• On Demand

    Jetzt lasst doch mal den Claas Relotius in Ruhe. Was bitteschön hat der arme Teufel denn so Verwerfliches angestellt, dass er jetzt von seinen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen der schreibenden Zunft coram Publico geteert und gefedert wird? Claas wer? All jenen, denen dieser Name ad hoc nicht geläufig sein sollte…Keine Panik, Ihr habt nichts verpasst!

    Claas Relotius verdiente seine Brötchen, nebst Lachsschinken und was der Mensch sonst noch zu einer ausgewogenen Ernährung benötigt, als gut saturierte Edelfeder beim Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Bis zu seiner Enttarnung (?) als vermeintlicher Fake-Schreiberling am 19. Dezember 2018, wurde er immer wieder mit Preisen für seine brillanten Recherchen überhäuft. Seit besagtem 19. Dezember 2018 steht all das plötzlich in Frage…die Edelfeder, der Lachsschinken und die Preise.

    Zur Erinnerung an längst vergangene Zeiten, in denen Claas Relotius Kolleginnen und Kollegen, also die Journalistinnen und Journalisten, ihren Auftrag noch in einer stets unparteiischen und wahrheitsgemäßen Berichterstattung sahen:

    Als „Der Spiegel“. am 4. Januar 1947 von einem subversiven links-Intellektuellen namens Rudolf Augstein gegründet wurde, war bereits absehbar, dass unter seiner respektlosen Redaktionsführung anno 1962 ein geradezu impertinenter Artikel mit dem schwerwiegenden Verdacht des Hochverrates erscheinen würde. In diesem Traktat wagte es Augstein, die Einsatzfähigkeit der Bundeswehr in Frage zu stellen, was Stande Pede den berechtigten Unmut des damaligen Bundesverteidigungsministers Franz Josef Strauß und einen massiven Einsatz von Polizei und Staatsschutz gegen die Redaktion nach sich zog.

    Dass der Übervater aller nachgeborenen bajuwarischen Christenmenschen ein paar Jahre zuvor mit dem Satz, „Wer noch einmal eine Waffe in die Hand nimmt, dem soll die Hand abfallen“, noch auf den Pfaden der Bergpredigt wandelte, bevor er seine Metamorphose vom Paulus zu Saulus durchlebte, ist eine andere Baustelle, die im weiteren Verlauf dieses Artikels jedoch nicht aus den Augen verlorengehen sollte.

    Eine Analogie zwischen Franz Josef Strauß und Claas Relotius über die Aufgabe von Integrität zugunsten persönlicher Interessen, mag auf den erste Blick zwar etwas hergeholt erscheinen, aber wie in der Politik, gilt auch und gerade im zeitgenössischen Journalismus des 21. Jahnhunderts die schlichte Devise: „Wess Brot ich ess, dess` Lied ich sing.“

    Somit kann man durchaus verstehen, dass Franz Josef Strauß, der vormalige Pazifist, nach seiner Bekehrung zum Realpolitiker durch Emissäre des US-Rüstungskonzerns Lockheed, es sich nicht nehmen ließ, die noch junge deutsche Luftwaffe mit Kampfflugzeugen des Typs F-104 aus besagtem Rüstungskonzerns und sich selbst mit einer adäquaten Provision zu beglücken.

    Dummerweise stellte sich bald heraus, dass jene Maschinen in Bezug auf ihre Flugsicherheit deutlich Luft nach oben hatten – und dies im wörtlichen Sinne. Denn von da oben landeten 269 unsachgemäß schnell, will sagen: Sie stürzen ab. Bei 118 der erwähnten unsachgemäßen Landungen, gingen der Luftwaffe sowohl das Gerät, als auch die Piloten verlustig. Die Maschinen waren Schrott – die Piloten tot. Als Christenmensch ließ es sich Franz-Josef Strauß, Bundesverteidigungsminister und größter bayrischer Sohn seit König Ludwig II. natürlich nicht nehmen, den durch diese außerplanmäßigen Landungen der F-104 zu Fliegerwitwen Mutierten, ein adäquates Salär zukommen zu lassen und kurzfristig wieder als Paulus vor die Presse zu treten.

    Wer an dieser Stelle meint, dieses Traktat widerspreche doch komplett der Logik und daran zweifelt, ob und wie es gelingen mag, jemals wieder den Bogen zu dem eingangs erwähnten Titelhelden Claas Relotius zu schlagen, sollte nicht gleich die Flinte ins Korn werfen.

    So, wie man Franz-Josef Strauß, dem ehemaligen Leutnant der Reserve bei der Heeresflak in der Ukraine, auf der Krim, sowie vor Stalingrad, zugestehen muss, nach dem Ende des II. Weltkrieges der Gewalt abgeschworen, sich als tiefgläubiger Katholik zuerst der Bergpredigt, dann jedoch wieder seiner Leidenschaft als gradliniger Soldat zugewendet zu haben, so muss man auch den Journalistinnen und Journalisten zugestehen, ihr Berufsverständnis mit der gleichen Geschmeidigkeit den sich stets ändernden Bedingungen anzupassen.


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    Als Hanns Joachim Friedrichs noch meinte, einen guten Journalisten erkenne man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache – auch nicht mit einer guten Sache, waren die Zeiten noch gänzlich andere. Die Journalistinnen und Journalisten konnten noch ungestört und vor allen Dingen weitestgehend ohne Einflussnahme der Politik ihrem Handwerk nachgehen, ohne ständig die Interessen der Anzeigenkunden im Nacken zu spüren.

    Heute ist die journalistische Welt, in der ein Claas Relotius bis zum 19. Dezember 2018 seinen Lebensunterhalt verdiente, eine gänzlich andere. Wo früher ein engagierter Reporter eingehend geprüft hätte, wer hinter der sogenannten Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte steckt, bevor er aus dieser Quelle zitiert, wäre ihm aufgefallen, dass es sich bei dieser ominösen Einrichtung lediglich um einen einzelnen Mann handelt, der in einem Londoner Büro irgendwelche Schnipsel aus Twitter- und/oder Facebook nach den Vorgaben der Besteller, quasi On Demand, zusammensetzt und liefert – aus sicherer Distanz, fernab von allem Kampfgeschehen, aber auch ohne die Möglichkeit einer gewissenhaften, sorgfältigen Prüfung.…

    Solch eine mehr als dubiose One-Man-Show, die wie ein Home-Service exakt das liefert, was der Kunde bestellt…wenn Sie Pizza-Salami-Mozzarella möchten, drücken Sie bitte die Raute-Taste…wäre für Journalistinnen und Journalisten vom Format eines Hanns Joachim Friedrich, Henry Nannen, oder eines Rudolf Augstein noch eine absolutes No-Go gewesen.

    Heute zitieren Claus Kleber, Marietta Slomka & Co routiniert und fernab jeglicher journalistischen Integrität Quellen, die nachweislich der Fälschung überführt wurden, wie die sogenannten Weißhelme, die immer wieder exakt die gleichen Bilder aus Syrien veröffentlichen, allerdings aus völlig unterschiedlichen Gegenden (?) und eben jene Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte.

    Claas Relotius hat vermutlich nichts anderes getan, als mit Verve und Engagement den journalistischen Zeitgeist zu bedienen und den gleichen fadenscheinigen Schrott, On Demand zu liefern, wie die Anchor-Women und die Anchor-Men beim heute-Journal, oder den Tagesthemen; von den Flaggschiffen der Qualitätsmedien wie FAZ, Süddeutsche Zeitung & Co ganz zu schweigen.

    Und nun die 100.000-$-Frage: Was wirft man Claas Relotius denn eigentlich genau vor? Dass er beim Wahrheitsgehalt in seinen Reportagen ab und an mal zu sehr nach dem Prinzip Laissez-faire vorging? Oder dass er die Wahrheit zuweilen doch etwas arg überdehnt hat? Dass er vielleicht das ein oder andere Mal gar dreist gelogen hat?

    Geschenkt. Das ist bei tendenziöser Berichterstattung, wie sie heute vorherrscht, nun mal gang und gäbe. Nix, worüber man sich aufregen sollte. Ich vermute, Claas Relotius hat sich in diesem Genre offensichtlich besser, oder zumindest geschickter bewegt, als viele seiner Kolleginnen und Kollegen, die sich in einer Endlosschleife und wider besseren Wissens über die völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Russland, Assads Giftgasangriffe auf die eigene Bevölkerung, den weltweiten Einsatz der NATO für Freiheit und Menschenrechte und anderen Bockmist auslassen.

    Also Leute: Jetzt lasst doch den Claas Relotius in Ruhe. Oder fragt Euch einfach mal, ob an dem nun „aufgedeckten“ Betrug und der intellektuellen Verelendung der Medien vielleicht auch die Konsumenten ein Stück weit schuld sein könnten, die sich Nachrichten reinpfeifen wie Pizza-Salami-Mozzarella?

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