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Die Last mit den Rädern

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich habe nichts gegen Fahrräder. Ganz im Gegenteil. Fahrradfahren ist, wie man weiß, gesund für Herz, Kreislauf und Rücken, es schont die Umwelt, es ist emissionsfrei, und man kommt, gerade in den Innenstädten, meist schneller zu Ziel, als mit einem Auto. Zudem kann man sein Fahrrad einfach für lau an eine Laterne stellen und anketten. Somit spart man die unverschämten Gebühren, die von den Betreibern der Parkhäuser mittlerweile aufgerufen werden.

OK, ich gebe zu, ich fahre selten mit dem Fahrrad, denn ich habe den Eindruck, dass ich grundsätzlich Gegenwind habe, egal in welche Richtung ich unterwegs bin. Und das kann definitiv nicht nur am Fahrtwind liegen. Ich bin kein Lance Armstrong, also kann der Grund hierfür, schon mal nicht meine entschleunigte Performance sein, wenn mir beim Radeln ständig der Wind wie von Sinnen ins Gesicht bläst. Ich bin auch kein Anhänger von Verschwörungstheorien, aber manchmal frage ich mich schon, ob nicht irgendwelche finsteren Mächte ausgerechnet dann ihr Unwesen treiben, wenn ich, mit Gegenwind, von A nach B fahre und kurze Zeit später wieder zurück, also von B nach A, und … Richtig: Wieder mit Gegenwind.

Als Karl Freiherr von Drais 1817 mit seiner Draisine in der Mannheimer Innenstadt zu einer ersten Testfahrt in den sieben Kilometer entfernten Stadtteil Rheinau aufbrach und dafür vermutlich eine gute Stunde benötigte, hätte sich niemand träumen lassen, dass heute, also knapp 200 Jahre später, die Ur-Ur-Ur-Enkel seiner Laufmaschine, die benötigte Zeit für die gleiche Strecke auf einen Wimpernschlag schrumpfen lassen.

Bestand die Draisine noch aus einem bleischweren Holzrahmen, zwei gleich großen, wuchtigen Rädern selbigen Materials, von denen das vordere gelenkt werden konnte, präsentieren sich die heutigen Fahrräder der High-End-Klasse als federleichte Rennmaschinen aus exotischen Werkstoffen, die üblicherweise allenfalls in der Raumfahrt und/oder in der Stealth-Technologie zu finden sind. Am 12.07.2016, erreichte Marcus Burghardt auf der Tour de France mit einem solchen Hyper-Bike die unfassbare Geschwindigkeit von sage und schreibe 103,7 km/h… mit Muskelkraft!

Heutzutage kann sich selbst der Normalsterbliche, also ohne Vertrag mit einem der führenden Pharmaunternehmen, mit dem Airstreeem Triple EEE SL, ein solches Hyper-Bike kaufen…zum Schnäppchenpreis von nur 15.500 €. Es bring gerade mal federleichte 5,28 kg auf die Waage. Damit dürfte Marcus Burghardt allerdings nicht bei der Tour de France antreten und womöglich mit 150 Sachen durch die Pyrenäen brettern. Denn das Reglement der prestigeträchtigen Doping-Challenge, schreibt für die Räder ein Mindestgewicht von 6,8 kg vor…weshalb auch immer.

Da solche Top-Speeds weder alltagstauglich noch einem friedlichen Miteinander besonders zuträglich sind, komme ich nach dieser episch breiten Einleitung nun endlich zum eigentlichen Ansinnen dieses Beitrags:

Die bleischwere, hölzerne Laufmaschine des Karl Freiherr von Drais, ist nach einer 200 Jahre währenden Metamorphose, nämlich längst auch zum Statussymbol mutiert. Für die einen, um mit einer e-motorisierten Luxusversion zu zeigen, dass auch wohlhabende Mitmenschen durchaus die Umwelt per Pedes retten können, und zu diesem Behufe ihren 3-Tonnen-Audi SQ8 e-tron auch gerne mal im Carport aus nachhaltigem Holz stehen lassen.

Für die anderen, um das fundamentale Statement abzugeben, dass man nicht einmal zum Transport einer High-End-Öko-Waschmaschine mit iOS-16xx, zwingend ein Auto benötigt. Exakt: Ich rede von politisch korrekten Lastenrädern aus Carbon, Beryllium, oder ähnlich kostbaren Ingredienzien…vorzugsweise in Regenbogenfarben lackiert. Für deren Erwerb darf man bei der anthroposophischen Manufaktur seines Vertrauens ebenfalls ein fünfstelliges Vermögen auf die Theke blättern. Aber was will man sagen: Die Rettung der Umwelt gibt es nun mal nicht für lau.

Auf solchen Boliden kann man immer mehr Menschen (m, w, d) beobachten, die in erdfarbenen Pullovern aus regionaler Bio-Schurwolle, mattschwarzen Schutzhelmen und bierernsten Mienen, auf ihr Recht gemäß Art. 2, Absatz 1, GG pochen. Meist auch unter dem Verweis auf mitgeführte LGBT+/BLM-Flaggen. Dem Zeitgeist Tribut zollend, auch jene von Tibet, oder der Ukraine, oder beide zusammen. So ein Lastenrad bietet schließlich ausreichend Platz für eine adäquate Präsentation seiner Gesinnung.

Allerdings endet ihre launische Auslegung besagten Absatzes, meist bei dem Komma, und sie präsentieren ihr „Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit“, wie eine Monstranz auf der politisch korrekten Ladefläche. Gerne auch mit Kind, Kegel und Karacho, quer durch die Fußgängerzone. Ich kann nur mutmaßen, dass sie die, dem Nebensatzes des Art. 2, Absatz 1 innewohnenden Einschränkungen, als Contradictio in Adiecto betrachten und bereits eine queere Bürgerinitiative gegründet haben, die via Volksentscheid eine non-binäre Verfassungsänderung erzwingen soll.

Wenn ich mir die meditativ entspannten Fietser in den Niederlanden betrachte, die in gechillter, aufrechter Sitzposition, andere Radler freundlich grüßen und für ein Tässchen Koffie, oder auch mal ein Tütchen, gerne ihre stets gemächliche Fahrt unterbrechen, stelle ich mir manchmal die Frage, ob sich deren deutsche, preußisch korrekte Pendants noch immer im Schützengraben wähnen.

Wiederholte Karl Freiherr von Drais heute die Jungfernfahrt auf seinem hölzernen Artefakt und sähe sich von zornig gestikulierenden Amateur-Racern in Wurstpellen-gleichen HEXAL-Shirts in die Zange genommen, von grimmig dreinschauenden Mountainbike-Söldnern im RoboCop-Dress, rechts und links waghalsig überholt, oder gar von Dreadlocks-tragenden Walldorf-Schulen-Amazonen auf regenbogenfarbenen Lastenrädern mehrmals unsanft von der Straße gedrängt, würde er wohl konstatieren:

„Das ist schon eine Last mit den Rädern.“

Bildquellen

  • export-pixabay-djedj-small: Pixabay
Lesezeit ca.: 6 Minuten - Tippfehler melden - Peter Grohmüller 18. Dezember 2022

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