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    wunderkerze

    Ach ja, die armen Sozialdemokraten. Suhlen sich wieder in gewohntem Masochismus, in dem sie sich als erfahrene Loser mittlerweile kommod eingerichtet haben. Deren 100%-Chef, ein eloquenter Ex-Spesenabräumer aus Brüssel bzw. aus Würselen war aber auch nicht wirklich der Bringer als Spitzen-, Kanzler- und als weiß der Geier was noch Kandidat bei der 2017er Bundestagswahl. Phänomenale 20,5 % hat Big Martin eingefahren. Das ist höchstens ein blasses Eierlikörchen für eine Tupper-Party, aber kein harter Drink, den sich alle erhofften.

    OK, Schulz ist seit Jahren trocken. Insofern sind solche Schnaps-Metaphern ohnehin nicht sein Ding. Aber das schlechteste Wahlergebnis seit dem tragischen Ableben Ferdinand Lassalles bei einem Duell um die Gunst einer Tusse, respektive die Gunst deren Herrn Papa, konnten die meisten Genossinnen und Genossen vermutlich nur ertragen, indem sie sich am Wahlabend des 25. September 2017 mit Unmengen an Hochprozentigem brachial die Birne wegbeamten.

    Deshalb trat Martin Schulz bei der verkackten Bundestagswahl nach dem 18:00 Uhr Orakel der Demagogen, pardon: Ich meine natürlich Demoskopen…jedenfalls stand er völlig derangiert, aber stocknüchtern, weil er ja nix mehr trinkt, von den Mikrofonen und hämmerte einen Satz raus, der den Sozen im nachhinein, sprich heute, dermaßen was von bleischwer auf die Füße knallt…da hilft noch nicht mal Omas gutes altes Hühneraugenpflaster: die SPD stehe für eine weitere große Koalition mit der Union nicht mehr zur Verfügung. So, oder so ähnlich hatte Schulz sich ausgedrückt. Dann kam noch ein geknödeltes Wischiwaschi mit dem Regierungsauftrag, den die SPD von den Wählerinnen und Wählern eben nicht erhalten habe, weshalb man sich jetzt erneuern müsse.

    Ob die Berufs-Genossinnen und Berufs-Genossen zu diesem Behufe sich jetzt bei ATU irgendwie so ´ne Art neue Lauffläche auf die ausgelatschte Kiste der sozialen Gerechtigkeit auflöten lassen, oder wie die verdatterte Wählerin und der verdatterte Wähler sich diese Erneuerung sonst so vorzustellen haben, blieb bei dem Heulsusen-Geblubber im Unklaren. Gut, man konnte sich ja als Sozi glücklicherweise erst mal entspannt die Kante geben und abwarten, was passiert. Ich sagen nur: Jamaika.

    Um im Vorfeld sämtlichen, immer wieder kolportierten romantischen Phantasien aus dem Weg zu gehen: Kein Mensch hat bei Bundes- oder Landtagswahlen jemals so etwas wie eine Regierung gewählt, oder einer bestimmten Partei „den Auftrag erteilt“, eine solche zu bilden. Das ist ist völliger Nonsens; höchstens eine naive Verstellung, die mittels den immer gleichen Platitüden der Wahlprogramme gezielt in die Köpfe der Bürgerinnen und Bürger projiziert sein mag, aber in unserem Grundgesetz schlicht und ergreifend so nicht vorgesehen ist. Was dem Wahlvolk alle vier Jahre auf Bundes- und alle fünf Jahre auf Landesebene an Einflussnahme gewährt wird, ist die generöse Gnade, auf Stimmzetteln die Namen irgendwelcher Personen und deren Parteien ankreuzen zu dürfen, die hernach anhand arithmetisch machbarer Konstellationen ihr Ding unter sich durchziehen – aber ohne jegliche Belästigung durch den Urnenpöbel.

    Und so haben sich die Sozialdemokraten zurückgelehnt und dem skurrilen Schauspiel vierer Parteien zugeschaut, die aus ihren ebenfalls erbärmlichen Wahlergebnissen einen irgendwie gearteten Wählerauftrag herauslasen, wie der Voodoo-Priester aus gammeligen Hühnerinnereien, und die sich in endlosen Palaver-Runden anschickten, etwas geradezu unerhört Epochales in der Geschichte der bundesdeutschen parlamentarischen Demokratie….Leute, geht´s auch eine Nummer kleiner?

    Bei dem medial völlig aufgeblasenen Geschwafel, saß die komplette abgewrackte Entourage der Arbeitgeberverbände bei Schnittchen, Pizza und manch anderen Leckereien hinter verschlossenen Türen zusammen und versuchte, irgendwie die begossenen Schäfchen zu trocknen: Eine von allen Hirnströmen verlassene, jedoch stets gütig lächelnde Bundeskanzlerin, ein durch innerparteiliche Machtkämpfe kastrierter ex-Hüne aus der bayrischen Provinz und ein mit Testosteron bis in die Haarspitzen vollgepumpter lächerlicher Poster-Boy, dessen höchstes Ziel es ist, die Solidarität in der Gesellschaft komplett abzuschaffen und das ganze Land den Gesetzen des Marktes zu unterwerfen. Und da die blöden Wählerinnen und Wähler ihre Stimmen nun mal so dämlich abgegeben hatten, dass es für eine Mehrheit aus CDU, CSU und FDP, sprich für die Traumkonstellation der Wirtschaft nicht reichte, saß diesem abgehalfterten neoliberalen Panoptikum ein Horde kopflos umherirrender Grünkernfrikadellen gegenüber, die sich anschickten…ja was denn eigentlich?


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    Wie man mittlerweile weiß, ist das Experiment Jamaika bereits im Vorfeld gescheitert; und dies ausgerechnet an der FDP, die sich bisher für keine Arschkriecherei zu schade war, nur um mitregieren und ihren neoliberalen Dreck durchziehen zu können. Deren Zwergriesenvorsitzende Christian Lindner, ein arrogante Schnösel aus Wuppertal, trat am 20. November 2017 nach der x-ten endlos durchlaberden Nacht um exakt 8:07 Uhr vor die versammelten Mikrofone und Kameras der gelangweilt wartenden Journallisten und verkündete das endgültige Aus der Jamaika-Verhandlungen mit der bemerkenswerten Aussage, es sei besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren. Und dies, obwohl also wirklich niemand von der FDP jemals ernsthaft so etwas wie vernünftiges Regieren auch nur ansatzweise erwartet hätte, und obwohl die grünen Verhandlungsführer nach bester Konsensschule bereit waren, das allerletzte Zipfelchen an politischer Glaubwürdigkeit und persönlicher Integrität en passant in die Tonne zu treten, um endlich, endlich auch mal wieder an den fetten Fleischtöpfen sitzen zu können.

    Und jetzt? Doch wieder GroKo? GroKo 3.0? Gütiger Himmel! Abgesehen davon, das man bei einer Addition der abgegebenen Stimmen von von 26,8% für die CDU, 20,5% für die SPD und 6,2% für die CSU, mit gerade mal 53,5% kaum mehr von einer „Großen“ Koalition, sondern höchsten von einem GroKole sprechen könnte und daher das hektische Gelaber von Bettina Schausten & Co schon deshalb ziemlicher Bullshit ist: Was sollte, könnte, würde sich an dem fauligen, vermodernden Rest eines einstmals sozialen, friedlichen Miteinanders und für die, über eine endloser Reihe brutaler Reformen geschundene Bevölkerung ändern, stiegen die Sozialdemokraten über ihren längst verblichenen Schatten und schlössen sich mit den unchristlichen, schwarzen Totengräbern der Solidarität erneut zu einer, den Sachzwängen einer Konsensdemokratie unterworfenen Koalition zusammen? Ist die Lebensverlängerung eines sich in Agonie windenden Raubtierkapitalismus wirklich so erstrebenswert?

    Ich gestehe: auch ich habe am 27. September 1998 in verzweifelter bis dümmlicher Gutgläubigkeit SPD und den Grünen meine Stimmen gegeben und punkt 18:00 Uhr wie von Sinnen gejubelt, als die lähmenden 16 Jahre triefender Bräsigkeit Helmut Kohls und mit dem herbeigesehnten Ende seiner erstickenden, ewig erscheinenden Kanzlerschaft auch 16 Jahre seiner adipösen Arroganz endlich vorüber schienen.

    Aber die Ernüchterung erfolgte schnell, als am 24. März 1999, also 60 Jahre nachdem die Nazis die halbe Welt in Brand setzten, ein sozialdemokratischer Bundeskanzler mit seinem sozialdemokratischer Verteidigungsminister von deutschem Boden aus einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die damalige Bundesrepublik Jugoslawien anzettelten, als ein sozialdemokratischer Finanzminister ohne Not den Bankensektor „deregulierte“ und den Hedgefonds-Parasiten Tür und Tor öffnete, als die rot-grüne Sozialpolitik unter dem sozialdemokratischen Herrenmenschen Wolfgang Clement mit der Agenda 2010 Millionen in bittere Armut stieß und in geradezu faschistoider Attitüde sämtliche Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger in die Nähe von Schmarotzern taxierte.

    Lieber Obergenosse Martin Schulz: Vielleicht solltest Du erst mal tief Luft holen und Dir mit der kompletten Parteiführung einfach mal überlegen, wie sich ein enttäuschter ehemaliger Herzblut-Sozialdemokrat so fühlt, wenn er sich das Œuvre seiner einstigen politischen Heimat so betrachtet. Wenn er sieht, wie verkommen die ehemals so stolze, linke Arbeiterpartei heute ist, wie unappetitlich verfilzt die vormaligen Granden wie Peer Steinbrück, Wolfgang Clement, Gerhard Schröder und Hanelore Kraft, um nur einige zu nennen, mit dem politischen Gegner sind, oder dass ein rechter Hetzer wie Thilo Sarrazin noch immer Mitglied der Partei ist. Lieber Obergenosse Martin Schulz: Überleg doch mal, was an der SPD 2017 noch sozial, was an ihr noch demokratisch sein soll.

    Sie war seit 1998 insgesamt 15 Jahre mit in der „Regierungsverantwortung“ und hatte somit 15 lange Jahre die Gelegenheit, all die wunderschönen Tagträume wie die Bürgerversicherung, die Mindestrente, Bildungspolitik, den Umweltschutz, bla, bla, bla, Rhabarber, all die schönen Dinge, die Martin Schulz mit seinen Genossinnen und Genossen jetzt so raushaut, längst in Gesetze gießen zu können. Statt dessen haben wir Hartz IV, den Verbrechern aus der Investmentbankerscene Billionen € in den stinkenden Rachen geschmissen, und jetzt fehlt hinten und vorne die Kohle für diejenigen, die die ganze Scheiße ausbaden müssen. Nix ist in den 15 Jahren unter der SPD-Ägide passiert, was auch nur ansatzweise sozial wäre, was dem Gros der Bevölkerung zugute käme. Und mit den 20,5 % in einem GroKole 3.0 wird sich daran nichts ändern.


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    3 Kommentare

    1. Neospin

      15. Dezember 2017 at 10:29

      Guten Morgen Peter,

      ich bin unschlüsig, ob die Ansiedelung des Artikels in „Spitze Feder“ so richtig ist. „Besorgte Bürger“, und „Satire“ würde deutlich besser passen.

      Ich bin wahrlich kein SPD Anhänger, gebe Dir in einigen Punkte durchaus zu, denn vieles in den genannten 15 Jahren gehört im Hinblick auf Soziales rückabgewickelt, aber dieser Artikel ist nichts weiter als der Ausdruck persönlichen Unzufriedenheit unter dem Deckmantel der ach so gescholtenen Mittelschicht.

      Schau mal aus Deinem Fenster, schau Dir an in welch ein Land und Leben Du hinein geboren wurdest. Völlig ohne selbst etwas dafür getan zu haben. Vergleiche die ach so verarmte deutsche Mittelschicht mit dem was andere Menschen auf diesem Planeten für ein Leben führen.

      Zu realisieren wie gut es einem geht ist die Herausforderung unserer Zeit!

      Grüße

      Antwort

      • Peter Grohmüller

        19. Dezember 2017 at 17:05

        Hallo Neospin,

        irgendwie habe ich bei Deinem Kommentar so eine Art Flashback in die Siebzigern. Da musste ich mir immer anhören: „Dann geh doch in die DDR, wenn es Dir hier nicht passt“. Etwas, das in unserem Land schief läuft, damit abzutun, dass es woanders noch viel blöder läuft, ist auch nicht so der Brüller.
        Deutschland ist ein schwerreiches Land, nur die obszön ungerechte Verteilung schreit zum Himmel Und alle etablierten Parteien tragen dafür seit 2 Generationen die Verantwortung!
        Ob es mir persönlich gut geht – und das tut es – spielt überhaupt keine Rolle. Im Gegenteil: Sich darauf auszuruhen und sich einen Dreck um die zu scheren, die am Monatsende wegen des leeren Kühlschranks Magenknurren bekommen, ist asozial.

        Mit zornigem Gruß

        Peter

        Antwort

    2. Peter Grohmüller

      19. Dezember 2017 at 19:49

      Nachtrag: schon mal überlegt, weshalb es uns (noch) „so gut“ geht? Unser schönes Leben ist zusammengeklaut! Da alles endlich ist, müssen wir anderen etwas wegnehmen, um unsere egoistische, respektlose Doktrin des stetigen Wachstums (quasi das goldene Kalb des kapitalistischen Systems) realisieren zu können. Und das tun wir tagaus, tagein.
      Ruf mal unter 00680 irgend jemanden auf Palau ab, solange die Insel noch nicht abgesoffen ist, und richte ihm einen schönen Gruß von Hannelore Kraft (SPD) aus – ehemalige Ministerpräsidentin von NRW, jetzt im Aufsichtsrat beim Steinkohlekonzern RAG.

      Antwort

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