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Funktionskleidung

Dass bemannte Raumfahrt ein Fass ohne Boden ist, dürfte als Binsenweisheit gelten.

Schon die Features zur Lebenserhaltung von Astro-, Taiko- und Kosmonauten beiderlei Geschlechts, kosten astronomische Summen, für die man ganze Heerscharen von Robotern und Satelliten bauen und ins All bringen könnte. Diese verrichten ihren Job, wo immer man sie platziert, und man benötigt für sie keine aufwändige Wohnmodule mit Atemluft, Toiletten und Wasserversorgung und erst recht keine Reparaturen, die in euphemistischem Sprech als Weltraumspaziergänge bezeichnet werden.

Irgendwann begannen folgerichtig auch die Medien nach dem Sinn der bemannten Raumfahrt zu fragen, und ob die Forschungsergebnisse auf der ISS, die geschätzten 150 Milliarden $ auch rechtfertigen, die „der Außenposten der Menschheit im All“ bisher verschlungen hat. Schließlich mussten sie ihrer Funktion als Spaßbremsen der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler ja gerecht werden.

Alsbald besannen sich die Hersteller der schweineteuren Geräte, nebst der Betreiber der ISS, auf ihre höchsten Tugenden und zündeten ein wahres PR-Feuerwerk, mit dem sie Micheline und Michel „den Segen der bemannten Raumfahrt für die ganze Menschheit“ erklärten … an dessen Ende die Teflonpfanne stand.

Mittlerweile feiern die 440 Tonnen ISS ihr silbernes Jubiläum im Orbit, die Kosten sind längst zum UNESCO-Weltkulturgeheimnis erhoben, und sowohl der Iwan, als auch der Ami werkeln da oben fröhlich zusammen weiter, unabhängig davon, dass sie sich unten auf dem Boden spinnefeind sind.

Dummerweise werden die Teflonpfannen mittlerweile in Onlineshops zu Spottpreisen verramscht. Deshalb haben die PR-Strategen die Küche von Micheline und Michel als Main-Target abgehakt und fahren nun eine neue Strategie, um weitere Milliarden für Astro-Alex & Co als Segen für die ganze Menschheit … Bla, Bla, Rhabarber: Michelines und Michels Kleiderschrank.

Ein Raumanzug ist, wie man weiß, ein textiles Wunderwerk. Laminiert aus zig Lagen High-End-Werkstoffen, kostet er bisher schlanke 20 Millionen $. Für die Mondmission 2024 werden gerade neue Raumanzüge entwickelt, die pro Stück sogar rund eine Milliarde $ kosten werden. Da muss doch einfach etwas abfallen, das man Micheline und Michel als den heißesten Scheiß verkaufen kann. Und deshalb wurde die Teflonpfanne ad acta gelegt und eine neue Legende gestrickt … im wahrsten Sinne des Wortes.

Früher hielt man sich Wim-Thoelke-mäßig mit Dauerlauf auf dem Trimm-Dich-Pfad fit und trug dabei eine Turnhose, ein Baumwollleibchen und Turnlatschen. So weit, so uncool. Heute geht man joggen und trägt die angesagteste Funktionskleidung. Shorts, T-Shirts, oder Hoodies aus den gleichen schweineteuren Materialien, aus denen der Dress vom Astro-Alex zusammengedübelt wurde.

Diese High-End-Klamotten sind garantiert funktions- und formbeständig für Tausende von Jahren. Das lesen schmachtende, blonde, silikon-gepimpte Influencerinnen mit aufgespritzten Lippen auf Insta-Toc kuhäugig vom Prospekt ab. Dass diese Hosen, Socken und Shirts über eine Armada von Sensoren via Android und/oder iOS an die Smartwatch melden, ob man schwitzt, und dass man darin beim Joggen sogar vor Einschlägen von Mikro-Meteoriten geschützt ist, versteht sich bei den Preisen von selbst, oder?

Unbestätigten Gerüchten zufolge, sollen die Platzhirsche aus Herzogenaurach auf der ISPO Munich 2023 die nächste Generation von Running-Schuhe präsentieren. Diese werden sich vermutlich deutlich über der 1.000-€-Grenze bewegen. Dafür bekommen die Userin und der User aber auch ein total abgespacetes Wunderwerk, das über Tritt-Sensoren die Bodenstruktur scannt und das Memory-Foam-Fußbett automatisch an das jeweilige Gelände anpasst – stufenlos! Als absolutes Highlight gelten smarte Schnürsenkel, die der Smartwatch ebenfalls ihren aktuellen Status übermitteln und akustisch vor dem Laufen darauf hinweisen, dass sie noch nicht gebunden sind.

Aus dem Inner Circle des US-Raumfahrt- und Rüstungsunternehmen Boston Dynamics wurde geleakt, dass es an der Beta-Version eines programmierbaren Exoskeletts aus ultraleichten und extrem belastbaren Kohlefaser-Verbundwerkstoffen arbeite. Dieses könne individuelle Bewegungsabläufe speichern und im Einsatz zu 100 % reproduzieren. Damit könnten die Userinnen und User ihr technisches Alter-Ego sogar alleine zum Laufen schicken, wenn es für sie selbst gerade unpassend sei, und dadurch trotzdem keine Trainingseinheit verpassen.

Somit finden die Errungenschaften der bemannten Raumfahrt, nach der Teflonpfanne, erneut ihren Einzug in unseren Alltag. Allerdings auf wesentlich höherem Niveau und deutlich höherem Nutzwert … und die astronomischen Kosten für Forschung und Entwicklung finden en passant weiterhin ihre Berechtigung.

Bildquellen

  • export-pexels-a koolshooter-small: Pexels
Lesezeit ca.: 5 Minuten - Tippfehler melden - Peter Grohmüller 15. Januar 2023

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