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  • Das Lagerregal – Palindrom

    von Peter Grohmüller

    Ein Palindrom ist ein Wort, das regulär, wie invers gelesen das Gleiche bedeutet. Man könnte auch sagen: Von links nach rechts, wie von rechts nach links, aber dazu später mehr. Es gibt jede Menge Palindrome; vermutlich sogar in den meisten Sprachen. Wenn ich im Fernsehen eine Reportage aus dem tiefsten Süden von Texas sehe, dort, wo George W. und Hank mit ihren fetten V8-Pick-Up-Trucks durch die Gegend brettern, mit spitzen weißen Zipfelmützen riesige Holzkreuze abfackeln und Neger erschrecken, denke ich bei ihrem unverständlichen Kaugummi-Slang manchmal, dass die Leute dort komplett in Palindromen reden… was sage ich: in Palindromen leben!

    Ich glaube, dass die wenigsten, die ein Palindrom aussprechen, sich just in dem Moment darüber im Klaren sind. Wie möglicherweise die Einwohner von Epe, einer ehemaligen Gemeinde im Kreis Borken, wenn sie nach ihrem Wohnort gefragt werden, oder die von Hammah im Kreis Stade. Es ist natürlich durchaus vorstellbar, dass die Rentner Anna und Otto zuweilen darüber nachdenken, beispielsweise wenn sie einen Pup lassen.

    Falls sie bei diesem kleinen Malheur versehentlich ihre Unterhosen kontaminieren sollten, können sie diese jedenfalls bequem mit Omo waschen. Vielleicht haben sie aber auch noch Altbestände von Imi im Lagerregal. Kaufen kann man es nicht mehr, denn dummerweise haben die VEB Waschmittelwerke Genthin die Produktion des Pulvers für den Mutterkonzern Henkel eingestellt. Vermutlich, weil das kultige Imi das erste Waschpulver auf dem Markt war, das Natriumphosphat enthielt und Madam Claudia Roth deshalb wie blöd am Heulen war.

    Jedenfalls hat Henkel 1999, nach immerhin 70 Jahren, Claudia Roth, dem Reliefpfeiler der Grünen, zuliebe, Imi vom Markt genommen. Wenn Anna und Otto der Waschmaschine zuschauen, wie diese via Omo die Spuren ihres Missgeschickes in den Unterhosen diskret beseitigt, fällt ihnen vielleicht auf, dass auch das Handwaschbecken mal wieder eine ordentliche Reinigung z. B. mit Ata vertragen könnte. Das ist auch von Henkel, und ich vermute, ebenfalls ohne Natriumphosphat. Jedenfalls herrscht bei Imi jetzt absolute Ebbe, es gibt es nicht mehr.

    Wie man sieht, sind Palindrome trotz ihrer seltsamen Schreibweise doch ein schöner Gag. Es sei denn, man fügt der reinen Semantik noch ein politisches Moment zu. Dann ist man nämlich ganz schnell wieder in den Sphären jenes Missgeschickes von Anna und Otto, mit dem Unterschied, dass die Kontaminationen, die aus dem Reich der Politik stammen, weder mir Spee, noch mit Persil, den Top-Produkten aus dem besagten Hause Henkel, entfernt werden können. Und dies nicht, weil Spee und Persil mit Rücksicht auf Claudia Roth und ihr herzzerreißendes Geplärre kein Natriumphosphat enthalten, sondern weil sich die politischen Palindrome jeglicher Reinigungsversuche standhaft widersetzen.

    Wenn man eine Petrischale mit Sporen zwei verschiedener Arten von Schimmelpilzen dotiert, kann man beobachten, wie sich die Flächen einander annähern, bis die Schale komplett besiedelt ist – mit einer scharfen Abgrenzung zwischen beiden Kolonien. Wiederholt man das Experiment mit zwei Proben von Schimmelpilzen der gleichen Art, zeigt sich die Petrischale nach der abgeschlossenen Wachstumsphase der Sporen vollkommen bedeckt, ohne jede Abgrenzung und sieht durch und durch homogen aus, von welcher Seite man sie man auch betrachtet. So eine Art biologisches, optisches Palindrom.

    Um bei dem unsachgemäßen Einsatz des Wortes zu bleiben, ich nehme mir einfach die Freiheit, da Satire gemäß Kurt Tucholsky bekanntlich alles darf, betrachte ich nun ein Phänomen, das ich, wie oben bereits erwähnt, als politisches Palindrom bezeichne.

    Über Jahrzehnte war die Politik, was rede ich: Die ganze Republik, schön sauber und für jedermann nachvollziehbar in zwei Lager gespalten; Beatles oder Stones, Levis oder Wrangler, Pils oder Export, Zündapp oder Kreidler, Reval oder Rot-Händle. Jeder hatte seinen eigenen Renner. Und, um wieder auf die Politik zurückzukommen: Die Schwarzen und die Roten, damit der deutsche Michel am Wahlsonntag immer wusste, wem er auf dem Stimmzettel nach dem Kirchgang oder dem Stammtisch bei den Genossen der IG Metall, bitteschön sein Stimme zu geben hatte.

    Die Schwarzen behaupteten stets en-Suit, dass die Welt unter-, oder wahlweise die Lichter ausgingen, wenn nicht dies und das im Sinne von diesem und jenem geändert würde; und die Roten hielten dagegen, dass die Lichter bereits aus seien, und dass man deshalb dieses und jenes unbedingt…
    In der parlamentarischen Petrischale, um bei dieser Metapher zu bleiben, waren die Lager nicht nur durch die Stuhlreihen im hohen Hause klar abgegrenzt, sondern auch durch die Vehemenz, mit der die Botschaften, für jedermann erkennbar, von links oder rechts verbreitet wurden.


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    Heute sehnt man sich beinahe an die „gute alte Zeit“ der parlamentarischen Gräben zurück, denn alleine die Bemerkung „für jedermann erkennbar“, ist heutzutage ein absolutes No-Go und muss nun zwingend lauten: „für jede Frau und für jeden Mann erkennbar“. Im Olymp der Deutschen Sprache, der Duden-Redaktion, arbeitet mittlerweile vermutlich ein ganzer Stab von Germanistik-Spezialisten, um zukünftig auch in solch belanglosen Nebensätzen die Befindlichkeiten von Transsexuellen und/oder Transgender politisch und/oder grammatikalisch korrekt abbilden zu können.

    Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, wenn jeder nach seiner Fasson leben möchte und auch leben kann. Es ist mir schlichtweg egal, welchen Sexes jemand ist. Das sollte in einer pluralistischen Gesellschaft eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Und wenn man als Grundregel für dieses pluralistische Zusammenleben stets den Satz von Rosa Luxemburg beherzigt, dass Freiheit immer die Freiheit der Andersdenkenden ist, funktioniert eine Gesellschaft auch tadellos. Man kann Rosas Aussage in dem Wort „Respekt“ zusammenfassen; und solange sich die verschiedenen Ansichten, Ideen und Kulturen gegenseitig Respekt zollen und die Freiheit der Andersdenkenden wertschätzen, ist alles easy.

    Offensichtlich scheinen die Protagonisten des deutschen Staats das kleine Einmaleins des Zusammenlebens jedoch nicht mehr auf dem Radar zu haben. Mehr noch: Mit Ausnahme einiger weniger, die standhaft gegen die schleichende Aushöhlung des Pluralismus und die beinahe schon sakrosankte Überhöhung des Konsenses opponieren, gleichen sich die Statements und die alternativlosen Beschlüsse von links nach rechts und von rechts nach links, wie ein faules Ei dem anderen, mit den entsprechenden Ausgasungen.

    Wer hätte wohl in den Siebzigern gedacht, dass ausgerechnet die Sozen, quasi die politische Heimat des kleinen Mannes, dereinst seinen Sozialstaat schleifen würden? Wer hätte von einem sozialdemokratischen Innenminister erwartet, dass er einmal einen Großteil der Nation unter terroristischen Generalverdacht stellen würde, weil dieser nicht sein strammes transatlantisches Gedankengut zu Recht und Gesetz teilen wollte?

    Wer hätte ausgerechnet von der Union ein derart unchristliches und asoziales Gebaren wie dieser Tage erwartet, Menschen, die sich aus Kriegsgebieten zu uns flüchten, deren Heimat mit deutscher Logistik und deutschen Qualitätsbomben in Schutt und Asche gelegt wurde, in den Wahlkämpfen wahlweise als Schmarotzer in den sozialen Sicherungssystemen, oder als Bedrohung für unser Allgemeinwesen zu instrumentalisierte und zu unterscheiden in Individuen mit subsidiärem Bleiberecht, mit und ohne Familiennachzugs-Kuddelmuddel, in nordafrikanische Intensivtäter oder in unbegleitete minderjährige Asylbewerber, als handele es sich um Vieh auf einer Auktion öffentlichkeitswirksamer Barmherzigkeit, nur um angeblich den äussersten eigenen rechten Rand vor Plagiaten durch die AfD schützen?

    Wer hätte von den Printmedien, oder den öffentlich-rechtlichen Sendern erwartet, dass sie ihren genuinen journalistischen Auftrag einer seriösen, ausgewogenen, in jedem Fall aber unparteiischen Berichterstattung, zugunsten einer globalen Bande gieriger Raubtierkapitalisten in die Tonne treten. Wer hätte erwartet, dass sie die Welt unisono in den guten Westen und den bösen Russen unterscheiden, in dem sie den Angriffskrieg der USA gegen den Irak als out-of-area-Verteidigung von Demokratie und Menschenrechten verkaufen, die friedliche Sezession der Krim-Einwohner gegen die Regierung in Kiew hingegen als völkerrechtswidrigen Annexion durch Putin? Glaubt eigentlich irgend jemand, der noch alle Knöpfe an der Jacke hat, diesen saudummen, durchsichtigen Blödsinn?
    Aber vielleicht ist es den Leuten einfach lieber, wenn auf der Titelseite der BILD in Torfrot prangt, welche vermeintlichen Schandtaten Dieter Wedel wieder begangen haben soll.

    Wer hätte von den Printmedien, oder den öffentlich-rechtlichen Sendern erwartet, dass der brutale Einmarsch des türkischen Despoten Recep Tayyip Erdoğan in Syrien eher unter ferner liefen erwähnt wird, obwohl das gezieltes Abschlachten der Kurden auf fremden Hoheitsgebiet mit der Präzision deutsche Leopard-Panzer stattfindet? Früher hat er mit seinen amerikanischen F-16 Kampfjets der Luftwaffe die Dörfer der Kurden nebst deren Einwohnern wenigstens noch in Anatolien, sprich: auf eigene Territorium eingeäschert.

    Da durfte, wollte und konnte sich die Welt-Bundeskanzlerin einfach nicht einmischen. Schließlich waren die Säuberungen anatolischer Bergdörfer von Terroristen interne Angelegenheiten eines souveränen Staates. Zumal Recep Tayyip Erdoğan und sein Kalifat namens Türkei ein angesehenes, wenn auch zuweilen schwieriges Mitglied der NATO und somit de jure auf der Seite der Guten und last but not least eine wichtige Drehscheibe für einen möglichen Krieg gegen Russland ist…? Verschwörungstheorie? Möglicherweise. Aber wer könnte dies anhand des Palindroms der Medien verübeln?

    Wenn also Ansichten, die man früher klar in „links“ und „rechts“ unterschied und sich der einen oder anderen Seite als zugehörig bezeichnen konnte, sei es auch noch so oberflächlich, wenn diese, früher als politische Heimat verstandenen Lager, heute aus sogenannten, jedoch stets mäßig kaschierten, vorgeschobenen Sachzwängen in der parlamentarische Petrischale zu einem konturen- und alternativlosen übelriechenden Etwas verschmelzen, das von überall her gleich stinkt, wenn man also faktisch nicht mehr zwischen Lagern und Richtungen unterscheiden kann und sämtliche Medien diesem Einheitsbrei lautstark assistieren, dann ist die bedingungslose Kapitulation der Politik vor einem gierigen Klüngel Superreicher mit globalem Allmachtsanspruch, dann ist das Palindrom der Politik vollendet. Da helfen weder Omo, noch Imi oder Ata. Ich habe fertig. Ich muss jetzt Fenster putzen.

    Übrigens: Die Eibohphobie ist eine spezifische Phobie und beschreibt die Angst vor Palindromen, also Wörtern, die man sowohl vorwärts als auch rückwärts lesen kann. Hinterdrund ist die Angst davor, daß diese Palindrome etwas Böses bedeuten.

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    1 Kommentar

    1. Bars jun

      28. Januar 2018 at 22:05

      Mein Lieblings(fast)-palindrom
      „Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie

      Antwort

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