Start Spitze Feder Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen
  • Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen

    Von dem französischen Philosophen François-Marie Arouet alias Voltaire stammt der Aphorismus: „Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen“. Dieser Überschwang sei ihm zugestanden, lebte er doch in den euphorischen Zeiten der Aufklärung nach der absolutistischen Barbarei vergangener Jahrhunderte.

    Ganz so weit würde ich ihm in puncto Freiheit nicht folgen. Ich wollte mein Leben nicht verlieren, damit rechte Profilneurotiker wie der CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer die Welt unbehelligt mit ihren rassistischen Hasstiraden besudeln können.

    Passender in diesen Zeiten dürfte wohl der Satz von Rosa Luxemburg sein: „Freiheit ist immer nur die Freiheit der Andersdenkenden“. Dies setzt nämlich Respekt voraus. Eine Charaktereigenschaft, die Scheuer und Konsorten völlig abgeht.

    Ihm, Thomas de Maizière und all den anderen, die nach dem Pariser Massaker mal wieder hirn- und kopflos geifernd nach der Vorratsdatenspeicherung schreien mögen, sei der Satz von Benjamin Franklin um die Ohren gehauen: „Wer Freiheiten aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, verdient weder Freiheit noch Sicherheit“.

    Bei all der marktschreierischen Kakophonie aus unberufenem Munde derer, die sich anmaßen über unser Wohl und unsere Freiheit entscheiden zu wollen, sollte man vielleicht zuerst mal überlegen, was der Begriff Freiheit eigentlich bedeutet. Denn es macht wenig Sinn, wenn Leute sich streiten und nicht einmal die gleiche Sprach sprechen, geschweige denn das gleiche meinen. Nach dem Motto: ein Physiker und ein Buddhist unterhalten sich über Energie.

    In der beinahe allwissenden Internet-Enzyklopädie Wikipedia steht zu lesen:

    „Freiheit (lateinisch Libertas) wird in der Regel verstanden als die Möglichkeit, ohne Zwang zwischen allen Möglichkeiten auswählen und entscheiden zu können. Der Begriff benennt in Philosophie und Recht der Moderne allgemein einen Zustand der Autonomie eines Subjekts“

    Also: wie sieht sie denn nun aus, unsere Freiheit? Nach dem Schengener Abkommen kann jeder, der in dem sogenannten Schengen-Raum zur Welt gekommen ist und einen entsprechenden Pass besitzt, seinen Lebensmittelpunkt dahin verlegen, wo es ihm gefällt. Aus Gründen persönlicher Borniertheit – die Freiheit nehme ich mir – habe ich bei den nachstehenden Beispielen auf korrektes Gendering verzichtet. Der Franzose zieht also nach Portugal, der Italiener nach Frankreich, der Spanier nach Österreich, der Ire nach Dänemark, der Rumäne nach Deutschland,………….

    Stop!!!! Das geht jetzt zu weit. Das haben die geistigen Mütter und Väter des Schengener Abkommens (man beachte hier das Gendering – das nennt man Willkür, aber darauf komme ich später noch zu sprechen) sicher nicht so gemeint, dass jetzt kriminelles arbeitsscheues Gesindel aus den Karpaten unsere fleißbesoffene Republik überrennt und seine minderwertige Brut mit deutschen Steuergeldern durchfüttert.

    Im Gegenteil! Der Gedanke war nämlich ein ganz anderer: dass einfach nur spanische Zwiebeln ungestört in die Pfalz kommen sollten, oder eben deutsche Maschinen nach Portugal, ohne den nervigen Zoll-Kuddelmuddel. Weil das kostet ja Geld und – oh Gott – vielleicht am Ende noch deutsche Arbeitsplätze?


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    Einzig darum ging und geht es im Schengener Abkommen: um Profit. Die Reisefreiheit war und ist nur schöne Verpackung für das dumme Wahlvolk und soll sich bitteschön auf die schönsten Wochen des Jahres am Mittelmeer, ja gerne auch in Griechenland, und ähnlichen Destinationen beschränken. Wenn es nach den Ultras um Thomas de Maizière geht, dürfen sich allerhöchstens die bestens ausgebildeten Akademiker in Deutschland niederlassen, mit der Betonung auf „nieder“ im Sinne von devot, und hier die von neoliberalem Raubrittertum geplünderten Sozialkassen wieder auffüllen. Dass man die Herkunftsländer damit um den Benefit ihres Investments in die Jugend betrügt und diese dann hämisch als Schuldenstaaten betitelt? Diese Freiheit nehmen wir uns.

    Das Schengener Abkommen taugt also nicht wirklich, um zu erklären, was Freiheit bedeutet, und warum es so wichtig sein könnte, sie wegen einer vermeintlichen Sicherheit zu beschneiden oder gar komplett gegen Sicherheit zu tauschen. Denn mit Freiheit haben rein kommerzielle Konstrukte, wie eben solche Abkommen, gewöhnlich nicht viel gemein. Ausser vielleicht der Umstand, dass der Verkäufer für sich die Freiheit reklamiert, jeden Mist zu überzogenen Preisen ungestraft an den Mann bringen zu dürfen. Man kann diesen Hintergrund des Schengener Abkommens übrigens gefahrlos auf die globalen Deals wie TTIP und CETA übertragen.

    Jetzt sind wir bei der Überlegung, was Freiheit bedeutet, noch keinen Schritt weiter. Vielleicht versuchen wir es einfach über die Schiene der „freiheitlich demokratischen Grundordnung“. Diese sakrosankte Wortkombination, die je nach Anlass entweder mit Ehrfurcht geflüstert, oder lärmend als Monstranz durch die Landschaft getragen wird, besticht durch ein Ensemble wohlklingender Komponenten wie Freiheit, Demokratie und Grundordnung. Wobei letzteres nicht einfach irgendeine Ordnung, wie beispielweise die Hausordnung in der Chemnitzer Plattenbausiedlung beschreibt, sondern die Ordnung als solche – also quasi die Ordnung von Grund auf.

    Und jetzt, wie versprochen, komme ich nochmal auf die Verbindung von Freiheit und Willkür zurück. Denn hier zeigt sich das wahre Elend von Begrifflichkeiten.

    Es gibt in dieser unserer Republik nämlich eine Partei, die in ihrem Namen die Deutungshoheit über Freiheit und Demokratie für sich beansprucht und die die Verquickung von Freiheit und Willkür bis zur Virtuosität beherrscht: die freiheitlich demokratische Partei Deutschlands, kurz FDP.

    Deren Mitgliederzahl mag zwar zwischen überschaubar und marginal changieren, deren Verständnis von Freiheit ist jedoch legendär. Die FDP ist derart liberal, dass weder plagiierte Dissertationen (Silvana Koch-Mehrin), noch juristisch abgeurteilter Spendenbetrug (Otto Graf von Lambsdorff) für Amt oder Ehren ein Hindernis darstellen, von den anzüglichen Bemerkungen über das Dekolleté einer Journalistin durch einen halbbesoffenen Lustgreis, der als FDP-Spitzenkandidat für den Bundeswahlkampf kandidierte (Rainer Brüderle) mal ganz abgesehen.

    Deshalb ist es für die Liberalen (so nennen sich die Parteimitglieder in beinahe schon verschwörerischem Pathos) auch kein Problem, dass das ehemalige Kabinettsmitglied Daniel Bahr aus dem Gesundheitsressort zuerst die private Krankenversicherung per Gesetz in den Adelsstand erhob und danach zu Allianz in den Vorstand wechselte, dem größten Anbieter dieser Provisionsschindereien, die als Betrug zu bezeichnen ein Höchstmaß an diplomatischem Feingefühl erfordert. Auch dass sein Kollege Dirk Niebel, der waffenstarrende Fallschirmjäger aus dem Entwicklungshilfeministerium, zuerst den Planeten auf Kosten der Steuerzahler mehrfach ministrabel umrundete, und nun knallhart als Cheflobbyist bei Rheinmetall den Vertrieb von hochmodernen Waffensystemen an sämtliche Despoten in den Entwicklungsländern mit Sachverstand moderiert, deckt sich vollkommen mit dem Freiheitsbegriff der FDP.

    Diese Art von Freiheit oder auch Freizügigkeit gilt es also zu verteidigen? Also ich weiß nicht. Ich hätte damit kein Problem, wenn man solch ekelerregende Raffgier per Gesetz verböte. Ich nehme mir sogar die Freiheit, mir alle möglichen körperlichen Strafen für dieses Elende Pack auszumalen. Die Gedanken sind nämlich wirklich frei!


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    6 Kommentare

    1. Yukari

      20. Februar 2015 at 12:44

      Die FDP ist für mich persönlich schon seit der Möllemann-Flugblatt-Affäre auf der Liste der Parteien gelandet, denen ich meine Stimme nicht freiwillig gebe. Möllemann war nun mit Sicherheit kein unschuldiges Opfer, aber es glaubt ja wohl kein Mensch, dass er seine Flugblätter heimlich nach Dienstschluss an allen anderen vorbei allein erstellt und layoutet, privat finanziert, in Empfang genommen und in alle Briefkästen verteilt hat, so wie es dann implizit dargestellt wurde, als die Flyer auf negative Reaktionen stießen: Auf einmal hat keiner von was gewußt, keiner war beteiligt und wenn, hätte ganz sicher auch keiner mitgemacht. Hätte sich eine andere Resonanz auf die Flugblätter gezeigt, wären sie garantiert alle dabei gewesen. In dieser Angelegenheit hat sich nicht nur Möllemann selbst nicht mit Ruhm bekleckert: Auch seine Partei“genossen“ haben ein außergewöhnlich abstoßendes Beispiel für Heuchelei, Wetterfahnen- und Kameradenschweintum in der Politik gegeben. Nicht, dass sie damit alleine wären! Andere Parteien liefern ähnliche oder ebenso gute Gründe, sie nicht zu wählen: Der CDU vergesse ich die Parteispendenaffäre nicht; die Linke als offizieller Rechtsnachfolger der SED disqualifiziert sich von selbst (einmal DDR und nie wieder!); von manchen Inhalten mancher Parteien mal ganz zu schweigen. Ich versuche vor jeder Wahl das kleinste Übel zu finden, bei dem ich mein Kreuzchen noch guten Gewissens machen kann, denn nicht wählen möchte ich auch nicht – dann eher den Stimmzettel ungültig machen.

      Antwort

    2. Peter Grohmüller

      20. Februar 2015 at 13:59

      Hallo Yukari,

      Danke für Deine Worte. Es ist schön, festzustellen, dass meine zornigen Gedanken geteilt werden 🙂 Dein ernüchternder Schlußsatz nimmt übrigens den demnächst erscheinenden zweiten Teil zum Thema schon vorweg – auch dann wieder mit virtuoser Illustration durch meinen Freund und Namensvetter, der mir dieses Forum bietet. Unsere „gestalterische“ Freiheit beschränkt sich faktisch darauf, alle vier Jahre aus vielen Übeln das kleinste zu wählen. Wobei man nie sicher sein kann. Siehe Schröder und Hartz IV, Kosovo-Krieg, und, und, und…..

      Antwort

      • riepichiep

        21. Februar 2015 at 18:42

        Volker Pispers sagte mal so nett: „Warum muss das kleinere Übel auch immer so groß sein?“

        Antwort

    3. Peter Wilhelm

      20. Februar 2015 at 16:00

      Früher fühlte ich mich bei der CDU zu Hause. Die FDP war für mich nie eine Wahl, denn zu offensichtlich ist, wessen Interessen sie vertreten, und das sind nicht meine.
      Der ganze Kommunismuskrempel hat sich selbst ad absurdum geführt.
      Die LINKE hat nur einen Kopf, Herrn Gysi. Ich bewundere seine Rhetorik.
      Doch das was er sagt, ist oft genug dem Wunsch und Maul des Wählers angenähert und ich sehe dort nichts, das in der Lage wäre, das vollmundig Geforderte auch umzusetzen.
      Hinzu kommt, daß eine SED-Nachfolgepartei einfach nur unwählbar ist.
      Die SPD hat seit Agenda 2010, den Hartz- und Riestergesetzen bei mir kein hohes Ansehen mehr. Dadurch wurden Menschen in die Armut getrieben, während der größte Kanzlerdarsteller aller Zeiten, es sich schön in Putins Gasfirma bequem gemacht hat.

      Was bleibt? Die AfD mit diesem komischen Herrn Luke? Lucky Luke, oder was?

      Die Grünen, ja, was ist mit denen? Vom ursprünglichen Gedanken einer Umwelt- und Friedenspartei sind die Grünen weiter entfernt als der südbayerischste Ortsverband der CSU.

      Ich glaube beim nächsten Mal mache ich es so wie beim Pferderennen, ich gucke nicht auf den Stall bzw. die Partei, sondern wähle den mit dem lustigsten Namen.

      Antwort

    4. Peter Grohmüller

      20. Februar 2015 at 17:30

      Bei näherer Betrachtung hat sich unser demokratisches Parteiensystem doch längst in einer Art zwanghaftem Konsens aufgelöst und damit erledigt. Wenn überhaupt, sind ideologische Unterschiede zwischen CDU, CSU, FDP, SPD und Grünen nur noch marginal – alle wollen „die Mitte“ besetzen – und werden bei Bedarf als Fußnoten in den Koalitionsverträgen entsorgt. Was zählt, ist immer und immer wieder der Konsens, und der wird dann als Wählerauftrag verkauft, als das Ergebnis eines demokratischen Prozesses. Die materielle Verelendung ganzer Bevölkerungsschichten steigt rasant, währen der Reichtum bei der Minderheit „am Drücker“ obszöne Ausmaße erreicht. Was wir bräuchten wäre ein ethischer und moralischer Reset der Bevölkerung. Aber ich sehe weltweit niemanden, dem ich die Integrität zugestehen könnte, den Knopf zu drücken. Es ist zum Davonlaufen. Aber zumindest diese Freiheit haben wir noch, im Gegensatz zu den Menschen in Nord-Korea.

      Antwort

    5. Ehrengard Becken-Landwehrs

      7. Februar 2016 at 11:49

      Zitat: „Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen.“ Zitat Ende.
      Wird regelmäßig Voltaire zugeschrieben, stammt aber definitiv nicht von ihm. Die Aussage stammt von Evelyn Beatrice Hall, die diesen Satz in ihrem Buch. „Die Freunde Voltairs) „The Friends of Volaire“ benutzte, „um Voltaires Einstellung zu Claude Adrien Helvétius zu charakterisieren“. Hall schrieb unter dem Pseudonym Stephen G. Tallentyre. War wohl immer noch schwierig für Frauen um die Jahrhundertwende auf dem Büchermarkt Fuß zu fassen.

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