Spitze Feder

Künstliche Intelligenz? Echt jetzt?

Kuenstler Roboter Gemaelde

Kürzlich habe ich in der Zeitung mal wieder einen Kommentar gelesen, der sich mit dem Thema „künstlichen Intelligenz“ beschäftigt. Nun könnte man zu Recht fragen: So What?

Schließlich ist KI die Lieblingssau der Medien, die sie immer dann durchs Dorf jagt, wenn es mal wieder an der Zeit ist, den kulturellen Niedergang zu beklagen.

In besagtem Beitrag berichtet das Blatt über den unerhörten Affront eines Schweizer Schülers, dessen Arbeit über Johann Wolfgang von Goethe, mit Summa cum Laude bewertet wurde. Diese Note bekam er, ohne dass er auch nur eine lausige Zeile des deutschesten aller deutschen Dichterfürsten gelesen, sondern die gestellte Aufgabe nonchalant an eine KI delegiert hatte.

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Vielleicht fragt sich jemand nun, weshalb ich den Ausdruck künstlichen Intelligenz, eingangs in Anführungszeichen gesetzt habe. Nun: Ich möchte dadurch mit meiner bescheidenen, natürlichen Intelligenz zum Ausdruck bringen, dass ich mich von der Verwendung des Adjektivs „künstlich“ in Verbindung mit „Intelligenz“ distanziere, weil ich das Bohei für kompletten Unfug halte. Möglicherweise bin ich ja einer der letzten, eines aussterbenden Standes von Oldschool-Textern, die ihre Gedanken noch immer in die Tastatur hämmert und sich einzig von ihrem Bewusstsein und ihrer Kreativität leiten lassen.

Meiner völlig unbedeutenden Meinung nach ist „künstliche Intelligenz“ ohnehin eine Mogelpackung. Das, was sie vorgibt zu sein, und wofür tausende Skorbut-gefährdete Entwickler turmhohe Stapel an leeren Pizzaschachteln um sich herum aufbauen, ist, nüchtern betrachtet, nichts anderes als eine High-End-Software aus einer gigantischen Menge von hochentwickelten Algorithmen, die mit der aberwitzigen Rechenpower von Milliarden High-End-CPUs in der Lage ist, aus allen erdenklichen Datenbanken des Planeten, in Millisekunden etwas vermeintlich Sinnvolles zusammenzutackern. Ob es sich dabei um Texte, Bilder, Musik, oder gar Filme handelt, ist Jacke, wie Hose. Intelligent ist da zunächst mal garnix, sondern einfach nur triviale, aber durchaus beeindruckende Maloche. Punk!

Das, was „hinten rauskommt“, mag zwar zunächst wie das Ergebnis eines kreativen Aktes anmuten, auf den zweiten Blick ist es jedoch seelenlose Industrieware, ohne Individualität, ohne Handschrift, ohne Empathie, oder gar Bewusstsein. Die Kopie, einer Kopie, einer Kopie, die Kreativität nach zugrundeliegenden Algorithmen imitiert.

Apropos Bewusstsein: Lassen wir den Einwand des Philosophen Julian Nida-Rümelin mal ausser Acht, dass Intelligenz zwingend ein Bewusstsein voraussetze, und spinnen den Gedanken weiter, dass die künstliche Intelligenz, tatsächlich künstliche Intelligenz sei. Dann frage ich mich, wie weit die natürliche Dummheit der menschlichen Spezies schon vorangeschritten sein mag, um dem digitalen Hyper-Golem sehenden Auges uneingeschränkte Macht übertragen zu wollen, ohne erahnen zu können, wozu diese Kreatur einmal in der Lage sein wird. Man denke nur an den Blockbuster „Terminator III – Rebellion der Maschinen“, in dem der Cyborg (Arnold Schwarzenegger) lapidar bemerkt: „Um 2:14 Uhr entwickelt Skynet sein eigenes Bewusstsein“. Noch Fragen?

Technik Nerds, Politik und eine völlig verstrahlte Community, tanzen glücksbesoffen um das neue goldene Kalb und delirieren von einer geradezu paradiesischen Zukunft, in der künstliche Intelligenz das Elend der Welt ein für alle Mal ausmerzen wird. Einer Zukunft, in der Hunger, Neid, Gier, Armut, Ungerechtigkeit, Kriege, die Zerstörung des Planeten, und, und, und, der Vergangenheit angehören werden. Echt jetzt?

Anno 1942 formulierte der russisch-amerikanische Biochemiker und Schriftsteller, Isaac Asimov, seine drei Robotergesetze. Also lange, bevor der US-Amerikaner George Devol im Jahre 1956 überhaupt den ersten funktionsfähigen Industrieroboter vorstellte. Diese lauten, wie folgt:

  • Ein Roboter darf einem menschlichen Wesen keinen Schaden zufügen oder durch Untätigkeit zulassen, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird.
  • Ein Roboter muss den Befehlen gehorchen, die ihm von Menschen erteilt werden, es sei denn, dies würde gegen das erste Gebot verstoßen.
  • Ein Roboter muss seine eigene Existenz schützen, solange solch ein Schutz nicht gegen das erste oder zweite Gebot verstößt.
  • Später schob er noch das „nullte Gesetz“ nach:

  • „Ein Roboter darf der Menschheit keinen Schaden zufügen oder durch Untätigkeit zulassen, dass der Menschheit Schaden zugefügt wird.“
  • Die anderen drei Gesetze wurden im Nachhinein diesem nullten Gesetz übergeordnet.

    By the Way: Wie sieht es eigentlich mit den drei, respektive vier KI-Gesetzen aus? Gibt es diese, und falls nein, weshalb nicht? Oder anders gefragt: Ist es im 21. Jahrhundert nicht sogar ein sträflicher Anachronismus, auf altbackener Nostalgie zu beharren, oder müssen wir, angesichts der Globalisierung, diese analoge Gefühlsduselei, bar jeden volkswirtschaftlichen Nutzens, nicht hinter uns lassen?

    Hallo? Höre ich da etwa Protest? Echt jetzt? Leute, erst mal tief durch die Hose atmen und nachdenken. Geilen wir uns nicht daran auf, wenn ein Roboter-Fiffi von Boston Dynamics bei YouTube, süß über den Bildschirm krabbelt, Salti schlägt und Stöckchen apportiert? Leute, dieser Roboter-Fiffi ist ein Kuckucksei der Rüstungsindustrie! Punkt! In der „Endausbaustufe“ hört Fiffi nämlich auf den Namen „Atlas“. Als ein sogenanntes autonomes Waffensystem, läuft er auf zwei Beinen durchs Kriegsgeschehen, hat eine Kanone an Bord und ballert alles weg, das von dessen On-Board-KI als Feind definiert wird, ohne dass hierzu jemand in einer klimatisierten Baracke in Ramstein mit dem Joystick herumfuchteln muss …allerdings auch ohne, dass jemand ihn stoppen kann! Terminator lässt grüßen.

    Zugegeben: „Künstliche Intelligenz“ kann Millionen von MRT-Aufnahmen in Windeseile hochpräzise analysieren und einem Chirurgen ein mikroskopisches, mutmaßliches Karzinom anzeigen, dass seinem geübten Auge eventuell entgangen wäre; und eine zeitnahe Operation in diesem sehr frühen Stadium, ermöglichte dem Patienten eine nahezu hundertprozentige Heilungschance.

    Zugegeben: „Künstliche Intelligenz“ kann aus einer gigantischen Flut von Messdaten, die optimale Bewässerung und Düngung von Feldern und Plantagen in Echtzeit errechnen, somit Ressourcen schonen und Kosten senken.

    Zugegeben: Eine „Künstliche Intelligenz“ hat sogar die zehnte Symphonie von Ludwig van Beethoven vollendet, nachdem sie mit allen Partituren des Genies gefüttert wurde und von einem Team von Entwicklern die Anweisung bekam, es zu tun. Nun ja, nach der Aufführung senkten die meisten der Zuhörerinnen und Zuhörer die Daumen, da das Ganze dann doch ziemlich künstlich klang, wie das seelenlose Dieter-Bohlen-Pop-Gedudel, das 24/7 aus den Radios plärrt.

    Aber nochmals meine Frage: Was soll daran „intelligent“ sein, wenn eine Maschine mit unvorstellbarer Rechenpower in Sekundenbruchteilen hochkomplexe Aufgaben löst, für die nicht einmal die Dauer eines ganzen Menschenlebens ausreichte?

    Am Ende muss die Diskussion über die künstliche Intelligenz wohl vom technischen Standpunkt gelöst und auf einer philosophischen Ebene geführt werden. Bleibt zu hoffen, dass die Menschheit um 2:13 Uhr das System herunterfährt, bevor die Zukunft „heller (strahlt) als tausend Sonnen“ (Edward Teller).


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    Diese Kolumne schreibt vorwiegend Peter Grohmüller seine Gedanken zur Welt und dem Geschehen unserer Zeit auf.
    Seine fein geschliffenen „Ergüsse“ – wie er selbst sie nennt – erfreuen sich großer Beliebtheit.

    Hin und wieder erscheinen in dieser Kolumne auch Beiträge anderer Autoren, die dann jeweils entsprechend genannt werden.

    Die Texte sind Satire, Kommentare und Kolumnen. Es handelt sich um persönliche, freie Meinungsäußerung.

    Für die Texte ist der jeweilige Autor verantwortlich.

    Lesezeit ca.: 8 Minuten | Tippfehler melden | © Revision: 19. Mai 2024 | Peter Grohmüller 19. Mai 2024

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