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  • Tafelfreuden

    von Peter Grohmüller

    Der Hammer! Im einem Online-Shop kann man gekochten Langustenschwanz schon für schlappe 149,50 € pro Kilo bestellen. Pierre Pérignon Vintage in der 0,75 Liter-Flasche, unverzichtbar zu gekochtem Langustenschwanz an nussigem Tibet-Wildreis mit Limetten-Jus, sogar zum einmaligen Schnäppchenpreis von 129,99 €. Rechnet man zu den 279,49 € noch ein Trüffelcremesüppchen vorneweg, einen knackigen Salat und ein leckeres Dessert nebst Champagnertrüffel zum Espresso hinzu, landet man schnell bei 399,00 €. Das ist der Harz-IV-Regelsatz – dummerweise nicht pro Mahlzeit, sondern pro Monat.

    Schon Scheiße irgendwie. Also für die Harz-IV-Empfänger. Nicht jedoch für den neuen schneidigen Bundesminister für Gesundheit, Jens Georg Spahn. Als treues Mitglied der christlich demokratischen Union kennt er natürlich die berühmte Textpassage mit dem täglichen Brot und achtet stets darauf, dass zumindest er immer reichlich davon hat. Er bezieht ein monatliches Ministergehalt in Höhe von schlanken 15.311,00 €, plus irgendwelche steuerfreien Aufwandsentschädigungen. Da kann der Gute von dem Pierre Pérignon Vintage sogar noch sorgenfrei eine zweite Pulle süffeln. In seinem verantwortungsvollen Job hält der Genießer sich stets an die alte Faustregel: Wasser predigen und Wein saufen, in seinem Falle auch gerne mal einen Château Lafite-Rothschild.

    Als es um die Implikationen der Bergpredigt mit der Nächstenliebe und all dem anderen sozialromantischen Blabla ging, war Jens Georg Spahn leider verhindert. Da hielt er sich nämlich gerade in dem Kaderschieden-Seminar „Young Leader Program“ des American Council of Germany auf, einer ultrarechten, aggressiven Denkfabrik für aufstrebende, rücksichtslose Weltenlenker.

    Und deshalb ist Jens Georg Spahn auch der Meinung, dass 399,00 € im Monat völlig zum Leben ausreichen – wenn man nicht Jens Georg Spahn heißt; und dass man mit 399,00 € im Monat nicht arm sei. Hätte der studierte Politwissenschaftler nur einen Funken christlichen Anstand in seinem von Standesdünkel zugedröhnten Schädel, würde er zugeben, dass man mit 399,00 € hierzulande nicht weiter kommt, als zu No-Name-Produkten bei Lidl, Aldi, Penny & Co. Frisches Obst, knackiges Gemüse? Kann man als Harzer Roller knicken. Punkt.

    Selbst auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, oder mich gar der Misanthropie verdächtig mache: In diesem unserem Lande, das über seine Steuereinnahmen solch unsympathische Zeitgenossen, wie den neuen Herrn Bundesminister für Gesundheit, fürstlich alimentiert, werden Jahr für Jahr 25 Millionen Tonnen frische Lebensmittel vernichtet. Nicht etwa, weil an ihnen irgend etwas zu bemängeln wäre, sondern weil die unfassbare Menge an allem, was in unseren Supermärkten feilgeboten und in endlosen Regalreihen tagtäglich immer und immer wieder aufgefüllt wird, das Ergebnis bewusster, schrankenloser Überproduktion ist. Diese unfassbare Verschwendung wird durch eine völlig hirnrissige EU-Gesetzgebung auch noch mit Milliarden subventioniert und von solchen Figuren wie Spahn & Co dann als freie Marktwirtschaft bezeichnet. Ein wahrlich erlesener Euphemismus erster Güte.

    Früher hatte dieses System noch das Attribut „freie und soziale Marktwirtschaft“. Als Artefakt aus jenen längst vergangenen Tagen ist vermutlich der Umstand zu sehen, dass man sich heutzutage offensichtlich genötigt fühlt, dieses Treiben mit einer Prise geheuchelter Philanthropie aufhübschen zu müssen. Und zu diesem Zwecke kam man vor einigen Jahren auf die brillante Idee, einige Krümel der oben erwähnten 25 Millionen Tonnen nicht in die Tonne zu kloppen, sondern für lau an die sogenannten Bedürftigen abzugeben und nannte diesen fadenscheinigen Altruismus „Tafelläden“.


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    Hier kann nun Oma Schulze, eine jener legendären Trümmerfrauen, die nach dem Zusammenbruch des Tausendjährigen Reiches mit bloßen Händen die Backsteine aus den rauchenden Runen ihrer zerbombten Stadt sauber kratzte, die mit dem Wenigen, was es gab, ihre Kinder großzog, die mithalf, das Wirtschaftswunder aufzubauen und die sich nun mit einer arroganten Enkelgeneration á la Jens Georg Spahn konfrontiert sieht…hier in den Tafelläden kann Oma Schulze einen Blumenkohl, einen Kohlrabi und ab und an vielleicht etwas Dosenwurst ergattern, damit ihre Minirente auch sicher bis zum Monatsende reicht. Denn schließlich muss sie, dank mitfühlender Christenmenschen wie Jens Georg Spahn, tunlichst darauf achten, dass ihr genügend Geld für die zuzahlungspflichtigen Medikamente übrigbleibt.

    Sie scheffeln ungeheure Mengen: Die geldgierigen und bequemen Hartz-IV-Empfänger

    Nur um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen: Ich habe größten Respekt vor den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den mittlerweile bundesweit über 900 Tafelläden, die es seelisch und moralisch verkraften, sich diesem beschämenden Elend entgegenzustellen und die versuchen, die Ärmsten der Armen zumindest vor der Würdelosigkeit des Hungerleidens zu bewahren.

    Dann der Super-Gau: Oma Schulze hatte im Laden der Essener Tafel das Nachsehen, weil immer mehr Inhaber der Bezugsberechtigungen mit Migrationshintergrund sich in der Location ebenfalls nach eben jenen Krümeln anstellten. Zumeist, junge, männliche Asylbewerber, wie die Medien in vorauseilender Xenophobie sogleich kolportierten.

    45 Jahre gearbeitet, jetzt nur noch gesellschaftlicher Ballast…

    Aufgrund dieser Situation sahen die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern keinen anderen Ausweg, als die Ausgabe jener Bezugsberechtigungen für Menschen mit Migrationshintergrund zeitweise auszusetzen, damit hiesige Bedürftige wie Oma Schulze auch weiterhin einen Blumenkohl, einen Kohlrabi und etwas Dosenwurst ergattern konnten.

    Der Shitstorm war – wie zu erwarten – überwältigend. Je nach politischer Ausrichtung der Kommentatoren wurden die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Essener Tafelläden als Rassisten oder Helden bezeichnet. Wie der berühmte Hund in seinen Knochen, verbissen sich die Leitmedien in das Thema mit jämmerlicher Kakophonie und die üblichen Verdächtigen kommentierten das Ganze mit ihrem sattsam bekannten Geschwafel. Aber nicht einer der Damen und Herren Zeilenschinder und Polit-Talk-Show-Protagonisten kam auf die Idee, das ganze erbärmliche System endlich einmal zu hinterfragen.

    Jenes System, durch dessen Fügungen man in Nigeria deutsches Hähnchenklein, französischen Käse und spanische Tomaten zu konkurrenzlos billigen Preisen kaufen kann – billiger als es der Nigerianischen Bauer anbieten kann, der sich dann wiederum mit seiner Familie auf den Weg ins gelobte Europa macht, wenn dort alles so toll ist, wie die Schlepperbanden erzählen. Es sei denn, unsere freie Marktwirtschaft (also letzten Ende wir alle) hält es für unverzichtbar, mit unseren Friedenstruppen mal eben ein paar Städte auszuradieren, weil die Interessen des dortigen Regimes den unseren diametral entgegengesetzt sind. Dann versuchen die Leute eben nur ihren Arsch zu retten, und treffen dann, nach einer mörderischen Odyssee über das Mittelmeer, zu Dutzenden in einem viel zu kleinen Schlauchboot, in Deutschland gerade so lebend angekommen…auf Jens Georg Spahn. Schon Scheiße irgendwie. Also für die Flüchtlinge.

    Nicht für den schneidigen Herrn Minister Jens Georg Spahn. Der gilt mit seinen Freunden des „Young Leader Program“ des American Council of Germany nämlich als Hoffnungsträger der Konservativen. Denn konservativ kommt aus dem Lateinischen „conservare“, und bedeutet übersetzt „bewahren“. Und wer sollte geeigneter sein, unser bestehendes System mit all seinen Tafelfreuden zu bewahren, als Jens Georg Spahn und alle anderen engagierten, jungen, aufstrebenden Polit-Stars.

    Das muss Oma Schulze doch verstehen, oder?


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