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  • Sonst geht die Welt unter

    frau ruckdäschl

    Heute Morgen läuft mir einmal mehr Frau Rückdäschl über den Weg. Das ist ja jene alte Dame, die bei uns im Parterre wohnt und ihre sämtlichen sozialen Kontakte aus dem überfallartigen Ansprechen der übrigen Hausbewohner bezieht. Sie sagt heute nicht viel, sondern steht lächelnd vor mir und schaut so erwartungsvoll. Ja, aber was erwartet sie? Ich nicke ihr nur kurz zu und will schnell an ihr vorbei, bevor ihr doch noch etwas zum Erzählen einfällt, da zupft sie so neckisch an einer Locke, die vorwitzig hinter ihrem linken Ohr hervorlugt.

    Das kenne ich! Wenn Frauen sowas machen, dann waren sie beim Friseur. Das ist eines der elementarsten Gesetze unseres Sonnensystems. Und wenn sie beim Friseur waren und das durch einen erwartungsvollen Blick und leichtes Zupfen signalisieren, muss man als Mann sofort irgendein Kompliment absondern.

    Egal wie Scheiße das auch aussehen mag, man(n) muss unverzüglich positive Zustimmung, gepaart mit einer Ode an die weibliche Schönheit von sich geben, sonst geht die Welt unter.


    Frau Ruckdäschl kann sehr unangenehm werden und bevor sie eine Neigung verspürt, das zu werden, sage ich schnell: „Oh, Sie waren ja beim Friseur! Das putzt aber ungemein.“

    Den Spruch ‚das putzt aber ungemein‘ habe ich mal bei Thomas Mann gelesen und mir extra für solche Fälle hinten links in der Frauenversteherabteilung meines Gehirns abgespeichert.
    Frau Ruckdäschl fühlt sich geschmeichelt, lächelt und während sie zupfend in ihrer Wohnung verschwindet, sagt sie noch: „55 Euro.“

    Na denn! Soll noch mal einer sagen, Thomas Mann sei nicht alltagstauglich.

    Vor längerer Zeit kam Anke mal vom Friseur nach Hause und irgend so ein schwuler Coiffeur hatte ihr eingeredet, ihr würde auch blond stehen. Man muss wissen, und die die meine Geschichten kennen, wissen es auch schon, dass meine Allerliebste Wurzeln irgendwo jenseits des dunkelsten Balkans hat. Allein schon von der Physiognomie her stehen ihr alle Haarfarben, wirklich alle – außer Blond. In blond sieht sie aus, wie ein Nachtgespenst.
    So stand sie also vor mir und zupfte, und brachte mich in die Verlegenheit irgendetwas sagen zu müssen. Nicht vergessen, man muss dann was sagen, sonst geht die Welt unter oder noch schlimmer, Anke wird sauer. Jetzt zu sagen ‚das putzt ungemein‘, wäre schon aus dreierlei Gründen völlig Fehl am Platze, denn erstens kennt Anke einen Teil meiner Frauenverstehersprüche, zweitens putzt es sie nicht ungemein und drittens putzt Anke sowieso nie.

    Deshalb sagte ich: „Ja, das ist mal was anderes.“

    Sofort zog sie einen Schmollmund: „Es gefällt dir nicht!“

    „Doch, ich sag doch, es ist mal was anderes.“

    „Wenn du das sagst, dann gefällt es dir nicht.“

    „Nein, wie kommst du darauf? Es sieht mal anders aus.“

    „ANDERS! WARUM SAGST DU NICHT, DAS ES DIR NICHT GEFÄLLT?“

    Wie soll man nun auf so eine Frage antworten? Hätte ich sagen sollen, dass es Scheiße aussieht und riskieren sollen, dass ich den Rest meines fortgeschrittenen Lebens auf einer Parkbank zubringe?

    Als sehr wirkungsvoll hat es sich herausgestellt, wenn man seine Frau in solchen Momenten in den Arm nimmt, über das Haar streicht und etwas ganz Liebes sagt. So machte ich es auch und sagte zur Allerliebsten: „Ich liebe dich, egal ob blond, ob braun oder schwarz.“

    Im selben Moment stößt sie mich von sich und sagt schniefend: „Und was ist mit rot? Ich hatte jahrelang rote Haare und das hat dir nicht gefallen warum hast du denn da nie was gesagt dir gefällt es nicht und du sagst nichts lässt mich so rumlaufen zum Gespött aller Leute du hättest mir das sagen müssen du bist ja so gemein….“

    „Nein nein, Rot hat mit auch gut gefallen, sehr gut sogar.“

    „Wirklich?“

    „Oh ja, rot finde ich sogar am Allerschönsten!“

    „WAS? Rot ist schöner als blond? Also gefalle ich dir jetzt doch nicht?“

    „Doch doch, alles ist schön an dir, dir steht jede Farbe, wirklich!“


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    „Ganz ehrlich?“

    „Ja, mein Schatz.“

    Das ging nochmal glimpflich aus. Wenigstens fragt sie jetzt immer bevor eine neue Farbe ansteht. Im Supermarkt, in der Abteilung, wo uns Männern immer langweilig oder schlecht wird, also da, wo die Kosmetikartikel verkauft werden, gibt es Farbschautafeln. Da sind auf einer Papptafel Locken in verschiedenen Farben aufgeklebt und durch Nummern gekennzeichnet. Alle paar Wochen stehe ich mit der Allerliebsten vor so einer Tafel und sie fragt mich dann so Sachen wie: „Was ist besser 7107 oder 4452?“

    „Keine Ahnung.“

    „Du musst auch auf die Tafel schauen.“

    Ich schaue und suche 7107 und 4452. 7107 und 4452 sehen für mich absolut gleich aus, irgendwie rot.

    „Die sehen gleich aus, ist egal, was du nimmst.“

    „Die sehen doch nicht gleich aus! Das eine ist Römerrot und das andere Toscana!“

    „Dann nimm Römerrot, Toscana erinnert mich an Tosca, das Parfüm der alten Frauen.“

    „Aber Toscana ist doch viel schöner.“

    „Dann nimm eben Toscana.“

    „Eben wolltest du noch Römerrot.“

    „Ich sagte doch schon, für mich sieht das gleich aus.“

    „Gut, dann nehme ich 1231, das ist Kenia-Rot.“

    „Meinetwegen.“

    Kenia-Rot sah übrigens gut aus. Aber Hauptsache ist, dass es nicht blond ist.

    Dass ich zuvor in die Falle getappt war, lag daran, dass Anke meine Formulierung „das ist mal was anderes“ zu gut kannte.

    Ich habe seit Jahrzehnten ein festes Repertoire an fein abgestuften Kommentaren, die die Allerliebste in- und auswendig kennt. Vor allem, wenn wir irgendwo zum Essen eingeladen sind, bringe ich diese Kommentare zur Anwendung. Sie sind dann oft auch eine Art Geheimsprache zwischen der Allerliebsten und mir. Wir wissen dann, wie es mir wirklich schmeckt und die Gastgeber fühlen sich trotzdem geschmeichelt.

    Wenn man mir etwas vorsetzt, was nicht schmeckt, dann sage ich nämlich immer: „Das ist mal was anderes.“ Das letzte Mal habe ich das gesagt, als Schwiegermutter Magda uns Huhn in Pfefferminzsoße vorgesetzt hatte.
    Die nächste Stufe kommt zur Anwendung, wenn es nicht nur schlecht schmeckt, sondern auch noch komisch riecht. In solchen Fällen pflege ich nur „Och joh“ zu sagen.
    Diese Stufe hatte Magda, die sogenannte Schwiegermutter aber übersprungen.
    Sie erntete gleich ein „das schmeckt aber interessant“ für ihren Hollsteiner Hackbraten aus Heringsflossen.
    Die höchste Form der Verachtung bringe ich allerdings durch einen anderen Spruch zum Ausdruck, dann sage ich nämlich: „Das habe ich in dieser Form jetzt auch noch nicht gegessen.“
    Das steht synonym für: „Ich kotz dir gleich in den Teller.“

    Anke muss immer lachen, wenn ich eine dieser Formulierungen verwende, sie kennt sie ja.
    Und genau hier lag der Fehler, als ich ihre blonden Haare beurteilte.

    Ich muss besser aufpassen, glaube ich.


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