Start Geschichten Die Geburtstagsananas
  • Die Geburtstagsananas

    Beinahe alle Leute die wir kennen haben um diese Jahreszeit Geburtstag und wenngleich ich ja der Meinung bin, daß ich nichts dafür kann, daß die Leute Geburtstag haben und nicht einsehe, weshalb ich sich jährlich wiederholende Tatsachen auch noch mit teuren Geschenken belohnen soll, sieht meine Frau das völlig anders. Sie liebt Geburtstage, die dazugehörigen bunten Karten und das Einpacken von Geschenken in noch bunteres Papier. Da kommt ihr Zigeunerblut durch.
    Wenn ich sie gewähren ließe, wären wir an 361 Tagen im Jahr auf irgendwelchen Geburtstagen und an den restlichen vier Tagen hätten wir Geburtstag und alle diese 361 Leute kämen zu uns…

    Jetzt hat die Allerliebste am 11. auch noch selbst Geburtstag und einige Tage vorher jährt sich unser Hochzeitstag. Letzteren wäre ich ja regelmäßig zu feiern bereit, weil ich mir echte Hoffnungen auf eine Tapferkeitsmedaille mache.
    Stattdessen erwartet die Allerliebste teures Geschmeide, Blumen und irgendein gutes Essen. Dabei ist ihr „grüner Daumen“ in etwa so ausgebildet wie bei mir Kamelhöcker.

    Wenn wir in den Dehner-Gartenmarkt kommen, kann man förmlich sehen, wie sich die Pflanzen in ihre Töpfe ducken und wer ganz genau hinhört, der wird wahrnehmen, wie die Pflanzen spitze Angstschreie ausstoßen, wenn Anke in ihre Richtung schaut.
    Einmal wollte sie ein unschuldiges Usambara-Veilchen näher betrachten und zu diesem Zwecke hochheben. Es gelang ihr nicht.
    Als sie dann am Töpfchen zog und zerrte, sah man, daß unten aus dem Topf schon ein langer Wurzelzopf herausgewachsen war, mit dem das arme Veilchen sich am Untergrund festhielt.
    Ich bin bis heute davon überzeugt, daß dieses afrikanische Blümchen diese Wurzeln just in diesem Moment aus lauter Verzweiflung erst entwickelt hat.

    Nimmt die Allerliebste tatsächlich Pflanzen mit, dann begehen die meisten von ihnen schon unterwegs Selbstmord. Jedenfalls stoßen sie Blüten, Wurzeln und Blätter schon ab, noch bevor sie auf dem Balkon landen.
    Der Allerliebsten ist das egal. Sie stellt die kahlen, blattlosen Stengel in ihren Töpfen auf den Balkon oder das Fensterbrett und gönnt ihnen eine Spezialbehandlung. Diese erinnert in weiten Zügen an das in Guantanamo angewandte Waterboarding. Sie setzt das Blümchen so lange und intensiv unter Wasser, bis es entweder die Ermordung von John F. Kennedy gesteht oder schlichtweg eingeht.


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    Irgendjemand hat ihr erzählt, daß man die Blattstrünke von Ananas-Früchten glatt abschneiden und einpflanzen kann. Nun essen wir ausgerechnet Ananas nur höchst selten und wenn, dann aus der Dose. So kommt es, daß die Allerliebste den aus Servicegründen in der Obst- und Gemüseabteilung des großen Supermarktes angestellten Zwergperuaner immer anquatscht.
    Dieser Peruaner ist nicht nur ziemlich klein, sondern erschwerend kommt noch hinzu, daß er in Wirklichkeit ein Bolivianer ist.
    Seine Aufgabe besteht darin, den Kunden wunderbare schöne Ananas zu schälen, den Strunk zu entfernen und die Frucht verzehrbereit in Plastikdosen einzupacken. Was jetzt genau Peru bzw. Bolivien mit Ananas zu tun hat, ist mir unbekannt, jedenfalls macht der Zwerg das so.
    Dabei fallen im Laufe eines Tages natürlich jede Menge von Ananas-Strünken mit Blattwerk an. Und deshalb muß ich meine Frau immer mal wieder zu diesem bolivianischen Peruaner fahren, damit sie ihm ein oder zwei unglaublich große blaue Säcke mit Strünken abschwatzen kann.
    Erstaunlicherweise begehen diese Strünke keinen Selbstmord, verdorren auch auf der Fensterbank nicht, sodaß sich unsere Wohnung in den letzten Monaten in eine Art südamerikanische Ananasplantage verwandelt hat. Erfahrungsgemäß tragen solche Pflanzen erst in 279 Jahren die ersten Früchte, aber Anke meint, bei guter Pflege könne das durchaus auch in der Hälfte der Zeit wahr werden. Warten wir’s ab!

    Ich kann unsere Wohnung nur dadurch vor dem absoluten Zuwuchern mit Ananaspflanzen bewahren, indem ich täglich rund einen Hektar einschlage und kompostiere. Allerdings kam mir jetzt die Idee, daß man die zahlreichen Geburtstage und die wuchsfreudigen Ananas unter einen Hut bringen könnte.

    Jeder der in diesem Jahr noch Geburtstag hat, bekommt von mir wenigstens 26 Ananas-Pflanzen geschenkt.
    Möglicherweise liest das jetzt der eine oder andere und beschließt, mich gar nicht einzuladen.
    Auch gut, ich gehe sowieso nicht gerne auf Geburtstage und hier zu Hause ist’s schön grün!


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