auf. Seine Gestik hätte ihn früher einmal in eine geschlossene Anstalt gebracht, aber sein Co-Moderator, ein 12-jähriger „Game-Expert“ findet das alles mit jedem dritten Wort „obercool krass“. Natürlich haben die Gigaleute so eine Sprechwarze an der Backe.

Überhaupt regen mich die Sprechwarzen immer am meisten auf, denn die Dinger sehen einfach scheiße aus. Gut, bei Peter Maffay hat man sich dran gewöhnt, aber warum muß sich heute jeder so eine fleischfarbene Mikrofonwarze an die Backe kleben? Ein einfachen Mikrophon am Kragen tut es doch auch und bringt überdies eine bessere Tonqualität.

Zum Ende eines jeden Durchgangs schalte ich aber immer einmal kurz auf KTV. Das ist so ein katholischer Spartensender, auf dem ein seniler Priester rund um die Uhr das „Ave Maria“ betet. Ein bißchen geistlicher Beistand kann einem beim Zappen schließlich nicht schaden.

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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peter wilhelm autorenlesung
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