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Minderheitenterror

Ich habe es satt, ständig und immer öfter darauf hingewiesen zu werden, dass ich aufgrund von Eigenschaften, die ich allesamt dem Zufall verdanke, seit neustem die Fresse zu halten habe.

Ich bin nämlich weiß, männlich, Hetero und ein Babyboomer. Ich schreibe nach wie vor „Sehr geehrte Damen und Herren“, weil ich damit statistisch rund 98 % aller (erwachsenen) Mitmenschen korrekt anspreche, und weil ich die Verunstaltung meiner Muttersprache mit Gendersternen und all dem anderen Zeitgeist-Zinnober, wegen der restlichen 2 %, als politisch korrekten Minderheitenterror empfinde.

Ich habe keine Probleme mit Menschen, egal welcher Hautfarbe, Staatsangehörigkeit, Glaubensrichtung, sexueller Orientierung, oder sexueller Identität, solange sie mir keine Probleme bereiten, weil ich nun mal weiß, männlich, Hetero und ein Babyboomer bin. Ich kann weder etwas dafür, noch sehe ich irgendeinen Grund, mich deshalb in eine Ecke zu stellen und mich zu schämen.

Seit Jahrmillionen basiert die Arterhaltung bei den Wirbeltieren auf dem Konzept der zweigeschlechtlichen Fortpflanzung, und man kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass auch solche Menschen mit anatomischer, oder gefühlter non-binärer Geschlechtsidentität, diesem archaischen Akt ihre Existenz verdanken. So what? Müssen deshalb 92,6 % aller Menschen, die eindeutig männlich, weiblich und Heteros sind, sich selbst hinterfragen, oder sich zwingend die Anliegen der queeren Community zu eigen machen, nur um als weltoffen zu gelten?

Als 2020 der schwarze George Floyd bei einer brutalen Polizeiaktion getötet wurde, erlangte die Black Lives Matter Bewegung, die von drei schwarzen Frauen gegründet wurde, weltweite Bekanntheit. In tausenden Städten auf dem ganzen Planeten gingen die unterschiedlichsten Menschen (endlich) gemeinsam gegen Rassismus auf die Straße. Auch in Mannheim auf dem Universitätsgelände, fand eine Kundgebung statt. Dort unterhielt ich mich sehr intensiv mit einem jungen schwarzen Mann.

Als sich nach 8 Minuten des Schweigens, alle Anwesenden wieder von ihren Knien erhoben und irgendwo zwischen lauthals und zornig „Black Lives Matter“ skandierten, fragte ich besagten jungen schwarzen Mann, ob es nicht besser wäre, „All Lives Matter“ zu rufen, da Rassismus ja nicht nur etwas mit der Hautfarbe zu tun habe und doch schließlich jedes Leben zähle.

Damit war unsere intensive Unterhaltung jäh beendet, denn ich hatte es in seinen Augen wohl gewagt, die kollektive Empörung der anwesenden schwarzen Community über den Rassismus gegenüber Schwarzen, auf Rassismus per se ziehen zu wollen. Vermutlich wollte man ohnehin unter sich bleiben, und ich, als weißer Hetero, war dabei eher ein Fremdkörper, der sich vielleicht noch kulturelle Aneignung anmaßte.

Ein weiterer Affront auf dem Event, war anscheinend noch ein Grüppchen von Kurdinnen und Kurden, die auf ihre eigene Unterdrückung hinwiesen, Fahnen mit dem Konterfei von Abdullah Öcalan hochhielten und deshalb missmutige Blicke ernteten.

In einem Interview in der Berliner Zeitung arbeitet sich der Literaturwissenschaftler Dr. Ibou Diop am deutschen Kolonialismus ab, an längst überfälligen Namensänderungen von Straßen, Plätzen und öffentlichen Gebäuden, an der Raubkunst im Humboldt-Forum und vielen anderen Aspekten besagten Kolonialismus´. Dabei spricht er von Schriftsteller:Innen, wie Sharon Dodua Otoo, Stadtforscher:Innen, wie Noa Ha, oder Künstler.Innen, wie Max Czollek, und die Exegese seiner eigenen, sakrosankten Erkenntnisse, mündet in der steilen These: „Deutschland ist nicht weiß, war nie weiß und wird auch nie weiß sein“.

Ich habe keine Ahnung, ob er Frau Sharon Dodua Otoo, Frau Noa Ha, und Herrn Max Czollek vorher um Erlaubnis gebeten hatte, ihre geschlechtliche Identität durch diese Schreibweise zu relativieren. Das wäre für mich nämlich das Mindeste gewesen, wenn ich schon der Meinung wäre, mit der Sprache Minderheitenterror betreiben zu müssen. Bezeichnete Dr. Ibou Diop mich ungefragt als Musiker:In, würde ich ihn vermutlich fragen, mit welchem Recht er sich diese Unverschämtheit herausnähme…oder ich würde ihm gleich eine scheuern.

Manchmal würde ich vor lauter Rage, am liebsten meine eigene Interpunktion, meine eigene Grammatik und meine eigen Orthographie gründen. Ich würde sämtliche 16 Fälle aus dem Finnischen übernehmen, sie um einen veganen, intersexuellen Vokativ erweitern und damit meine eigene Minderheit gründen. Einzig zu dem Zweck, andere damit zu terrorisieren…so, wie sie mich und viele andere mit ihrem queeren Unsinn terrorisieren, dem ich die Lebensdauer eines olfaktorisch grenzwertigen Darmwindes prophezeie. Wenn ich dann noch das dämliche Geschwafel von menstruierenden Männern höre, stelle ich mir vor, wie ich eine Bürgerinitiative gründe, um dutzende verschieden-geschlechtliche Toiletten in öffentlichen Gebäuden und auf öffentlichen Plätzen einzufordern, die mit dutzenden verschieden-geschlechtlichen Menstruations-Hygieneartikel ausgestattet sein müssten.

Ich fürchte nur, dass dies nicht funktionieren würde. Ich bin nämlich, wie gesagt, weiß, männlich und Hetero, und davon gibt es einfach viel zu viele, um als eigene Minderheit durchzugehen.

So wird es wohl beim Minderheitenterror bleiben.

Lesezeit ca.: 5 Minuten - Tippfehler melden - Peter Grohmüller 27. Dezember 2022

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