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Spitze Feder

Der Hundertjährige meint…

Leute, es ist mal wieder Zeit für ein Outing meinerseits:

Deshalb gestehe ich, jahrelang Abonnent des „stern“ gewesen zu sein, und in dieser Zeit auch Hunderte Leserbriefe verfasst zu haben. Als sich dessen journalistisches Niveau jedoch peu á peu in jenes der Trockenhauben-Kompendien transformierte, und der Geist Henry Nannens, selbst nach wohlwollender, homöopathischer Lesart, partout nicht mehr nachweisbar war, habe ich die Reißleine gezogen.

Ich kann mich aber noch bestens an zwei Rubriken erinnern, die ich jeden Donnerstag als erstes aufgeschlagen habe:

· Die Comics des brillanten, österreichischen Karikaturisten Gerhard Haderer, dessen Können noch bis zum 17. September in einer Ausstellung im Caricatura Museum in Frankfurt am Main zu sehen ist

· Und die Serie „Der Hundertjährige meint…“, in der ein gezeichneter Papagei ein wöchentliches tiefgründiges Statement zum Weltgeschehen abgab, wie z. B. das Folgende: „Nach Auflösung örtlicher Dunstglocken, strichweise Übelkeit“.

Weshalb ich das alles schreibe und schon wieder eine ellenlange Einleitung liefere? Weil ich damit einen geschmeidigen Einstieg in des Thema „heute, vor hundert Jahren“ liefern wollte. Heute, vor hundert Jahren, ist nämlich einiges passiert:

· Litauische Freischärler besetzten das unter französischer Verwaltung stehende Memelland

· In Aachen und Koblenz wurde die „Rheinische Republik“ ausgerufen

· In Speyer proklamierte Heinz Orbis die „Autonome Pfälzische Republik“
· In Bad Schmiedeberg weihte der Bund Deutscher Radfahrer das Bundesradfahrerdenkmal ein

· In Deutschland wurde vom Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber der Muttertag mit Plakaten „Ehret die Mutter“ in den Schaufenstern etabliert

Währen sich vermutlich niemand an die ersten drei Events erinnern kann, oder jemals von ihnen gehört haben mag, ist der Muttertag noch heute ein Ereignis, an dem die Süßwarenhersteller und die Schnittblumenproduzenten, neben dem Valentinstag, ein weiteres jährliches Highlight feiern…und, wie könnte es anders sein, die Diplomsoziologen jedweden Geschlechts. Letztere neigen, im Gegensatz zu den Süßwarenhersteller und die Schnittblumenproduzenten, allerdings zu einer durchweg negativen Betrachtung.

Kürzlich äusserte sich eine wutschnaubende Amazone in einem Radiointerview und verteufelte den Muttertag als fadenscheiniges Feigenblatt fortgesetzter Unterdrückung von Frauen. Sie erinnerte daran, dass die Nazis in ihrem völkischen Ideal, die Frauen zu willfährigen Gebärmaschinen degradierten. Weiterhin prangerte sie an, dass die Gesellschaft durch die Tradition des Muttertags, auch heute noch Mensch*:Innen, bereits in Kindergärten und Schulen, indoktriniere, und dass diesen so eine Beibehaltung jener NS-Niedertracht anerzogen werde, indem man ihnen das Malen von Bildern und/oder Basteleien als Geschenken für ihre Mütter aufoktroyiere…

Ich gestehe, dass die Dame das so natürlich nicht gesagt hat. Schließlich ist sie eine moderne Frau*:In, mit akademischer Einbildung, oder wie das heißt. Ich habe mir lediglich die künstlerische Freiheit genommen, ihr Statement mit meinen dramaturgisch etwas überzogenen Worten zu beschreiben, ohne jedoch den Sinn ihres misanthropischen Furors verfälscht zu haben. Isch schwör!

Da ich vorher noch nie etwas von ihr gehört hatte und ohnehin gerade auf den Balkon wollte, um mir eine Zigarette reinzuziehen, habe ich mir den Rest des Zeter und Mordio geschenkt. Vielleicht habe ich dadurch aber auch etwas verpasst; möglicherweise hat sie mit bebender Stimme noch gefordert, den „Bund Deutscher Radfahrer“ in „Bund Deutscher Radfahrer*:Innen“ umzubenennen, und das Bundesradfahrerdenkmal in Bad Schmiedeberg in „Bundesradfahrer*:Innen-Denkmal*:In. Wer weiß?

Da der Hundertjährige, seines Zeichens ein in Ehren ergrauter Graupapagei, von der Pflicht des Genderns befreit ist, geht ihm das woke Immimi vermutlich meilenweit an den Schwanzfedernvorbei, und zum Thema „Muttertag“ meint er:

„Lasst Euch von niemandem verbieten, Eure Mütter zu lieben und zu ehren.“

Bildquellen

  • export-pexels-pixabay-original: pexels

Spitze Feder – Spitze Zunge

Diese Kolumne schreibt vorwiegend Peter Grohmüller seine Gedanken zur Welt und dem Geschehen unserer Zeit auf.
Seine fein geschliffenen „Ergüsse“ – wie er selbst sie nennt – erfreuen sich großer Beliebtheit.

Hin und wieder erscheinen in dieser Kolumne auch Beiträge anderer Autoren, die dann jeweils entsprechend genannt werden.

Die Texte sind Satire, Kommentare und Kolumnen. Es handelt sich um persönliche, freie Meinungsäußerung.

Für die Texte ist der jeweilige Autor verantwortlich.

Lesezeit ca.: 4 Minuten | Tippfehler melden | © Revision: 22. Mai 2023 | Peter Grohmüller 22. Mai 2023

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