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Spitze Feder

Schämt Euch!

2010 erschien das Buch des ehemaligen französischen Widerstandskämpfers und UN-Diplomaten, Stéphane Hessel, mit dem imperativen Titel „Empört Euch!“.

Oder heißt es impertinent? Egal. Nach vier Monaten waren bereits über eine Million Exemplare davon verkauft. Hessel ruft darin zum friedlichen Widerstand gegen die Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft auf, gegen die Diktatur des Finanzkapitalismus, gegen die Unterdrückung von Minderheiten, gegen die ökologische Zerstörung unseres Planeten. Quasi gegen das ganze sozialromantische Gedöns, wie Gerhard Gazprom Schröder vermutlich sagen würde.

Heute geht das nicht mehr. Heute wird nicht gegen irgendetwas aufgerufen. Heute wird sich nicht empört, heute wird sich geschämt. Ende der Durchsage. Die Thunbergs und Neubauers haben ihren Hype längst hinter sich. OK, ab und zu kleben sich noch ein paar Cyanacrylat-Junkies auf Straßen und liefern sich Scharmützel mit Vertretern von Recht und Ordnung. Das war’s dann aber im Großen und Ganzen schon mit der Rettung des Planeten zulasten der freien Waren- und Dienstleistungsströme. Ohne Bitcoin? Hallo? Geht gar nicht.

Da wir jedoch die Erde angeblich nur von unsern Kindern geborgt haben und, wenn man ehrlich ist, mit der Leihgabe, auch ziemlich Scheiße umgehen, muss so eine Art Ablasshandel her. Hat ja eine Zeitlang saugut funktioniert und kohlemäßig sogar für den Bau des riesigen Petersdoms in Rom gereicht. Bis der glühende Antisemit Martin Luther … aber das ist eine andere Baustelle.

Deshalb ist der neuste heiße Scheiß auch die Scham: Quasi der ultimative Ablass des 21. Jahrhunderts für die Sünden von uns Vätern und Müttern. Damit die Nachkommen, die hyperventilierenden Baumbewohner, die Fresse halten, und uns Babyboomer in Ruhe unsere opulente Tönnies Platte Mediterrane grillen lassen, während sie in luftiger Höhe „Lützi bleibt“ skandieren und dabei lecker Falafel knabbern.

Somit ist es auch ein Muss, sich beim Flug nach Antalya für die zig Tonnen an CO2, die der Jet in die Luft bläst, richtig doll zu schämen. Man kann allerdings, über eine entsprechende CO2-Kompensation, die Emissionen, die durch den Flug verursacht werden, neuerdings wieder ausgleichen … also zusätzlich zum Schämen. Wie genau, weiß ich jetzt nicht, ist aber auch Nebensache. Denn, wenn das keine geile Scham ist, was dann?

Das musst Du Dir mal geben: Du fliegst mit der TUI, oder mit Neckermann in die Türkei, für 249 € pro Woche in den All-inclusive-Urlaub und rettest damit noch die Umwelt. Wie geil ist das denn? Oder, Du gehst Du zum Discounter und schämst Dich aber so was von … für die Staks, für die Wurst, für den Käse, die Milch, für das ganze Zeug, das die Baumbewohner auf die Palme brächte, säßen sie nicht eh schon in den Bäumen.

Und wenn Du das mit dem Schämen konsequent durchziehst, bei jedem Einkauf und vor allen Dingen an der Tanke, wenn Du Deinen V8-HEMI mit Super +++ abfüllst … meine Fresse, dann besteht noch Hoffnung, dass Dich die neue, vegane Herrenrasse in Ruhe Deine Rente genießen lässt.

Deshalb: Schämt Euch! Was das Zeug hält.

Bildquellen

  • export-pixabay-myriams-fotos-small: pixabay

Spitze Feder – Spitze Zunge

Diese Kolumne schreibt vorwiegend Peter Grohmüller seine Gedanken zur Welt und dem Geschehen unserer Zeit auf.
Seine fein geschliffenen „Ergüsse“ – wie er selbst sie nennt – erfreuen sich großer Beliebtheit.

Hin und wieder erscheinen in dieser Kolumne auch Beiträge anderer Autoren, die dann jeweils entsprechend genannt werden.

Die Texte sind Satire, Kommentare und Kolumnen. Es handelt sich um persönliche, freie Meinungsäußerung.

Für die Texte ist der jeweilige Autor verantwortlich.

Lesezeit ca.: 4 Minuten | Tippfehler melden | © Revision: | Peter Grohmüller 27. Februar 2023

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