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  • Das Haar in der Suppe

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    Stimmung herrscht im Kaffeehaus am Marktplatz und es wird zunehmend der Beweis erbracht, daß das von mir gewählte Wort ‚Kaffeehaus‘ den Nagel nicht ganz auf den Kopf trifft, denn selbstverständlich wird in diesem Bistro auch Bier, Wein und Schnaps ausgeschenkt. Gerade Letzterer tut seine Wirkung und in der netten Runde um mich herum ist man schon überaus lustig.

    Ich selbst verzichte ja meist auf alkoholische Sachen; nicht, daß mir das nicht schmecken würde, aber ich mag die Veränderung nicht, die ich an mir selbst wahrnehme, wenn ich etwas trinke. Außerdem liegt die Kneipe zu weit von zu Hause weg, als daß man da noch bequem und mal eben hin und her laufen könnte, ich muß immer noch Auto fahren.

    Und während wir zu sechst quatschen, feiern und uns freuen, betritt er den Laden: Der grüne Öko-Schlurch.
    Ein Öko-Schlurch ist leicht erkennbar: etwas zu weite Hosen, als stammten sie von seinem Großvater, ein etwas weites Hemd, meist gestreift, darüber eine abgewetzte, ärmellose Lederweste und, jetzt bitte aufpassen, an den Füßen dicke Wollsocken in geschlossenen Latschen. Die geschlossenen Lederpantoletten sind wichtig, denn an ihnen kann man den Öko-Schlurch vom Waldorf-Schlurch unterscheiden, der immer offene Sandaletten trägt.

    Der Öko-Schlurch kommt nicht alleine, er ist in Begleitung zwei weiterer Schlurche und einer sehr nasenbetonten und haarscharf das Bloß-mal-eben-etwas-häßlich-sein verpassenden Schlurch-Frau.

    Die Schlurchbande setzt sich an den schönen großen Tisch, den mit den bequemen Lehnstühlen, nehmen sich die Speisen- und Getränkekarten und blättern in einer Mischung aus vorprogrammierter Ablehnung und Langeweile oberflächlich darin herum. Leute wie sie wollen sich ihre Getränke nicht aus einem Katalog aussuchen, sie wollen beraten werden und winken deshalb die Bedienung herbei. Die ärgert sich wenigstens, wenn man herumzickt, Papier ist da ja bekanntlich geduldiger.

    Ob denn der Silvaner auch vom Südhang des Weinberges sei und der Kamillentee komme ja wohl hoffentlich nicht aus dem Teebeutel und ob der Flammkuchen auch bio sei, weil was nicht bio ist, das sei ja wohl nicht zeitgemäß, Umweltschutz fange im Kleinen an…
    Bedienung Lisa, durch die harte Schule politischer Jugendorganisationen gegangen, lässt sich von sowas gar nicht beeindrucken. Lisa ist eine schöne Frau und wie alle Frauen, die gut aussehen und was im Kopf haben, perlt so etwas einfach an ihr ab. Sie bringt sogar so etwas wie ein Lächeln zustande, während sie die unnötigen und nur um des Störens willen vorgebrachten Fragen beantwortet und schließlich sogar eine Bestellung aufnimmt. Normalerweise wäre Lisa in der Lage, jeden Schlurch quasi wegzuatmen, in ihrem politischen Leben würde ein Blick aus ihren wunderschönen Augen reichen, um so einen Schlurch quasi in eine andere Dimension zu beamen oder zu Staub zu zerquetschen. Doch hier, in ihrem Nebenberuf als Bedienung, beherrscht sie sich, macht Service, bedient und läßt abperlen.

    Als sie dem Öko-Schlurch das Bestellte ausliefert, einen Kamillentee, will der zeigen, daß er es heute mal krachen lassen will, ein richtiger Kerl ist und deshalb fragt er, ob es denn nicht auch Weizenbier gäbe.

    „Hefeweizen, Kristallweizen und dunkles Weizen?“

    Nun will der Schlurch ein trübes Hefeweizenbier, kennt sich aber nicht so aus, hat keine Vorstellung davon wie dunkel ein dunkles Weizen ist und bestellt fälschlicherweise ein ebensolches dunkles Weizen, obwohl er ja eigentlich lieber ein helles, trübes Bier gehabt hätte…
    Als ihm dieses dann kredenzt wird, will er es sofort zurückgehen lassen, das habe er niemals bestellt. Doch hat er. Es bleibt vor ihm stehen, Lisa hat Besseres zu tun, an einem anderen Tisch ruft man schon nach ihr.

    Am Schlurch-Tisch wird getuschelt, man schmiedet einen Plan, es wird gelacht, keiner der Schlurche kann ernst bleiben, man hört Satzfetzen: „Das bringst Du nicht!“ „Doch ich mach das…“ „Voll der Schauspieler, ey…“ „Boah, was der sich traut…“
    Dann steht der Öko-Schlurch auf, nimmt das Glas mit dem dunklen Weizenbier und kommt damit an die Theke, dort reicht er Klaus, dem tätowierten und bezopften Rastafari-Wirt, das Glas und behauptet kühn: „Ich geb‘ das jetzt zurück, so geht’s ja nicht, das kann ich nicht trinken – da ist ja ein Haar drin! Hier oben auf dem Schaum, ein ganz kurzes.“

    Am Schlurchtisch prustet man, die Schlurch-Frau liegt mit hochrotem Kopf kichernd unterm Tisch, die zwei anderen Schlurche halten sich die Mäuler zu, damit sie nicht mit lautem Gelächter herausplatzen.
    Doch was nun folgt, das muß man einfach gesehen haben! Völlig unbewegt, ohne auch nur die geringste Mimik, nur unter der Andeutung eines überlegenen Lächelns, nimmt Klaus, der Wirt, das Glas, schaut dem Schlurch unentwegt in die Augen und ohne hinzusehen kippt er wortlos das Bier aus einem halben Meter Höhe in den Stöpselausguss.

    Sie kennen doch Stöpselausgüsse, oder? Das sind diese etwa 15 bis 20 cm langen Rohre, die Wirte in ihrem Spülbecken in den Ausguss stecken, sodaß man plantschen, spülen und Wasser nachlaufen lassen kann, ohne daß das Becken überläuft. Was zuviel ist, läuft oben in das Rohr hinein und ist weg.
    Welchen Durchmesser mag dieses Rohr haben, zwei Zentimeter, zweieinhalb?
    Und ohne hinzugucken schafft es Klaus, sonst absolut unbewegt, das Bier mit dem angeblichen kurzen Haar auf dem Schaum, aus einem halben Meter Höhe exakt in dieses kleine Loch zu kippen und zwar in Zeitlupe und in einem dünnen Faden…
    Wie er da steht, das lange Haar zu einem Zopf gebunden, das Gesicht im Ansatz eines Lächelns versteinert, die Augen fest auf sein Gegenüber geheftet, das hat etwas von Winnetou, von der Kühnheit mittelalterlicher Recken und von der abgehobenen Gleichgültigkeit eines Rastafari, der soeben nicht nur einen seiner Zöpfe, sondern seine gesamte Frisur und die Asche seiner Ahnen in einer ganz großen Tüte weggeraucht hat…
    Das hat Stil, das hat Klasse!

    Kein Wort wird gewechselt und nach unendlich lang erscheinenden Sekunden stellt Klaus das leere Glas ab, der Schlurch dreht sich um und setzt sich wieder an den Tisch, wo die anderen Schlurche immer noch glucksen, kichern und sich ob des ach so tollen Auftritts des Öko-Schlurchs beinahe kugeln.

    Klaus steht immer noch da, unbewegt, ohne Mienenspiel – und nur wer ihn etwas genauer kennt, sieht ein leichtes Beben am untersten Zipfel seines Zopfes, quasi an der Zopfspitze. In ihm brodelt es und das nur zu erahnende Lächeln weicht einem zu einem waagerechten Strich gezogenen Mund mit aufeinandergepressten Lippen. Wenn die Schlurche wüßten, wie nahe sie dem Tod in diesem Moment sind!

    Doch Klaus tut gar nichts. Was kümmert es den Mond, wenn der Seemann auf sein Spiegelbild im Wasser pinkelt!?

    Tags: Satire, Realsatire

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