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  • Der Silberrücken

    Besuch hat sich angekündigt. Besuch zu bekommen ist ja an und für sich nichts Schlechtes und ich persönlich habe ja gerne Besuch, vor allem wenn Aussicht darauf besteht, dass er wieder geht. Nichts hasse ich mehr als Besucher, mit denen man alles was es auszutauschen gibt ausgetauscht hat und die dann immer noch sitzen bleiben wie festbetoniert. Man erkennt diese Phase vor allem daran, dass keiner mehr was Interessantes sagt und irgendwann die Frage gestellt wird: „Ja, und sonst?“

    Dann ist der beste Zeitpunkt für die Gäste gekommen, um zu gehen.
    Aus irgendeinem Grund bemerke immer nur ich, dass dieser Zeitpunkt gekommen ist und ich habe schon alles Mögliche versucht, um meine Gäste auf diese Phase hinzuweisen. Eine Weile habe ich mit der Methode, keine Getränke mehr nachzuschenken, recht ordentliche Erfolge erzielt, inzwischen haben sich meine Gäste daran gewöhnt und trinken in der Zeit vorher umso mehr. Ich begegne dem, indem ich die Heizung hochdrehe oder die Klimaanlage abschalte oder auch beides.
    Seit aber jede blöde Tussi permanent eine kleine Plastikflasche mit isotonischem Sauerbier mitführt, komme ich mit dieser Methode nicht sehr weit.

    Neuerdings habe ich herausgefunden, dass es sehr wirkungsvoll ist, einfach anzufangen, die Stühle hochzustellen und feucht durchzuwischen. „Lasst Euch nicht stören!“
    Das funktioniert in 60% der Fälle. Bei den übrigen 40% gehe ich einfach ins Bett: „Zieht die Tür gut zu, wenn Ihr rausgeht!“

    Es ist also nur eine Frage der Technik, wie man Abendgäste los wird. Aber derzeit stehe ich vor einem völlig neuen Problem. Es hat sich, wie ich bereits eingangs erwähnte, Besuch angekündigt. Besuch an sich ist ja schon schlimm, aber das hier ist Besuch aus der Verwandtschaft und was die Sache noch schwieriger macht: Es ist Besuch aus meiner Verwandtschaft. Marie-Luise ist eine Cousine, glaube ich wenigstens, es könnte auch eine Cousine meiner Mutter sein oder die Enkelin von der Cousine meiner Großmutter, so ganz genau weiß das keiner, jedenfalls sind wir verwandt. Marie-Luise bringt Günni mit. Günni ist ihr Lebensgefährte, der vor einem Jahr aus irgendeinem Urwald des tiefsten Ruhrgebietes hervorgekommen und in ihr früh verwitwetes Leben getreten ist.
    In der Zeit vorher waren wir zwei Mal in ihrem ebenfalls früh verwitweten kleinen Häuschen in der Nähe von Oberhausen zu Besuch, sie hat ja Platz. Und immer haben wir sie zu einem Gegenbesuch eingeladen. Dass der nun erfolgt, ist nur recht und billig, aber dass der Urwaldmann mitkommt, ist nur unvermeidbar.

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    Also, bevor wir uns falsch verstehen, Günni kann sprechen… Was er sonst noch kann, weiß ich nicht und was er besonders gut kann, will ich gar nicht wissen, habe da aber so meine Vermutung. Die Tatsache, daß Marie-Luise nun in Begleitung dieses Silberrückens hier auftauchen will, können wir ja noch irgendwie verdauen, was uns mehr Kopfzerbrechen bereitet ist die Tatsache, daß wir weder wissen, wann die beiden kommen, noch wann sie wieder gehen.

    Denn Günni arbeitet als Kartenabbeißer, sorry, Kartenabreißer im Kinopalast und weiß noch nicht so ganz genau, wann er Urlaub hat. Das steht zwar auf einem Plan der im Mitarbeiterbereich des Kinopalastes an der Wand hängt, aber offenbar ist der des Lesens kundige Kollege noch nicht in der gleichen Schicht gewesen, wie Günni. Das kann Dienstag sein, aber auch Mittwoch, aber wir kommen bestimmt!


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    Wie lange sie denn bleiben wollen, frage ich vorsichtig und bekomme die exakte Antwort: „So lange wie ihr uns aushaltet!“
    Soll ich sie gleich, wenn sie die Treppe hochkommen, wieder runterschubsen?

    Nee, ganz im Ernst, Marie-Luise ist ganz nett und Günni schläft ja viel oder sitzt „auf Klo“ oder schläft….

    Ob sie, wenn sie bei uns sind, so einiges auf eigene Faust unternehmen wollen, will ich wissen. Das wäre nämlich besonders praktisch, dann könnten wir uns unseren täglichen Dingen widmen, während die beiden sich die bis zu 400 Kilometer entfernten Sehenswürdigkeiten anschauen, die ich ihnen dann raussuchen würde; aber das wissen Günni und Marie-Luise noch nicht, sie wollen uns auf jeden Fall keine Arbeit machen. Nur sollen wir unbedingt dran denken, dass Günni ja nicht alles isst. Morgens pflegt er zwei Tassen schwarzen Kaffees zu sich zu nehmen und dazu ein frisch gebratenes Kotelett mit knusprigen Bratkartoffeln. Dafür will er zum Mittagessen Marmorkuchen mit Rosinen und Zitronenglasur und zum Kaffee am nachmittag nimmt er immer sechs Spiegeleier die mit Harzer Käse überbacken sein müssen. „Wir machen ja keine Arbeit!“ Nur was anderes als das isst Günni nicht.

    Normalerweise gehen wir mit Gästen auch gerne mal aus, hier gibt es ja so viele Biergärten. Dann bleibt unsere Küche sauber und die Leute können sich aus dem umfangreichen Angebot der heimischen Gastronomie frei bedienen. Aber Günni kann leider von diesem geplanten Angebot keinen Gebrauch machen. Günni isst nichts was von Ausländern zubereitet oder serviert wurde, wobei für ihn unsere heimischen Spätzleschaber schon als Ausländer gelten.
    Nunja, dann nehmen wir eben seinen Spezialfrass in der Kühlbox mit und fahren irgendwo in die Pfalz, in den Odenwald oder ins Schwäbische. Aber auch das wird Probleme machen, denn Günni muss regelmässig „auf Klo“, so etwa alle zwei Stunden. Erschwerend kommt hinzu, dass Günni nur „auf sein Klo“ kann. Ich weiss jetzt schon, wie das abläuft! Wenn die kommen, wird sich Günni zweieinhalb Stunden hier „auf Klo“ einschließen und die Brille auf seinen Arsch einsitzen. Damit hat er quasi seine persönliche Duftmarke hinterlassen und dieses unser Klo für den Zeitraum seines Aufenthaltes zu „sein Klo“ erklärt. Nichts, aber auch gar nichts kann Günni nun dazu bewegen in eine andere Erleichterungsstelle zu kacken, als in dieses auserkorene Abortorium!

    Da sitzen wir also nun hier und harren da der Dinge, nicht wissend, wann die kommen und wann die wieder gehen.
    Es kommen spannende Zeiten auf uns zu!


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