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In vino veritas

Mein Freund Peter und seine Frau Geraldine haben uns eingeladen, einen schönen Abend mit ihnen zu verbringen und eine Nacht dort zu übernachten. Er ist Fotograf, also Künstler und so ein Künstler trinkt natürlich kein Bier, das wäre viel zu profan, sondern er trinkt Wein, genauer gesagt Rotwein.

„Möchten Sie auch ein Glas leckeren Rotwein?“, fragt er die Allerliebste und mich. Anke trinkt ja bekanntermaßen viel lieber Bier und es ist mir schleierhaft, wie sie es schafft immer und überall ihr geliebtes Bier zu bekommen, ohne daß es anstößig oder unpassend wirkt. Ich erinnere mich an einen Fall, da mußte unser Gastgeber spätabends im strömenden Regen noch zur Trinkhalle an der Ecke laufen, um für Anke Flaschenbier zu kaufen. Sie stand so souverän über der Sache, daß ich absolut verwundert war, daß wir später sogar wieder dort eingeladen wurden.

Peter und Geraldine trinken zwar normalerweise auch kein Bier, haben aber vorsichtshalber welches im Haus. Gerade will ich sagen, daß ich auch lieber ein Bier hätte, da stellt mir Peter schon ein überdimensionales Glas mit Rotwein hin. Solche Gläser hatte meine Mutter früher als Blumenvasen.

„Den müssen sie probieren!“

Mit mir und dem Rotwein ist es aber so, daß ich mich geschmacklich in eine andere Richtung entwickelt habe, als die Winzer es für ihre Kunden vorschreiben.

Seit jeher galt es als große Kunst des Weinanbaus, süße und aromatische Weine zu erzeugen. Schon die Römer wußten das und liebten es, Speisen mit Honig und süßen Weinen zu würzen. Vor Jahren beschlossen die Winzergenossenschaften, ihren Kunden nur noch saure Weine anzubieten. Herb oder trocken nennen sie ihre Produkte. Und da man lang genug in diversen Weinzeitschriften auf die Kundschaft einpredigte, glauben nun offensichtlich alle Menschen außer mir, daß saure Weine besonders gut sind.

Peter und Geraldine mögen trockene Weine, meinetwegen. Ich hätte lieber einen Lieblichen.

„Ach was! Ich werde ihnen die besten Tropfen kredenzen und sie werden sehen, wie gut herbe Weine sind“, sagt Peter und entkorkt eine teuer aussehende Flasche.

„Vor der Zunge schmeckt er leicht nach Rosinen und auf der Zunge nach Himbeeren. Im Abgang hat er ein erdiges Schokoladenaroma“, sagt er leicht schmatzend und offensichtlich schmeckt ihm der Wein. „Probieren sie, probieren sie“, fordert er mich auf und schenkt mir ein. Der Wein ist sauer, nur sauer, sonst nichts. Ich versuche es ihm nachzutun und schmatze ein wenig. Vielleicht offenbart sich ja auch mir der unvergleichliche Geschmack nach Rosinen, Himbeeren und Schokolade, wenn ich mir nur Mühe gebe. Nach dem Schmatzen schlucke ich den Wein hinunter, auch im Hals bleibt er sauer.

„Und?“, fragt mich Peter gespannt.

„Ich schmecke nur Rotwein, sonst nichts“, sage ich wahrheitsgemäß.

„Haben sie ihn neben die Zunge gebracht?“, erkundigt er sich.

„Nein, ich wußte nicht, daß man das machen muß.“

„Dann probieren sie mal den hier“, sagt er und öffnet eine weitere Flasche, „der schmeckt zuerst ganz intensiv nach Johannisbeere mit einem leichten Vanillearoma, dann kommt der schwere Traubengeschmack und im Abgang setzt sich ein kräftiges Nußaroma mit einem leichten Anflug von Mandel durch.“

Gerade will ich trinken, da erinnert mich Peter daran, ja nicht zu vergessen, den Wein auch neben die Zunge zu nehmen. „Ziehen sie ordentlich Luft links neben die Zunge, den Wein nach rechts und dann mit der Zunge mischen!“

Es gelingt mir nur mit Mühe, den Wein nicht aus den Mundwinkeln laufen zu lassen, ich schmatze und schlürfe, aber so sehr ich mich auch bemühe, ich bekomme ihn nicht neben die Zunge. Immer will er entweder unter die Zunge oder die Kehle hinab.

„Ich kann das nicht“, sage ich und mache ein betretenes Gesicht.

Geraldine kommt ihrem Mann zur Hilfe: „Vielleicht sollten sie probieren, die Zunge nach hinten zu rollen, bis ganz an das Zäpfchen.“

Peter schenkt mir einen weiteren seiner erlesenen Tropfen ein: „So, jetzt aber, der schmeckt nach Pfirsich und hinterher leicht nach Aprikose.“

Verzweifelt versuche ich den Wein neben die Zunge zu bekommen und diese dabei weit nach hinten zu rollen. Als Ergebnis habe ich einen Würgereiz und verschlucke mich an dem sauren Wein. Nachdem ich mich wieder etwas erholt habe, frage ich ganz vorsichtig an: „Besteht denn nicht die Möglichkeit, daß ich einfach nur ein Glas Wasser bekomme?“

„Ach was“, sagt Peter, „wir werden doch noch einen Wein finden, der ihnen schmeckt.“

Geraldine macht ein bedrücktes Gesicht und zuckt nur mit den Achseln. Ihr Mann durchsucht schon eine ganze Weile das sündhaft teure Weinregal aus der Provence und sagt dann mit einem enttäuschten Unterton: „Es tut mir leid, aber ich habe nur noch eine Flasche ganz billigen Wein aus dem Supermarkt an der Ecke, den wollten wir mal zum Kochen nehmen, den kann ich ihnen unmöglich anbieten.“

„Doch, schenken sie ein“, fordere ich ihn auf. Insgeheim hoffe ich darauf, daß es dieses Mal ein lieblicher Tropfen ist. Und tatsächlich, als ich den Billigwein aus dem Supermarkt probiere, perlt mir ein frischer, aromatischer und keineswegs saurer Wein die Kehle hinunter. Er schmeckt herrlich!

Als ich das unseren Gastgebern sage, blicke ich in ungläubige Gesichter.

„Der hat doch nur 1,99 gekostet“, ist das Einzige was Peter dazu sagen kann, seine Frau schüttelt stumm den Kopf.

„Kommen sie“, fordere ich die beiden auf, „probieren sie mal einen Schluck, der schmeckt wirklich gut.

Mit spitzen Fingern, so als ob er einen Schluck aus der Bettflasche des Großvaters nehmen müßte, nimmt Peter das Glas, nippt einmal kurz daran und verzieht das Gesicht: „Pfui, ist der süß!“

„Nein, den können wir ihnen dann wirklich nicht anbieten“, sagt Geraldine und will mir die Flasche wegnehmen. Nach einem Abend, an dem ich etwa ein halbes Dutzend teure Essigweine probieren mußte, will ich mir aber den ersten trinkbaren Wein nicht kampflos nehmen lassen und stehe auf. Vielleicht kann ich sie durch bloße Demonstration meiner Körpergröße davon abhalten, mich meines lieblichen Trunkes zu berauben.

Doch Peter drückt mich auf den Stuhl zurück und hindert mich daran, Geraldine mit einem Hechtsprung zu folgen, als sie meinen leckeren Wein in die Küche trägt.

„Bitte“, flehe ich, „lassen sie mir doch den Wein, der schmeckt mir wirklich gut.“

„Gewürztraminer!“, kräht Peter und Sekunden später ploppt der Korken aus der Flasche. Der Wein schmeckt nach Maggi, finde ich und schüttele mich angewidert.

„Sanct Claqueur de Bouvier!“

Plopp!

Sauer und bitter.

„Charmeur de Closett! Ein 78er!“

Plopp!

Sauer, sehr sauer!

„Radon de Migraen!“

Plopp!

Bitter, korkig, sauer, es schüttelt mich.

Langsam beginnt der Wein seine Wirkung zu entfalten, denn auch wenn es hier aufgeschrieben so aussieht, als ob die teuren Flaschen in rascher Folge aufploppen, ist es doch so, daß ich natürlich jeden Tropfen links neben die Zunge bekommen muß und es nicht vermeiden kann, etliches davon zu schlucken.

Anke mümmelt unterdessen an ihrem Bier und amüsiert sich ganz offensichtlich darüber, daß ich absolut wehrlos einer Kampforgie aus französischen Weinen ausgesetzt bin.

Doch allmählich kann ich keinen meiner Sinne mehr koordinieren und äußere unter Aufbietung aller Kraft, nur um ja nicht zu lallen, den Wunsch, mich zurückziehen zu dürfen.

Da es schon spät geworden ist, hat man allgemein nichts gegen meinen Wunsch einzuwenden.

Es fällt mir etwas schwer, die Treppe zum Gästezimmer zu bewältigen, warum sind die Treppen in solchen Häusern auch immer so schief und wackelig?

Ich falle schnell in einen unruhigen Schlaf. In der Nacht träume ich, daß Geraldine in unser Zimmer kommt. Was hält sie hinter ihrem Rücken verborgen? Sie trägt ein langes weißes Gewand und lächelt. Sie sieht aus, wie eine wunderschöne keltische Priesterin. Langsam nähert sie sich meinem Bett. Ich will mich leicht aufrichten, doch sie drückt mich zurück auf die Matratze, dann –in meinem Traum- sitzt sie auf einmal auf meiner Brust. Ich will mich gerade über die willkommene Abwechslung in meinen sonst eher langweiligen Träumen freuen, da bemerke ich, daß sie mich festhält und zwar mit beiden Händen. Mit der dritten Hand holt sie etwas hinter ihrem Rücken hervor. Es ist ein riesengroßer Trichter! Sie hält ihn über meinen Mund und im gleichen Moment ist auch schon Peter da. Er lacht ein diabolisches Lachen, mit Echo-Hall-Effekt! Im gleichen Moment hat er zwei Flaschen Rotwein in den Händen und gießt diese durch den Trichter in meinen Mund. Sind das da Hörner auf seinem Kopf?

Ich will aufspringen, doch das geht nicht, die Frau ist viel zu schwer und außerdem hat Peter sein Knie auf meine Brust gestützt und schüttet noch eine Flasche Wein in den Trichter. Immer wieder lachen beide ihr satanisches Rotwein-Lachen und ich will schreien. Doch ich muß schlucken, sauren roten Wein schlucken und kann nicht schreien.

„Trinken Sie, den müssen sie probieren“, ruft Peter und mir gelingt es: „Gnade! Gnade!“ zu rufen.

Jemand rüttelt mich an meiner Schulter, es ist Anke, die neben mir im Bett liegt. Peter und Geraldine sind auf einmal verschwunden.

„Schatz, was hast du bloß geträumt?“, fragt die Allerliebste, „Du bist ja naßgeschwitzt.“

Leicht verwirrt schaue ich mich im Gästezimmer um, es ist wirklich niemand mehr da. Obwohl mein Herz heftig klopft, schlafe ich schnell wieder ein.

Am nächsten Morgen steht unsere Abreise bevor. Neben einigen Freundschaftsgeschenken, packen uns Geraldine und Peter auch die angebrochene Flasche des leckeren Billigweins ein. Zu Anke gewandt meint Peter: „Wenn sie mal was mit Rotwein kochen wollen…“

So kommt es, daß ich heute hier an meiner Schreibmaschine sitze, diese Geschichte schreiben kann und dabei einen der leckersten Weine der Welt trinken kann. Für 1,99!

Man muß wissen, daß Peter und ich uns siezen. Wir kennen uns zwar schon über zehn Jahre, sind aber wegen der gleichen Vornamen und weil wir es etwas Besonderes finden, immer beim Sie geblieben.

Lesezeit ca.: 11 Minuten - Tippfehler melden - Peter Wilhelm 26. November 2012

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