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    von Peter Grohmüller

    Keine Angst. Dieser Beitrag hat nichts mit dem Klassiker der Deutschen Literatur zu tun, und niemand muss jetzt unter heftiger Schnappatmung das Sujet jenes dicken Wälzers von Thomas Mann googeln, um nicht als ungebildeter Banause zu gelten. Zumal die Schwarte nicht „Der Zuckerberg“, sondern „Der Zauberberg“ heißt. Die Überschrift ist nichts anderes, als ein hinterhältiger Eyecatcher. Aber ein gelungener, wie ich finde, oder?

    Der Zuckerberg

    Anyway: Mittlerweile kennen mehrere Milliarden Menschen auf diesem Planeten den Namen Mark Elliot Zuckerberg und den seines Unternehmens Facebook Inc. 2,13 Milliarden von ihnen sind sogar sogenannte MAUs – Monthly Active Users. Das heißt, dass sie alle mindesten einmal im Monat irgend etwas auf Facebook posten, suchen oder sonstwie tun. Man kann davon ausgehen, dass über eine Milliarde Menschen ein Facebook-, WhatsApp- oder Instagram-Profil haben und der Menschheit alles Erdenkliche an Dramen, Banalitäten und unappetitlichem Schwachsinn freudig mitteilen.

    Die ganze Welt soll…was sage ich, die ganze Welt MUSS schließlich erfahren, dass Sabine Z. aus Wuppertal-Ronsdorf morgens wieder wunderbar geschmeidig kacken kann, seit sie sich von dem langweiligen Vollidioten L. getrennt hat und statt dessen nun mit dem quirligen, süßen D. in die Kiste steigt. Das Ganze garniert Sabine dann standesgemäß mit grottenschlechten Fotos und ebensolchen Filmchen. Ob der Clip mit dem quirligen, süßen D. in der Kiste darunter ist, weiß ich nicht, denn ich habe kein Facebook-Profil, und ich werde mir auch keines zulegen, nur um diesem Elend als Augenzeuge beiwohnen zu können.

    Deine Schuld, sagen jetzt vermutlich viele Zuckerberg-Jünger mitleidig. Facebook, WhatsApp und Instagram sind doch sowas von geil! Man kann sofort alles mit seinen Freunden teilen, man kann Leute zu Partys einladen, man kann sich in Gruppen organisieren und gegen dieses und jenes protestieren, man kann alles posten, was man will. Von besagten peinlichen Enthüllungen aus Sabines Enddarm, streng geheimen Kochrezepten, mit denen man in nur 14 Tagen wirklich eine halbe Tonne abnimmt, bis zu echten Enthauptungen, und, und und…Das Megageile an der ganzen Geschichte: Es kostet nix!

    Der Zuckerberg
    WikiImages / Pixabay

    Spätesten jetzt ist es an der Zeit, doch noch auf den Klassiker „Der Zauberberg“ zu verweisen, in dem ein gewisser Hans Castorp sich in ein Sanatorium begibt und dort den Eindruck gewinnt, dass Krankheit den Menschen vergeistige und veredele, während solche Zeitgenossen mit robuster Gesundheit zu einer gewissen Einfalt neigen. So zumindest kann man es im Stenogrammstil bei Wikipedia nachlesen.

    Der Zuckerberg

    Nicht, dass ich jetzt sämtliche Facebook-, WhatsApp- oder Instagram -User a priori als vergeistigt, oder gar als einfältig bezeichnen möchte. Aber der naive Glaube vieler, die tagtäglich Mark Eliot Zuckerbergs tolle Services in der Überzeugung nutzen, das Ganze koste tatsächlich nichts und die dümmliche Aufregung um den sogenannten (neuen?) Datenskandal um das Unternehmen Cambridge Analytica in New York City, das die Profile von über 80 Millionen Usern…ja was eigentlich?

    Ein wenig Nachhilfe in Sachen Grundrechenarten sollte man all jenen Facebook-Profilinhabern doch schon mal verordnen. Es muss ja nicht gleich in der abgeschlossenen Welt eines Sanatoriums im Hochgebirge wie im Zauberberg sein. Aber all jene, die tatsächlich der Meinung sind, die Bereitstellung einer sündhaft teuren Infrastruktur durch Zuckerbergs Moloch, nebst dem monatlichen Salär abertausender Programmierer und Administratoren wäre für lau zu haben, sollten sich tatsächlich auf ihre Zurechnungsfähigkeit überprüfen lassen.


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    Unabhängig davon, ob Zuckerberg das Geschäftsmodell Facebook nun selbst erfunden, oder, wie immer wieder gerne kolportiert wird, es tatsächlich von ehemaligen Kommilitonen Guttenberg-mäßig abgekupfert hat. Eines muss man neidlos anerkennen: Die Idee ist geradezu brillant.

    Alle unbotmäßigen feuchten Träume von Leuten wie Thomas de Maizière und seiner an Verfolgungswahn leidenden Vorgänger im Amte, man müsse über die Bevölkerung alles wissen und zu diesem Zwecke den gläsernen Bürger anstreben, was zurecht einen megamäßigen Shitstorm ausgelöst hatte, alle Kopfgeburten, mit denen de Maizière & Co den Bürgerinnen und Bürger en passant die verfassungsverbrieften Rechte auf Privatsphäre und informelle Selbstbestimmung nehmen wollten, alle haben sich dank der sozialen Netzwerke auf wundersame Weise erfüllt.

    Bei Facebook ist es geradezu Kult, seine geheimsten Phantasien nebst den eitrigen Furunkeln auf seinen Arschbacken der Weltöffentlichkeit zur Schau zu stellen. Und Mark Elliot Zuckerberg bedient diesen Kult virtuos. Die Milliarden Facebook Profile generieren dabei einen nie versiegenden Strom an Daten im Sekundentakt. Von den Usern freiwillig zur Verfügung gestellt, und nicht durch einen dreisten Bruch des Grundgesetzes erzwungen, wie der Grobmotoriker Thomas de Maizière es in seiner aktiven Zeit als Paranoia-Minister zu gerne getan hätte.

    Ob es sich bei diesen Daten um verwackelte private Porno-Clips, süße Katzenbilder, abstruse Elaborate von Verschwörungstheoretikern jedweder Couleur handelt, oder eben um die freudige Mitteilung einer genesenen Darmtätigkeit handelt, spielt keinerlei Rolle. Denn Mark Elliot Zuckerbergs Geschäftsmodell ist mitnichten darauf ausgerichtet, es Sabine Z. aus Wuppertal-Ronsdorf zu ermöglichen, der ganzen Welt freudestrahlend mitteilen zu können, dass sie morgens wieder wunderbar geschmeidig kacken kann.

    Das Geschäftsmodell von Facebook ist es, zu erfahren, mit welchem Klopapier sich Sabine Z. danach ihren Arsch abwischt, und diese Information Stande Pede an alle Hersteller jener Produkte zu verscherbeln. So erhält Sabine Z. zielgerichtete Werbung auf ihr Smartphone, welches Dreilagige wo gerade im Angebot ist. Und wenn Zuckerbergs Algorithmen richtig gut sind, erfährt Sabine Z. in einer zweiten Nachricht, dass sie mit Leinsamen immer geschmeidig kacken kann, unabhängig von ihrem aktuellen Lover.

    Und wenn nun Cambridge Analytica, ein Ableger der milliardenschweren SCL Group, die Aufträge von der Regierung und dem Militär annimmt, Verbraucherstudien erstellt, personalisierte Werbung und andere datenbezogene Dienstleistungen anbietet, wenn ein solches Dickschiff, das aufgrund seiner schieren Größe über ein entsprechend fettes Budget verfügt, bei Mark Eliot Zuckerberg anruft und Daten für diesen und jenen Zweck haben möchte, liefert er natürlich. Der Handel mit Daten ist Gegenstand seines Unternehmens und natürlich Quelle seines sagenhaften privaten Vermögens. Punkt.

    Wenn Sabine Z. aus Wuppertal-Ronsdorf mal wieder unter Verstopfung leiden sollte, weiß sie dank Facebook, dass sie ihren aktuellen Lover deshalb nicht gleich in die Wüste schicken muss, sondern ihre Obstipation auch mit Leinsamen oder, wie eben gerade auf ihrem Smartphone erschienen, auch mit Seitenbacher Bergsteiger-Müsli lindern kann. Und wenn die Hasardeure aus der Investmentetage der Deutsche Bank mal wieder ein durchgeknalltes Derivat an die Frau oder an den Mann bringen wollen, rufen sie einfach bei Mark Eliot Zuckerberg an, überweisen ihm ordentlich Kohle und sie bekommen die Daten maßgeschneiderter Kunde für ihren Dreck frei Haus.

    Und wenn jetzt irgendwelche Facebook-, WhatsApp- oder Instagram-User immernoch meinen, ihre geistigen und/oder künstlerischen Ergüsse der Welt mitteilen zu können, ohne über Umwege dafür zu bezahlen und sich fürchterlich aufregen, dass mit ihren Daten Schindluder getrieben wird…

    Vielleicht sollten sie sich doch mal in einem abgelegenen Sanatorium im Hochgebirge auf ihren geistigen Zustand hin untersuchen lassen. Man kann die besten Sanatorien im Hochgebirge übrigens ganz bequem googeln. Und das Geile daran ist: Es kostet nix!

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    2 Kommentare

    1. Tobi Opi

      17. Mai 2018 at 10:40

      So gut und treffend habe ich den Zuckerberg noch nie erklärt bekommen 🙂

      Antwort

    2. Peter Grohmüller

      23. Mai 2018 at 19:51

      Hallo Tobi,

      danke für die Blumen. Und das Beste daran: Die Erklärung kostet nix. Geil, oder? 🙂

      Gruß

      Peter

      Antwort

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