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  • Nicht so viel saufen!

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    Neulich auf dem Amt. Ich sitze auf einem der Stühle, die man für uns Bürger dort in der Amtsstube an der Wand entlang aufgestellt hat. Drei Schreibtische gibt es, an jedem sitzt ein Sachbearbeiter bzw. eine Sachbearbeiterin und kümmert sich um einen Bürger. Der eine auf der linken Seite will einen Angelschein, kann aber kaum ein Wort Deutsch, der Typ auf der rechten Seite benötigt einen Reiseausweis und will nicht einsehen, daß das 15 Jahre alte, bereits gelochte und gestempelte Bild aus dem alten Pass nicht angenommen wird. Der Mann direkt vor mir hat ein Auto zugelassen und der Sachbearbeiter wartet auf den Drucker, der den neuen Kfz-Schein ausspucken soll…

    Das dauert bei der Stadtverwaltung immer ewig, weil -so sagen es mir später die Sachbearbeiter- der Printserver irgendwo weit entfernt im Rechenzentrum steht, immer überlastet ist und so der Weg vom PC zum Drucker viele Kilometer Umleitung nimmt und es deshalb eben bis zu 5 Minuten dauert, bis überhaupt ein Lämpchen am Drucker anfängt zu blinken.

    Der Bürger ist etwas nervös, ihm dauert das Ganze nun schon alles in allem viel zu lang, aber er bleibt freundlich und trotz allem geduldig.
    Als der Wisch endlich zitternd aus dem Drucker gleitet, nimmt ihn der Sachbearbeiter und gibt sich der genauen Prüfung der Fahrzeugdaten hin. Sicher, es muß ausgeschlossen werden, daß es irgendwelche Fehler gibt, der Bürger hätte sonst vielleicht bei einer späteren Fahrzeugkontrolle Schwierigkeiten. Eine Prüfung ist also richtig und wichtig.
    Doch wie dieser Sachbearbeiter das prüft, das muß man gesehen haben.

    Völlig von der realen Welt abgenabelt sitzt er hinter dem Schreibtisch, die Schlafzimmeraugen auf Halbmast und starrt unentwegt und unbewegt auf den Schein in seinen Händen. Keine weitere Regung, man könnte meinen, gleich falle der Mann tot vornüber und knalle mit dem Kopf auf die Schreibtischplatte. Doch da! Auf einmal bewegt sich der Mann. In Zeitlupe dreht er den Kopf etwas zur Seite, schenkt dem Bürger kurz einen freundlichen Blick und schaut dann auf die vor ihm liegenden Unterlagen, dann wieder auf den KFZ-Schein.
    Regungslos, sekundenlang. Wieder ein langsamer Blick auf die Unterlagen, wieder zurück mit dem Blick auf den Schein.
    So geht das sicher drei oder vier Minuten und dabei hat er immer nur einen Abschnitt des Scheins im Visier.
    Schließlich schiebt er den Schein in seinen Händen etwas nach rechts, ein Zeichen dafür, daß er nun gewillt ist, auch den nächsten Teil zu prüfen.
    Die gesamte Szene wiederholt sich, nur noch etwas langsamer.

    Auf einmal beugt sich der Bürger vor, stützt seine Ellenbogen auf den Schreibtisch und macht mit dem Zeigefinger eine heranwinkende Bewegung. Der Sachbearbeiter schaut sich aber zunächst einmal vorsichtig und in Zeitlupe erst nach links und dann ganz langsam nach rechts um, um sicherzustellen, daß auch wirklich er gemeint ist. Dann legt er umständlich den Schein aus den Händen, zupft einmal kurz seine Krawatte gerade und beugt sich mit einem fragenden „Ja?“ etwas vor.
    Der Bürger deutet auf den Schein und sagt in breitestem Dialekt, den ich hier nicht wiedergebe: „Meister! Entweder abends nicht so viel saufen, oder etwas früher schlafen gehen! Ja?“

    Zwei Sekunden später hielt er seinen Schein in den Händen und der Sachbearbeiter saß wie eine Mumie hinter seinem Tisch; in seinem Gesicht kam ganz langsam Röte auf und noch bevor die Röte sich entschließen konnte, ob es Zornes- oder Schamesröte werden wollte, setzte sich der nächste Bürger, eine Frau die neben mir gewartet hatte, vor ihn auf den Stuhl: „Isch hätt‘ gern einen gelben Sack.“

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