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Die Insolvenz von Gigaset: Hintergründe und Perspektiven

ein altes schwarzes Telefon mit Wählscheibe

Die jüngste Insolvenz von Gigaset, einem bekannten Hersteller von DECT-Schnurlostelefonen, hat in der Telekommunikationsbranche für Aufsehen gesorgt.

Das beantragte Insolvenzverfahren für die Gigaset AG und ihre Tochter, die Gigaset Communications GmbH, wirft Fragen hinsichtlich der Zukunft des Unternehmens auf. Überraschenderweise kommt diese Entwicklung in einer Zeit, in der die Nachfrage nach Telefonieprodukten scheinbar boomt. Doch bei genauerer Analyse wird deutlich, dass Gigaset bestimmte Herausforderungen übersehen hat und nun vor der dringenden Notwendigkeit steht, sich den Realitäten des modernen Geschäftsumfelds zu stellen.

Übernahme durch VTech:

Inmitten der herausfordernden Phase hat sich ein Lichtblick für Gigaset eröffnet. Der in Hongkong ansässige Konzern VTech, der bereits als Marktführer für Festnetztelefone und Babyfone in Nordamerika bekannt ist, hat die Vermögenswerte der Gigaset Communications GmbH übernommen. Mit einem Betrag von 30,5 Millionen Euro, zuzüglich noch zu bestimmender Zu- und Abschläge, ermöglicht VTech nicht nur die Rettung von Gigaset, sondern sieht auch Potenzial für nachhaltiges Wachstum und eine gesunde Unternehmensentwicklung. Die Übernahme schließt auch die Produktionsstätte von Gigaset in Bocholt, Nordrhein-Westfalen, ein. Diese strategische Übernahme könnte nicht nur die finanzielle Stabilität von Gigaset gewährleisten, sondern auch einen frischen Impuls für Forschung, Entwicklung und den Zugang zu erweiterten Vertriebskanälen bieten, wie VTech-Präsident Hillson Cheung Hoi betont. Damit beginnt für Gigaset eine mögliche „neue Ära des Wachstums“ unter der Obhut von VTech.

Die aktuelle Lage und ihre Auswirkungen:

Zunächst einmal betont Gigaset, dass die Insolvenz keinen direkten Einfluss auf Endkunden hat, da Entwicklungs-, Produktions- und Vertriebsaktivitäten vorerst unverändert fortgesetzt werden. Jedoch stellt sich für Unternehmens- und Behördenkunden die Frage, wie es weitergeht, insbesondere im Hinblick auf die weit verbreiteten DECT-Endgeräte. Diese Geräte sind in verschiedenen Umgebungen wie Krankenhäusern, Schulen und Produktionsstätten im Einsatz. Die Marktakzeptanz stagniert jedoch, und Gigaset sieht sich mit der Herausforderung konfrontiert, in diesem Umfeld weiterhin relevant zu bleiben.

Herausforderungen im Enterprise-Umfeld:

Die DECT/ GAP-Standards bieten zwar eine gewisse Kompatibilität, aber bei einem möglichen Scheitern der angekündigten nachhaltigen Restrukturierung könnten Engpässe bei Ersatzgeräten, Komponenten und Zubehör auftreten. Dies wirft die Frage auf, ob die Investitionssicherheit für bestehende Gigaset-Lösungen noch gewährleistet ist und ob Unternehmen in Erwägung ziehen sollten, ihre Lagerbestände zu erhöhen. Die Komplexität steigt insbesondere bei Infrastrukturkomponenten wie SIP-DECT-Basisstationen, die regelmäßige Updates erfordern und bei einem Ausfall zu erheblichen Problemen führen können.

Veränderungen im Telekommunikationsmarkt:

Die Dynamik im Telekommunikationsmarkt, insbesondere im Enterprise-Segment, hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Während die Festnetztelefonie im Privatkundenbereich durch Mobilfunk ersetzt wird, behält sie im Unternehmensumfeld ihre Relevanz. Allerdings migrieren viele Unternehmen von Hardware-Telefonen zu Softphones, und hier liegt eine der Herausforderungen für Gigaset. Die Einführung von Cloud-Diensten durch große Anbieter wie Teams Phone, Zoom Phone und Webex Calling hat die traditionellen Hardware-Lösungen in den Hintergrund gedrängt.

Versäumte Chancen und fehlende Innovation:

Gigaset konnte mit seinen Android-Smartphones, Smart-Home-Angeboten und IP-Telekommunikationsanlagen den stagnierenden Markt nicht kompensieren. Die Integration von IP-DECT in MS Teams erfolgte zu spät, und die schnurgebundenen IP-Telefone des Unternehmens waren nicht mit Teams kompatibel. Hier zeigt sich, dass Gigaset die Trends im Markt nicht rechtzeitig erkannt hat. Andere Hersteller wie Snom, Yealink und Audiocodes haben sich etabliert, während Gigaset Chancen verpasst hat, breiter aufgestellt zu sein und den wachsenden Markt der Cloud-Anbieter zu bedienen.

Zukunftsperspektiven und notwendige Veränderungen:

Um zu überleben, muss sich Gigaset stärker auf die aktuellen Marktanforderungen ausrichten, insbesondere auf Cloud-basierte Kommunikations- und Kollaborationstools (UCC). Es ist entscheidend, neue integrierte Lösungen mit Mehrwert für Unternehmen zu entwickeln und die Privatkundensparte neu zu überdenken. Die reine Fokussierung auf DECT-Endgeräte reicht nicht mehr aus, da Kunden intelligente Produkte erwarten. Eine mögliche Kooperation mit Partnern wie AVM im Privatkundensegment hätte Potenzial gehabt, aber auch interne Entwicklungen und eine breitere Integration in den UC-Markt der Cloud-Anbieter wären notwendig gewesen.

Fazit:

Die Insolvenz von Gigaset ist kein Wunder, sondern das Ergebnis von Versäumnissen und mangelnder Anpassung an die sich verändernden Marktbedingungen. Um eine erfolgreiche Zukunft zu haben, muss Gigaset seine Strategie überdenken, sich verstärkt auf Innovationen und die Bedürfnisse der Kunden konzentrieren. Die Übernahme durch VTech könnte eine Chance für einen Neustart sein, aber es bleibt abzuwarten, wie sich die Integration gestaltet und ob Gigaset in der Lage ist, aus vergangenen Fehlern zu lernen und sich erfolgreich zu positionieren.

Bildquellen

ELEKTRONIK – Raspi – Smart Home

In dieser Rubrik schreibe ich über Elektronik und Gadgets, über meine Experimente mit dem Raspberry Pi, Apple-Computer, iphone und über das weite Feld der Hausautomatisiserung.

Lesezeit ca.: 5 Minuten | Tippfehler melden | © Revision: 25. Januar 2024 | Peter Wilhelm 25. Januar 2024

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