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  • Er oder Sie?

    „So kann es nicht weitergehen“, unterbricht Frau Rippenstiel-Hammersberger das tumultartige Durcheinander und es gelingt ihr Ruhe in den überfüllten Saal zu bringen. 120 Markthändler und Markthändlerinnen sind zusammengekommen, um über die Vorschläge der Gleichstellungsbeauftragten für Viktualien abzustimmen.

    Frauen stehen den halben Tag in der Küche und sind die restliche Zeit mit dem Einkaufen beschäftigt. Hierbei müssen sie sich die Auswüchse einer patriarchalischen Männergesellschaft gefallen lassen, die willkürlich zahlreiche Produkte des täglichen Bedarfs maskulinisiert haben. Das ist der Vorwurf, mit dem sich die Anwesenden auseinandersetzen müssen. Vor alle das Wort Petersilie hat zu großem Unmut geführt und nach zweistündigen, heftig geführten Diskussionen, wurde die neue Variante „Petersilin“ zugunsten der „Petrasilie“ fallengelassen.

    Frau Rippenstiel-Hammersberger geht das aber noch nicht weit genug, sie selbst hätte „Petrasilin“ bevorzugt, gibt sich aber zähneknirschend mit dem Kompromiss zufrieden, weiß sie doch, dass noch wichtige Begriffe vor ihnen liegen, die sicherlich zu besonderen Kontroversen führen werden. Die „Himbeere“ beispielsweise. Kaum einem ist bislang aufgefallen, das „him“ auf Englisch „ihm“ bedeutet und deshalb muss diese Frucht unbedingt in „Herbeere“ umbenannt werden, Gerechtigkeit muss schließlich sein.

    Karl Schranzler von der Vereinigung bayerischer Marktbauern gibt zu erkennen, dass seine Fraktion kompromissbereit ist: „Wir stimmen der ‚Herbeere‘ zu, aber nur wenn die Williams-Christ-Birne nicht in Wilhelmine-Christa-Birne umbenannt wird!“

    „Macho!“, rufen einige der anwesenden Frauen und die Vertreterin der feministisch-esoterischen Gruppe, die sich „Arula“ nennt, aber eigentlich Martha Knopf heißt, fügt noch ein „Chauvinist!“ hinzu.

    Man kommt überein, daß die Williams-Christ-Birne ihren Namen behalten darf, wenn im Gegenzug die „Himbeere“ zur „Herbeere“ wird und gleichzeitig die „Erdbeere“ zur „Siedbeere“ wird. Arula ruft: „Warum nicht Siedbärin?“

    Schranzler von den bayerischen Marktbauern stimmt resignierend zu: „Meinetwegen auch Siedbärin, aber nur wenn der Sellerie nicht zum Sellsierie wird!“

    „Dann werden nachher die ‚Eier“ noch zu ‚Eisie'“, ruft ein anderer Markthändler und fängt sich die empörten Blicke der Gleichstellungsbeauftragten und ihrer Anhängerschaft ein.


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    „Wir sind ja nicht zum Scherzen hier!“, raunzt ihn die Rippenstiel-Hammersberger an und wendet sich dem Wort Erdapfel zu; Siedapfel soll das künftig heissen und dem wird auch zugestimmt, meint Schranzler, wenn gleichzeitig die synonyme Verwendung des Wortes Kartoffel gestattet bleiben würde.

    „Wobei das ja deutlich an den männlichen Vornamen Karl erinnert“, gibt Arula zu bedenken, findet aber weiter kein Gehör.

    Sieben Stunden berät man und obwohl es zwischenzeitlich laut hergeht, findet man tatsächlich genügend Kompromisse, um der Bundesregierung eine entsprechende Liste neuer Produktnamen vorlegen zu können:

    Sausiekaut
    Petrasilie
    Herbeere
    Siedapfel
    Siedbeere
    Sellsierie
    Zandsie
    usw.

    Im Kabinett wirft die Kanzlerin nur einen kurzen Blick auf die insgesamt 28 Seiten der Liste und meint, man habe sich gerade erst als Ostdeutscher an die Fülle frischer Produkte gewöhnt und könne das jetzt nicht Knall auf Fall einfach alles über den Haufen werfen.
    Überhaupt müsse zunächst einmal eine Kommission auf Regierungsebene, besser noch ein eigenes Bundesamt, geschaffen werden und vor Ablauf von 6 Jahren sei sowieso nicht mit den ersten Ergebnissen zu rechnen. Erst dann wolle man das in Form einer Empfehlung auf den Weg bringen und es dann den einzelnen Ländern überlassen, wann und in welcher Form sie die Empfehlung umsetzen.

    Ein Staatssekretär gibt zu bedenken, daß das Ganze doch ein ziemlich alberner Quatsch sei und schließlich auch alle Schul- und Wörterbücher entsprechend geändert werden müssten, so ein Unsinn sei dem Volk doch nicht zu vermitteln. Da schaut die Kanzlerin kurz über ihre Lesebrille und sagt an die Runde gewandt: „Wir sind das Volk!“

    Na denn…

    Siehe dazu auch hier.


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