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Dann hüpf doch mal!

Dann hüpf doch mal!

Henriette hat Geburtstag und es ist nicht leicht, für Henriette ein passendes Geschenk zu finden. Da liegt es auf der Hand, daß meine Allerliebste die Besorgung des Geschenks an mich delegiert, denn dieses Mal will auch ihr partout nichts Passendes für Henriette einfallen. „Gib mir doch mal einen Ratschlag!“ fordere ich eine wenigstens kleine Hilfestellung ein und die Allerliebste zuckt nur mit den Achseln und schickt mich mit den Worten: „Meine Güte, lass Dir doch auch mal was einfallen!“ in die kalte, nasse Novemberwirklichkeit.

Mein Weg führt mich an diesem Tag zu real,- Dort muß ich einige Lebensmittel kaufen und komme zufällig auch an dem Regal mit diversen Schaumweinen vorbei. So eine Flasche Sekt wäre doch nicht schlechte, denke ich, denn ich meine mich erinnern zu können, daß Henriette besonders gerne Sekt trinkt.
Also verbringe ich, als ausgewiesener Nichtsekttrinker, eine gute halbe Stunde vor dem schier endlosen Regal und entscheide mich schließlich für die einzige in Frage kommende Flasche. Es ist ein Champagner von Pieper Heidsieck (oder so) und es ist die einzige Flasche dieser Art, alles andere wäre süßer Sekt gewesen und ich weiß, daß Henriette süßen Sekt verabscheut.

Dann hüpf doch mal!Dann hüpf doch mal!

Den Abschluß meiner Einkaufshandlungen krönt der Besuch an der Kasse. Dort sitzt ein etwas gelangweilt Kaugummi kauender junger Mann und noch während ich die Waren aus dem gut gefüllten Einkaufswagen auf das Förderband lege, titt er kräftig auf das Pedal, das das Förderband in Bewegung versetzt und beginnt mit dem Einscannen der Preise.
Das führt dazu, daß die Ablage links von ihm bald überfüllt ist und sich dort die bereits gescannten Artikel stapelt.

Es kommt, wie es kommen mußte, der Dödel gibt weiter Gas, der Karton mit dem rein zufällig noch gefundenen MP3-Player wandert über den Scanner und er schiebt ihn nach links, dorthin wo kein Platz mehr ist, die Ware dort türmt sich schon hoch auf, und schließlich entschließt sich die ganz am Ende des hinteren Förderbandes stehend Flasche Champagner, der nachdrängenden Ware freundlich Platz zu machen und stürzt sich in selbstaufopfernder suizidaler Absicht vom Förderband in die Tiefe, wo sie am Boden der Kassenzone explosionsartig zerschellt und unglaublich viele große, spitze Scherben und eine riesige, klebrige Pfütze hinterlässt. Meine Schuhe sind mit Sekt durchtränkt, meine Hosenbeine schäumen etwa bis zum Knie von französischem Champagner…

„Uups“, sagt der Kassierer und…

…gefühlte 23.000 andere Kunden schauen MICH an und schütteln mit dem Kopf. Da schmeißt der Kassierer meinen Sekt runter und was tut der?

Ja, nix da, der macht nicht die geringsten Anstalten, den Dreck beiseite zu räumen oder auch nur den Anflug eines Bedauerns zu zeigen und scannt weiter Ware ein.
Inzwischen habe ich alles aufs Förderband geräumt, kann aber nun nicht durch den schmalen Kassengang fahren, weil dort lauter große, spitze Scherben liegen und alles von Sekt schwimmt.

„Wollen Sie Ihr Zeug nicht langsam mal einräumen?“ fragt der Kassierer und ich deute nur auf die Scherben.
Er zuckt mit den Achseln: „Ich mach die Kasse hinter ihnen zu und dann kommt irgendwann ’ne Putzfrau. Können ’se da nicht drüberspringen?“

Ich schaue an mir herunter, betrachte die etwas drei Meter große Scherben-Sekt-Pfütze und sage: „Sehe ich aus wie Dumbo, der fliegende Elefant?“

„Ja und, was soll ich jetzt machen?“ fragt der junge Mann ziemlich trotzig und verschränkt die Arme vor der Brust.

„Wie wär’s denn mit wegräumen und saubermachen?“

„Ich bin hier Kassierer und keine Putzfrau“, bekomme ich zur Antwort und ich entgegne:
„Ja und? Sie erwarten doch nicht etwa, daß ich als Kunde das jetzt wegmache, oder?“

Mit einer beleidigten Fresse, wie man sie sich kaum vorstellen kann, schaltet der Kassierer zunächst mal die Lampe aus, die signalisieren soll, daß seine Kasse auf Kunden wartet.
Dann bewegt er sich mit der Geschwindigkeit einer beinamputierten Schildkröte aus seinem Kassenkasten, nimmt drei Blätter von einer Küchenrolle und wirft die in die Sektpfütze, wo diese sich quasi in Sekundenbruchteilen in Zellulosefäden auflösen. Dann schiebt er mit dem Fuß eine etwa zehn Zentimeter breite Gasse frei und meint: „So!“

„So, was?“

„Jetzt werden Sie ja wohl da durch können, oder?“ meint er und schaut sich grinsend zu seinem Kollegen an der nächsten Kasse um. Die beiden lachen über mich, der an der anderen Kasse zeigt mir einen Vogel und ich nehme Anlauf und hüpfe so gut es geht über die Scherben.
Genau in diesem Moment kommt die Dame an den Kassen vorbei, die immer erscheint, wenn über die Lautsprecher ausgerufen wird: „Sechsundfünfzig bitte Achtzehn!“
Frau Sechsundfünfzig, das weiß ich, ist die Kassenaufsicht und Herrin über den berüchtigten „Stornoschlüssel“. Sie und er werden immer benötigt, wenn einer der Kassierer mal wieder einen Artikel 50 mal getippt hat, obwohl der Kunde nur ein Exemplar davon hat.

Ich rufe Frau Sechsundfünfzig herbei und zeige ihr das Malheur. Sie ist sofort bereit, mir beim Einladen der Ware zu helfen und schimpft mit dem Kassierer, weil er nicht sofort das Reinigungspersonal gerufen hat. Der meint aber: „Ich hab ja alles weggemacht, das war dem Mann ja nicht gut genug.“

Frechheit! Es lagen wirklich sehr viele spitze Scherben da und ich trug an diesem Tag nur Sportschuhe mit dünnen Sohlen.
Frau Sechsundfünfzig schaut mich treuherzig an und meint: „Wissen Sie was? Damit Sie sich nicht so ärgern, nehmen wir die Flasche einfach raus.“

„Wo raus?“ will ich wissen und sie sagt gönnerhaft: „Aus der Rechnung, vom Kassenbon, Sie brauchen die nicht zu bezahlen.“

„Ja aber, ich habe die Flasche doch gar nicht runtergeworfen, das war doch ihr Kassierer, ich hätte die sowieso nicht bezahlt.“

„Na, dann sehen Sie mal, wie sehr ich Ihnen entgegen komme, Sie brauchen die Flasche nicht zu bezahlen.“

„Hätte ich doch sowieso nicht gemacht.“

Ich habe dann die gesamte Ware einfach liegenlassen, bezahlt hatte ich ja noch nicht, und bin einfach gegangen.
So ein ganz klein wenig mehr um seine Kunden kümmern, könnte sich real,- schon, finde ich.

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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