Start Spitze Feder Jetzt mit verbesserter Rezeptur
  • Jetzt mit verbesserter Rezeptur

    Über Äonen habe ich, wenn es schnell gehen musste, oder wenn ich ich schlicht und ergreifend keinen Bock hatte, in der Küche den lecker-Lafer-Lichter zu geben, einfach eine Handvoll Pasta gekocht, mit der Bologneser-Sauce eines italienischen Herstellers und etwas frisch geriebenem Parmesan garniert. Hmmm! OK, das ist jetzt sicher nicht wirklich die gesunde, ausgewogene Ernährung mit Vitaminen, Omega-3-Fettsäure, Ballaststoffen und dem ganzen Brimbamborium…bla, bla, bla.

    Aber es ist all die Jahre gut gegangen, und die Sauce war immer saulecker, bis…ja bis ich auf der Dose in einer comicartig plazierten, schrill bunten Sprechblase lesen durfte: „Jetzt mit verbesserter Rezeptur!“. Ihr könnt Euch denken, was jetzt kommt: Ich erkenne meine Sauce nicht wieder.

    „Veränderte“ Rezeptur hätte ich mir ja noch gefallen lassen. Aber das dümmliche Marketing-Adjektiv „verbessert“ im Zusammenhang mit dem neuen Geschmack der Sauce, die jahrelang mein treues, kleines, schmackhaftes Bollwerk gegen urplötzlich auftretenden Heißhunger war…„verbessert“ kann man mit Fug und Recht als dreisten Euphemismus knicken, lochen und abheften.

    OK, mag der geneigte Leser denken, dann hör doch einfach auf den Convenience Müll zu futtern. Schließlich wird niemand wird gezwungen, sich die Bologneser-Sauce jenes italienischen Herstellers reinzuschaufeln – zumal wenn sie nicht mehr schmeckt. Mag ja sein, aber die „verbesserter Rezeptur“ endet ja nicht auf dem Pasta-Teller: Sie ist eine grassierende Seuche schlechthin.

    Jenseits aller Dosen-(nicht-)Delikatessen, erscheint mir allmählich die ganze Welt mit allen möglichen Dingen zugemüllt zu sein, die jetzt mit einer „verbesserten Rezeptur“ aufwarten, obwohl keine Sau an deren bisherigen etwas auszusetzen hatte. Vielleicht leide ich ja unter einer Neurose und ich bilde mir das alles nur ein. Aber hier mal ein Beispiel dafür, was ich mit solche fragwürdigen Verbesserungen meine:

    Es gab Zeiten, da waren die Waschmaschinen aus robustem Blech, hatten eine echte Glastür, soffen Hektoliter weise Wasser, nahmen sich aus der Steckdose, was das E-Werk so hergab und hielten 20 Jahre. Und heute? Eine Waschmaschine, die einfach nur wäscht? Ohne Netzwerk-Port? Geht garnicht! Wie bitteschön sollen die urbane Userin und der urbane User das Ding via Smartphone oder Tablet bedienen, wenn die Mühle nicht online ist?

    Heute wird in den Waschmaschinen neben Unmengen von Sensoren und anderem elektronischen Tinnef jede Menge Plastik verbaut, wo immer es machbar ist. Plaste ist eben billiger, als Blech. Sie brauchen nur noch halb soviel Strom und demnächst vermutlich gar kein Wasser mehr; sind also, dem Zeitgeiste entsprechend, extrem nachhaltig und Ressourcen-schonend.

    Dafür kosten die Geräte der Premiumhersteller Unsummen, brauchen quälend lange Stunden, bis eine dämliche Ladung Wäsche im Super-Bio-Öko-Sparmodus fertig ist; nach spätestens 5 Jahren klappert die Mechanik mitleidserweckend und zeigt an, dass es Zeit ist, für das neue, deutlich verbesserte Modell mit höherer Rechenleistung dank ultraschnellem Multikernprozessor.


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    Wenn ich unser Milchmädchen aus der Nachbarschaft den Preis der Mühle mit deren Lebenszyklus vergleichen lasse, fragt mich die Gute, ob die Leute noch allen Latten am Zaun haben, weil sie sich unbedingt eine solche Waschmaschinen mit verbesserter Rezeptur zulegen möchte. Alle fünf Jahre mal eben zwei Mille abdrücken? Da kannste Wasser und Strom für Generationen verprassen, wenn man bedenkt, dass die derben Blechkisten früher 20 Jahre durchhielten, einfach nur Wäsche wuschen und nie ein Softwareupdate brauchten.

    Aber dieses kranke Zeitgeistgetue mit der verbesserten Rezeptur macht nicht mal vor Menschen halt. Jeder, der in der Öffentlichkeit steht, etwas auf sich hält, für das Wohl der Menschen Verantwortung übernehmen und die Geschicke dieses unseres Landes mitgestalten will, bla, bla, bla…will meinen: die Politikerin und der Politiker von heute fühlen sich anscheinend genötigt, ihre Rezeptur ab und an zu verbessern, um dem Mainstream zu entsprechen. Das führt manchmal zu völlig abstrusen Chamäleon-artigen Metamorphosen:

    Nehmen wir beispielsweise unseren amtierenden Finanzminister Olaf Scholz. Der soll ja früher ein beinharter linker Knochen gewesen sein. Das war allerdings lange bevor er als staatstragender Oberbürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg die übelsten Kriegsverbrecher des Planeten mit gravitätischer Pose zum sogenannten G20-Gipfel an die Außenalster eingeladen hatte.

    Das glaubst Du nicht? Dann pass mal gut auf: Der Olaf hatte früher sogar mal Haare; damals, als er noch jener beinharte linker Knochen war; als die SPD noch sozial und demokratisch war; als die Genossinnen und Genossen sich noch eher den Werkbänken, als den Bankentürmen verpflichtet sahen; als sie ihre Wählerinnen und Wähler nicht mit einer verbesserten Rezeptur und schaftsdämlichem Konsensgeschwafel in den Wahnsinn, respektive in die Arme der geistigen Brandstifter á la Gauland, Meuthen & Co trieben.

    Damals, quasi als beinharter linker Knochen, bedauerte jener Olaf Scholz, der sich heutzutage mit den Auswüchsen des Raubtierkapitalismus und seinen komfortablen Einkünften als Bundesminister bestens arrangiert hat, in einem Gastbeitrag für eine Gewerkschaftszeitung zutiefst, dass sich die Sozialdemokraten zum Zwecke der schieren Machtbeteiligung, über Jahre hinweg mit den Konservativen, respektive dem kapitalistischen System, arrangiert hätten, statt ihrem originären Auftrag, gerecht zu werden, jenes System zu bekämpfen. Verbesserte Rezeptur sozusagen.

    In einer kurzen Meldung in der Tageszeitung war zu lesen, dass die Damen und Herren des Bundessicherheitsrats ihre geballte verbesserte Rezeptur bei einer ihrer geheimen Abstimmungen in die Waagschale geworfen haben, und dem Verkauf von Waffen mit verbesserter Rezeptur an Saudi Arabien für den Krieg im Jemen zugestimmt haben.


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