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    von Peter Grohmüller

    Plakatives im Grünstreifen

    Vor kurzem musste ich an einer roten Ampel anhalten und sah im Grünstreifen zu meiner Linken ein Plakat an einem Laternenpfahl mit dem reisserischen Eyecatcher „Die Tränen der Dolomiten“. Zuerst dachte ich ja, das Südtiroler Urgestein Reinhold Messner hätte bei einer kleinen Trainings-Wanderung die sterblichen Überreste des berühmten Alpinisten und Goebbels-Protegé Luis Trenker gefunden und sich darüber herzzerreissend gefreut.

    Aber den Gedanken habe ich sofort wieder verworfen; denn zum einen wäre es für Messner, der schon alle Achttausender in Adiletten bezwungen haben soll, weit unter Niveau, in den Dolomiten herumzukraxeln, zum anderen weiß selbst ein Cineast, der sich nur rudimentär im Œuvre der großen Leni Riefenstahl auskennt, dass Luis Trenker mitnichten in der Steilwand sein Leben aushauchte, sondern im biblischen Alter von 97 Lenzen in Bozen verstarb und neben seinem Bundesverdienstkreuz erster Klasse am Bande auf dem Friedhof in St. Ulrich in Südtirol seine letzte Ruhestätte fand.

    Die oben erwähnte Rotphase dauerte lange genug an, um weiterlesen zu können, was mit dieser theatralischen Überschrift angekündigt wurde. Im nachhinein bin ich beinahe geneigt zu sagen: angedroht wurde – nämlich die Heimsuchung der Region durch ein schauriges Gastspiel der krachledernen Art: Die „Kastelruther Spatzen“ schicken sich an, mit einem live dargebotenen musikalischen Frontalangriff, ihr brandneues Album „Die Tränen der Dolomiten“ zu promoten, wie man auf neudeutsch zu sagen pflegt.

    Man kann den freudianischen Lapsus der Werbetexter dem Umstand zurechnen, dass Volksmusik in den seltensten Fällen mit einem gesteigerten intellektuellen Anspruch korreliert, und man kann deshalb getrost davon ausgehen, dass in der Zielgruppe der Kastelruther Spatzen somit auch niemand auf den Gedanken kommt, den italienischen Einwohnern der südlichen Kalkalpen kämen ob der schaurigen Musik die Tränen.

    Mir erschloss sich dieser Zusammenhang allerdings sofort. Sei´ s drum.

    Was die Ankündigung des Events am 22. Februar 2018 im Mannheimer Rosengarten betrifft, muss man jedoch lobend erwähnen, dass die Anhänger jener merkwürdigen musikalischen Darbietung schon jetzt punktgenau wissen, was sie erwartet, wenn sie zwischen 46,50 € und 69,90 € für ihre Tickets auf den Tresen blättern, oder via PayPal abdrücken: Ein seit über 40 Jahren genau gleich choreographierter, vorhersehbarer, netter, bunter Abend mit garantiert schmerzfreiem Schlagergedudel, ohne im Vorfeld einen Beipackzettel studieren zu müssen. Die Darreichungsform ist garantiert seicht, harmonisch einfach, ohne Doppelbödigkeit, dazu nicht wirklich auf hohem geistigem Niveau, dafür jedoch unbedingt ehrlich, wenn man dies dem flachen Heile-Welt-Genre zugestehen mag.

    Und diese Ehrlichkeit unterscheidet die PR-Windräder der Volksmusikszene radikal von jener, der politischen Werbetrommler, die in ihren schnieken Szeneklamotten in ihren schnieken Lofts mit ihren sündhaft teuren Espresso-Siebträger-Boliden und ihren skrupellosen Photoshop-Virtuosen selbst den hässlichsten Polit-Kretin grausam zum Hoffnungsträger für wen oder was auch immer aufhübschen und eine gänzlich andere Message transportieren.

    Die Zielgruppe jenes Treibens ist in diesem Falle natürlich das Wahlvolk, und dieses soll das plakativ dargebotene Elend einfach nur goutieren, ohne nachzufragen, ohne abzuwägen. Es soll der Kandidatin und/oder dem Kandidaten, deren kunstvoll in Szene gesetzten Visagen von abertausenden Plakaten peinlich bis staatsmännisch lächelnd, ihm an jeder Ecke die Sicht versperren, gefälligst am Wahltag die Stimme geben, ohne der lächerlichen, kindlich naiven Idee zu verfallen, am Ende gar irgend etwas dafür erwarten zu können.

    Was den Erfolg der PR-Kampagnen betrifft, begegnen sich die PR-Profis beider Lager wieder auf Augenhöhe. Ich wage sogar die Behauptung, dass die Lautsprecher der Volkstümlichen mit den der Politischen aufs Wunderbarste korrelieren.

    Jedem, dessen Intellekt gerade noch reicht, um diskret auf die Toilette zu gehen, statt seine Notdurft coram publico zu verrichten, dürfte bewusst sein, dass die heile Welt der Volksmusik ein künstlerisches Konstrukt ist. Und trotzdem sind die richtig fetten Absahner in der Musikszene hierzulande solche Belkanto-Triebtäter wie Stefan Mross, die Wildecker Herzbuben, und natürlich die herzallerliebste Helene Fischer, jener unvermeidliche russische Knackarsch aus Krasnojarsk, quasi das sexy Pendant zu dem legendären Ivan Rebroff. Der war zwar kein echter Russe, sondern ein gewisser Hans Rolf Rippert aus Berlin-Spandau, aber das ficht die Fan-Gemeinde nicht im Geringsten an. Das ist ja auch kein Problem, solange diese Art der Unterhaltung nicht zur Staatsdoktrin erklärt wird und diese braune Soße niemand hören MUSS. Ich möchte auch niemandem mein schräges Jazz-Rock-Gedöns aufoktroyieren.

    Aber wie sieht es mit dem politischen Aggregatszustand der deutschen Bevölkerung aus? Selbstredend sind auch hier professionelle Botschafter aus der Werbeindustrie im unermüdlichen Einsatz, um die oftmals doch hochkomplexen Sachverhalte und die zwingend alternativlosen Maßnahmen seitens der Politik dem Wahlvolk mit einfachen Aussagen darzureichen, ohne es unnötig mit Einzelheiten zu überfordern.

    Nachdem die Alliierten mit zig Millionen Tonnen an Bomben, Granaten und weiteren Gerätschaften den völkischen Alptraum auf Nazi-deutschem Boden beendeten, indem sie jenen komplett in Schutt und Asche legten, schenkten sie der Legende nach aus purem Altruismus den in wundersamer Weise zum Guten konvertierten, vormaligen glühenden Nazis, die Segnungen der parlamentarischen Demokratie, wenn man sich mit dieser Weltsicht einverstanden erklärt.

    Wie man weiß, finden im Sinne dieser glückselig machenden Gesellschaftsform zum Zwecke der Regierungsbildung seit 1949 periodisch wiederkehrende Veranstaltungen statt (vulgo: Wahlen), bei denen die Bevölkerung aufgerufen wird, einigen aus ihrer Mitte den Auftrag zu erteilen, die Geschicke des Landes zu bestimmen. Zu diesem Behufe trachten die aus der Mitte kommenden danach, eben jenen Auftrag zu erhalten. Um dem Wahlvolk näher zu bringen, was nach ihrer Meinung gut für die Geschicke des Landes ist, wird diese Meinung, in medialer Formt gebetsmühlenhaft kundgetan.

    Und um den Bogen zu dem eingangs erwähnten Grünstreifen zu spannen, zieren die Laternenpfähle für jene seltsamen Zeiten, die sich Wahlkampf nennt, keine plakativen Tränen der Dolomiten, sondern plakative Heilsversprechen der Parteien. Das Dumme an der Sache ist nur, dass sich nach der Stimmenauszählung keiner der Protagonisten mehr an seine Heilsversprechen erinnert, sondern sich fortan ausschließlich mit dem Teilhaben am Regieren beschäftigt, oder für die nächsten Wahlen darauf hinarbeitet. Wozu, weiß kein Mensch. Das spielt auch keine Rolle mehr, wenn die Wahlen erst einmal gelaufen sind. Denn es hat ja keinerlei Konsequenzen, sollte mal ein Wahlversprechen nicht eingelöst werden, oder sich gar als dreiste Lüge herausstellen. Autobahnmaut? Steuererhöhungen? Niemand erhebt Anklage. Und so gestalten die Damen und Herren aus den Parteien ein Land, welches sie a priori nicht kennen können, wenn sie in ihren gepanzerten Limousinen der Oberklasse von Hotel zu Hotel, von Tagungsort zu Tagungsort fahren, oder, hermetisch vom Wahlvolk abgeschirmt, in regierungseigenen Flugzeugen von Gipfel zu Gipfel jetten.

    Die Aussagen und/oder die Gesichter auf den Plakaten an den Laternenpfählen im Grünstreifen linker Hand enthalten also keine Botschaft im eigentlichen Sinne, oder gar echte Menschen sondern von hochprofessionell arbeitenden Werbeagenturen erdachte Phrasen und von den besten Fotografen abgelichtete Scheinfiguren, die via Photoshop exakt nach dem Geschmack Zielgruppe wirksam in Szene gesetzt wurden, und die am Wahlsonntag einfach nur einen Pawlowschem Reflex auslösen sollen.

    Wenn man sich den erbärmlichen Output der Parlamente so betrachtet, fragt man sich, weshalb diese unfähigen Figuren seit der Gründung der Republik immer und immer wieder gewählt werden. Und hier schließt sich auf wundersame Weise der Kreis zu dem Plakat auf dem Grünstreifen zu meiner Linken, ob es nun ein volkstümliches Konzert bewirbt, oder eine Partei, oder eine Person aus dieser Partei. Es ist alles nur Fiktion. Weder wird die Welt nach einem Konzert der Wildecker Herzbuben eine bessere sein, noch werden sich jemals eine Politikerin, oder ein Politiker an ihre Wahlversprechen erinnern und aus der Republik eine bessere machen. Das ist einfach so nicht vorgesehen. Denke ich zumindest. Vielleicht muss ich mir einfach mal eine CD von Marianne und Michael zulegen. Vielleicht erschließt sich mir das Ganze dann als weniger plakativ.


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