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Der dreizehnte Strich

Der dreizehnte Strich

Sie will, daß ich die Wand im Wohnzimmer neu streiche. Na gut, mach ich doch! Im Keller steht noch ein Eimer weiße Wandfarbe und in der Kammer habe ich noch so einige Fläschchen mit Abtönfarbe. Das sind im wesentlichen die Farben Braun, Gelb, Grün und Rot. Das Grün scheidet aus, da das neue Sofa grün sein wird und das würde sich beißen, meint die Allerliebste. Schade, ich wollte immer schon mal sehen, wie ein Sofa eine Wand beißt…

An dem schmalen Wandstreifen neben dem neuen Schrank, dort wo sowieso noch ein Schrankelement hinkommt, ist eine gute Stelle, um der Allerliebsten zu verdeutlichen, wie die verschiedenen Mischungen aussehen werden.

„Ich mach da neben den Schrank jetzt mal ein paar Farbmuster an die Wand, dann kannst Du vergleichen.“

„Au ja, prima!“

Also male ich eine kleine Fläche in Braun, noch eine in Gelb und auch noch eine in Rot.

„So, jetzt kannste mal gucken und Dich entscheiden.“

Sie stellt sich hin und sagt: „Also Gelb kommt ja sowieso nicht in Frage. Das beißt sich mit dem Teppich.“

„Ja und die anderen Farben?“

„Was soll ich denn da vergleichen? Das Braun mit dem Rot?“

„Ja, zum Beispiel!“

„Was soll man denn bei zwei Farben vergleichen? Richtig vergleichen und aussuchen kann man nur bei mindestens 5 oder 6 verschiedenen Angeboten.“

Ich habe das einfach nur abgenickt. Was soll ich auch dazu sagen? Das ist eben weibliche Logik.

Neulich kam sie ins Wohnzimmer und steht da, sie steht einfach nur da, die Allerliebste. Ich gucke Fernsehen. Sie hüstelt. Ich gucke weiter Fernsehen. „Jetzt sag doch mal was!“

Ich schaue hoch, gucke meine Frau an und sage: „Hallo!“

„Depp!“

„Wie bitte?“

„Du sollst mal schauen, ob mir diese Bluse steht.“

„Doch, doch, die steht Dir sehr gut.“

„Findest Du wirklich? Macht die mich nicht zu dick? Ich könnte auch die blaue anziehen, aber die macht mich alt.“

So! Da haben wir es wieder! Egal, was ich jetzt sage, ich habe den schwarzen Peter und werde Schuld daran tragen, daß sie zu fett oder zu alt aussieht. Ich persönlich finde ja, daß sie sehr schlank ist und außerordentlich gut aussieht. Aber würde ich das jetzt sagen, dann wäre das in ihren Augen eine Mitleidskundgebung, die nur kaschieren soll, daß ich sie ja in Wirklichkeit alt und fett finde.

Also sage ich besser gar nichts, brumme ein bißchen und sie trollt sich.
Einige Minuten später steht sie wieder im Wohnzimmer: „Und jetzt? Besser so?“

Ich gucke wieder hin und ich schwöre, sie hat die selbe Bluse an, wie zuvor. Aber so ganz sicher kann man sich da nicht sein, vielleicht hat sie ja zwei, die sich sehr ähnlich sind. Deshalb sage ich vorsichtshalber: „Die ist auch sehr schön!“

„Wer, die?“

„Die Bluse?“

„Du bist ein typisches Dreibein! Die Bluse ist doch noch die selbe, nur mein Lippenstift ist ein anderer.“

Ehrlich, wie ich bin, sage ich ich: „Das ist mir gar nicht aufgefallen!“

„Banause!“

Sie zwingt mich durch Androhung 12jährigen Sexentzuges ihr ins Bad zu folgen, wo sie einen jener Schränke aufmacht, in die ich noch nie hineingeschaut habe. Da stehen sich etwa 124.987 Lippenstifte ihre Beine in den Bauch und die Allerliebste macht eine weit ausholende Handbewegung: „Na, welchen soll ich nehmen?“

Der Rest dieses Gespräches ist ohne Belang, es endete jedenfalls damit, daß sie mich als farbenblinden Kretin bezeichnete und ich wieder meine Ruhe hatte.

Vor diesem Hintergrund ist mir aber klar, daß sie sich tatsächlich unmöglich aus drei oder vier Farben an der Wand eine aussuchen kann.

Also nehme ich den Pinsel, mache ungefähr 20 rote Striche nebeneinander, alle im gleichen Rot. Dann noch 20 völlig gleiche gelbe und ein ebensoviele identische braune.

„So, jetzt kannst Du vergleichen!“

Sie ist begeistert und steht fast ein Stündchen vor den 60 Strichen und endlich hat sie sich für den dreizehnten braunen Strich von links entschieden. Der unterscheidet sich zwar in nichts vom zwölften oder vom vierzehnten, aber sie meint, das sei die perfekte Farbe.

Geht doch!

Der dreizehnte StrichDer dreizehnte Strich

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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