• Beim Doc

    Man muß ja schon ziemlich bescheuert sein, wenn man montags morgens zum Hausarzt geht, aber was blieb mir anderes übrig?
    Kurz nach Sieben habe ich dort angerufen und mir einen Termin dazwischen schieben lassen. „Aber bringen Sie bitte etwas Wartezeit mit!“

    Ja klar, wenn man so kurzfristig einen Termin möchte, muß man sich auf Wartezeit einstellen. Wie lange kann das wohl sein, denke ich noch und komme innerlich zu dem Ergebnis, daß das so eine gute Stunde schon werden kann. Da sitze ich also um kurz vor Neun im Wartezimmer, habe meine obligatorischen 10 Euro bezahlt und warte. Ich war schon lange nicht mehr beim Arzt, das mit den 10 Euro scheint sehr wichtig zu sein; vermutlich bekommt Herr Doktor mittags sonst nix zu Essen, denn noch bevor die Helfermäuse mich überhaupt nach meinem Begehr fragten, krähte mich die eine an: „Haben Sie auch Ihre 10 Euro dabei?“

    Die zehn Eulen habe ich dann bezahlt und eine Quittung bekommen, dann wollte die andere Krähe wissen: „Was haben Sie denn?“
    Naja, sicherlich muß die wissen, ob ich irgendwo blute oder gleich umzufallen drohe, aber ich denke doch nicht im Traum daran, dort meine Krankheitsgeschichte zu entblättern, denn das Ganze findet in unmittelbarer akustischer Nähe zum gut gefüllten Wartezimmer statt. Deshalb sage ich nur ein paar mir geläufige lateinische Begriffe, die ich mal auf der Uni gelernt habe und die mir danke meines Tag und Nacht griffbereiten Pschyrembels sehr geläufig sind. Das nickt die eine Krähe ab, die andere zieht die Augenbrauen hoch, vielleicht hat die ja was davon verstanden, wer weiß?
    Jedenfalls darf ich mich in den Gang stellen, Sitzplätze gibt es schon deshalb nicht, weil die Hälfte der überalterten Patienten praktischerweise gleich ihren Ehepartner, sofern noch vorhanden, mitgebracht hat. Die anderen haben zum Teil Gießkannen und kleine Schaufeln dabei, was darauf hindeutet, daß deren Ehepartner nicht mehr vorhanden ist und sie eigentlich auf den Friedhof wollten. Draußen regnet es aber ein bißchen und weil es bei LIDL heute nix im Angebot gibt, geht man halt mal ein bißchen zum Arzt; irgendwas ist ja immer…

    Ein junger Mann kommt und muß auch zehn Euro bezahlen, auch er soll erzählen was er hat. Das treibt ihm die Schamröte ins Gesicht und er traut sich nicht richtig. Tja, hätte er nur einen Pschyrembel zu Hause, dann könnte er auch eine Gebärmutterverhängung auf Latein vorschützen, so wie ich; aber nun muß er mit der Sprache heraus und versucht das so leise wie es nur irgend geht.
    Jetzt ist es aber ein altes Gebäude, in dem sich die Praxis befindet, mit ganz hohen Räumen und es ist unmöglich irgendetwas zu sagen, ohne daß es bis in Wartezimmer schallt. So erfahren dann alle Wartenden, daß der junge Mann einen Ausschlag am Genital hat. Das erfahren sie aber nicht nur wegen der verräterischen Akustik, sondern auch weil die eine der beiden Helferkrähen das laut wiederholfen muss: „Wie lange haben Sie denn schon den AUSSCHLAG AM GENITAAAAL?“

    Gut, daß ich nur was an der Gebärmutter habe, das ist zwar für einen Mann sehr ungewöhnlich, aber das war der erste lateinische Ausdruck der mir vorhin eingefallen war.

    Schon eine Stunde später darf ich mich setzen, endlich ist ein Platz frei geworden. Genauergesagt ist noch ein weiterer Platz frei, aber das ist ein kleines Stühlchen mit Kufen zum Wippen und offenbar für kleine Kinder gedacht. Insgesamt sitzen zehn Personen im Wartezimmer und ich versuche herauszufinden, ob die nebeneinandersitzenden Paare zusammengehören. Daraus lässt sich vielleicht errechnen, wann ich ungefähr dran bin. So richtig sicher bin ich mir nur bei einem Rentnerpaar, die im jugendlichen Partnerlook von Adidas gekommen sind und bei zwei jungen Männern, denen die homosexuelle Verpartnerung förmlich ins Gesicht geschrieben steht. Außerdem zupft der eine dem anderen ständig an der Frisur herum. Ach, stimmt ja, heut‘ ist Montag, da haben die Friseure frei.

    Jeder guckt in eine andere Richtung, keiner spricht und das ist auch gut so. Doch dann kommt sie. Sie ist ungefähr 70 Jahre alt und vom Typ agile alte Selbstfinderin mit esoterischen Anwandlungen. Schwungvoll betritt sie den Raum, grüßt fröhlich in die Runde und steuert zielstrebig auf das Kinderstühlchen zu. Dann beginnt sie jede einzelne ihrer Aktionen durch laute Selbstgespräche zu untermalen:

    „Ach, jetzt setz ich mich mal hierhin.“
    „Das ist ja klein, aber ich bin ja nicht dick.“
    „Mal sehen wie lange das dauert.“
    „Ich bin ja Rentnerin, ich hab ja Zeit.“
    „Jetzt hol ich mir mal eine Zeitschrift.“
    „Ach die hab ich schon gelesen, da hol ich mir ne andere.“

    Und so weiter und so fort.

    Dann geschieht etwas Unfassbares! Der mit dem schimmeligen Genital darf vor allen anderen ins Sprechzimmer! Er sagt noch entschuldigend in die Runde: „Ich muß auf Arbeit!“, entpuppt sich samit als Ossi und löst allgemeines Palaver aus. „Wir hätten ja auch noch etwas zu tun“, meint der Frisurenzupfer schnippisch, die Adidas-Rentner grummeln erst vor sich hin, dann sagt er: „Bestimmt ein Privatpatient“, was seine Adidas-Frau mit: „Das kann dauern!“ nickend bestätigt.

    Die alte Esoterikerin schaukelt etwas auf dem Kinderstühlchen und quittiert mit: „Ich bin ja Rentnerin, ich habe Zeit.“

    Eine Stunde später sind die beiden Friseure, die Adidas-Rentner und ein paar andere abgefertigt. Der gute Herr Doktor war zwischendurch immer nur kurz an der Tür seines Sprechzimmers erschienen, um den Nächsten hereinzubitten. Dabei war mir schon aufgefallen, daß er einen etwas gehetzten Eindruck machte.

    Zwischendurch rennt er immer durch die Seitentür des Behandlungszimmers zu seinen beiden Helferkrähen und ich höre, wie er mault: „Das geht ja zu, wie im Feldlazarett!“

    Ungewohnte Töne; ich bin extra dahin gegangen, weil der Arzt mir als besonders besonnen und freundlich in Erinnerung war.

    Der mit dem Genital ist wieder da. Mit hochrotem Kopf steht er am Empfang bei den Helferkrähen, wehrt sich erfolgreich gegen das nochmalige Abknöpfen von 10 Euro und flüstert hektisch. Was hat ihn wohl dazu bewogen, doch nicht „auf Arbeit“ zu gehen, sondern zurückzukommen? Das erfahren wir dann aber sofort, denn die eine Krähe kräht: „Ja wenn Sie beschnitten sind, brennt das eben, das ist normal!“


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    Mein Genital macht unwillkürlich eine reflektorische Zuckung, allein der Gedanke an brennende Salbe an meinem besten Stück verursacht mir unangenehme Gefühle.

    Die esoterische Schaukelstuhloma erhebt sich und stürmt jetzt ebenfalls zum Empfang. Will sie dem schwanzverbrannten Ossi einen Tip geben oder ihm hilfreich zur Hand gehen? Nein, der Ossi ist zufrieden, geht doch „auf Arbeit“ und die Oma tut kund, weshalb auch sie jetzt schon so lange wartet. Sie sagt zu einer der Krähen: „Ich wollte nur sagen, daß ich heute Nachmnittag nicht kommen kann und meinen Termin verschieben. Nächste Woche oder so, ich bin ja Rentnerin, ich hab ja Zeit.“

    Neben mir sitzt ein alter Mann in Gartenklamotten. Blaue Latzhose, Gummistiefel mit Lehmanhaftung, grüne Gartenjacke und die in unserer Gegend unvermeidliche „Batschkapp“. Er stöhnt die ganze Zeit schon leise vor sich hin. Auf der anderen Seite neben mir sitzt eine alte Frau, die ebenfalls stöhnt, als läge sie in den letzten Zügen. Vor Schmerz hat sie sich so weit vorgebeugt, daß ihre Kinnspitze fast ihre Knie berührt. Mein Gott, was mögen diese armen Menschen wohl haben? Hoffentlich stirbt mir keiner von den beiden auf den Schoß!

    Der Genitalienossi kommt wieder herein und flüstert mit den Krähen. Nicht nur sein Kopf ist hochrot, so erfahren wir durch das mittlerweile gewohnte lautstarke Wiederholen der Krähen, auch der Kopf seines Genitals hat inzwischen eine unnatürliche Färbung angenommen und ist überdies auch noch angeschwollen. „Verhärtet?“, kräht die eine Krähe und das bringt den stöhnenden Gärtner neben mir zu der Äußerung: „Der Glückliche!“, dann stöhnt er weiter.
    Der Ossi muß dringend pieseln, das geht aber nicht, da er einen brennsalbenbedingten Dauerständer hat. „Wenn ich mit Ihnen aufs Klo gehe und kaltes Wasser drüberlaufen lasse, würde das helfen?“, bietet sich die eine Krähe an und in mir wächst langsam die Erkenntnis, am falschen Tag, am falschen Ort zu sein.

    Hätte ich ihn zwischendurch nicht schon einige Male hektisch herumflitzen sehen, hätte ich angenommen, der mir bekannte Arzt sei inzwischen verstorben oder verzogen und hier tut jetzt Dr. Frankenstein Dienst.
    Das muß auch der Ossi denken, denn so rasant wie er jetzt verschwindet, kommt der bestimmt nicht wieder. Naja, immerhin hat er für die Latte nur 10 Euro bezahlt, eine Viagra soll doppelt so teuer sein….

    Jetzt geht alles schnell. Offenbar müssen die Patienten jetzt recht zügig abgefertigt werden, denn ich darf nach nebenan, wo es noch drei Behandlungskabinen gibt. Ich kriege Nummer Eins, die Stöhnende Alte und der stöhnende Gärtner müssen in Nummer Zwei und Drei.
    Da sind aber nur Vorhänge dazwischen und alles deutet auf eine Schnellbehandlung hin. Eine der Krähen sagt dann auch: „Der Herr Doktor schaut gleich schnell nach Ihnen, der muß gleich Hausbesuche machen!“

    Gleich mal schnell, mal eben? Nee, also das ist nicht das, weswegen ich gekommen bin.

    Schon rauscht er herein und kümmert sich um den Gärtner. Der hat sich am Freitagmittag im Garten die Hand gebrochen. Wie bitte? Der läuft tatsächlich seit Freitag, heute ist Montag (!), in seinen Gärtnerklamotten mit einer gebrochenen Hand herum! Und statt ins Krankenhaus zu fahren, sorgt er mit für den vormittäglichen Patientenstau beim Hausarzt; Klasse!
    Der ist schnell abgefertigt: „Sofort ins Krankenhaus!“

    Die stöhnende Rentnerin ist die Nächste und das wird auch langsam Zeit. Sie hat die ganze Zeit neben mir in der Kabine gejammert und gestöhnt; da ist es höchste Eisenbahn, die stirbt bestimmt gleich weg.
    „Was haben Sie denn für Kummer, Frau X.?“ will der Doktor wissen.
    „Ach, Herr Doktor, ich habe seit vier Wochen einen eingewachsenen Fußnagel und morgen fahre ich doch zu meiner Tochter nach Bad Mergentheim, da will ich das heut‘ noch eben von Ihnen schneiden lassen, das eitert schon.“

    Ich höre noch, wie der Arzt zu ihr sagt, er betreibe eine Bestellpraxis und da könne nicht jeder einfach so mit jedem Wehwehchen hereinschneien und er fühle sich weit unterhalb jedes Friseurs eingestuft, zu dem könne man auch nicht einfach so ohne Termin hinkommen.

    Dann bin ich an der Reihe. Ich soll jetzt meine Krankheitsgeschichte erzählen, das will ich aber nicht. Denn man muß wissen, daß sich diese Vorhangkabinen quasi im Gang befinden. Da stehen in unmittelbarer Nähe rund zehn Personen und das Wartezimmer ist voll und direkt nebenan. Ich könnte mich sozusagen auch auf die Hauptstraße stellen und per Megaphon alles erzählen. Inzwischen habe ich fast drei Stunden gewartet und sehe gar nicht ein, fast auf dem Gang behandelt zu werden.

    Nee, für einen Abstecher ins Sprechzimmer habe er jetzt keine Zeit, er habe schließlich kein Feldlazarett….

    Ich muß wohl Klartext reden, denke ich und stehe von der Behandlungsliege auf, auf der ich bis dahin gesessen habe. Das macht mich binnen Sekunden ungefähr doppelt so groß wie den nur 1,59 großen Herrn Doktor und auf irgendeine Weise muß das für ihn so bedrohlich gewirkt haben, daß er mich dann doch wortlos in sein Behandlungszimmer führt, wo uns dicke Doppeltüren vor den Ohren irgendwelcher gelangweilter Rentner schützen.
    Der Gute läßt sich sogar zu einer Entschuldigung hinreißen, gibt mir einen Termin für nächste Woche, damit wir alles ganz in Ruhe machen können, mißt schnell noch meinen Blutdruck (das bringt wenigstens 80 Cent Kassenleistung) und schreibt mir was gegen meine Schmerzen auf.

    Siehste, hat doch nur 5 Minuten gedauert.

    Ich hab‘ jetzt einen Termin für nächste Woche, ich glaub‘ aber nicht, daß ich da hingehe!


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