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  • Wenn sich alte Bauersfrauen waschen

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    frau ruckdäschl

    Immer wieder laden mich freundliche Menschen ein, damit ich im Kreise interessierter Leute, aus meinen Büchern etwas vorlese. Jetzt bin ich noch nicht so berühmt, daß ich mir dabei irgendwelche primadonnenhafte Allüren erlauben könnte. Aber ich möchte doch wenigstens als Gast behandelt werden und sehe mich in der Rolle desjenigen, der einerseits Gast, also höflich ist und andererseits desjenigen, der etwas mitbringt und zu bieten hat.

    Gestern war so ein Vorlesetermin in einer Großstadtbuchhandlung. Schon eine halbe Stunde vor der Zeit war ich da, um mich ein wenig in der Buchhandlung umsehen zu können. Unter anderem gucke ich immer, wo meine Bücher stehen und räume die gerne auch mal an eine etwas exponiertere Stelle, wenn mich keiner sieht.

    So ging ich also zu einer jungen Frau, die ein Schild der Buchhandlung an der Brust trug, das verkündete, es handele sich um Frau Vivian Morkelbaum. Vivian ist ein sehr schöner Name mit dem ich in meiner Phantasie sehr schöne Frauen verbinde, aber leider sah diese junge Frau eher aus wie Morkelbaum.


    Ich stellte mich vor und schaute sie über meine neue Halbbrille hinweg an. Diese Brille hatte ich auf ausdrückliche Anweisung meiner Allerliebsten angezogen. Die hatte gesagt:
    „Setz‘ doch die neue Halbbrille auf, da siehst du so intelligent mit aus.“

    „Willst du damit sagen, daß ich ohne diese Brille nicht intelligent ausschaue?“

    „Nein, aber mit der Brille siehst du noch intelligenter aus.“

    „Und ohne Brille? Halbintelligent, oder was?“

    Und dann machte die Allerliebste etwas, was ich absolut nicht ausstehen kann. Sie legte so eine geduldige Milde in ihre Stimme, tätschelte die kleine kahle Stelle an meinem Hinterhaupt und sagte, ganz langsam, so als ob eine Mutter ihrem zurückgebliebenen Kind den Unterschied zwischen Montag und Freitag erklärt: „Weißt du was, mein Lieber, setze sie einfach auf, ja?“
    Dieses „ja?“ am Ende des Satzes macht es so unerträglich. Das hat so etwas Abschließendes und ist wieder so eine typische Kompressionsformulierung der Allerliebsten.
    Kompressionsformulierungen verwenden nur Frauen und die Allerliebste ganz besonders oft.
    Sie sind kurz, eben komprimiert, dulden keine Erwiderung oder Ergänzung und stehen immer für ganze Satzfolgen.
    In diesem speziellen Fall bedeutet das „ja?“ am Ende ihres Satzes: „Du machst einfach genau das, was ich dir sage, dann kommst du gut durchs Leben, auch wenn du zu doof bist es zu verstehen, du dreibeiniger Mann du, Frauen sind euch Männern in allem überlegen, also warum nervst du mich mit deinen dummen Fragen, mache es so wie ich es dir sage, aber flott!“

    Es ist dann immer besser, wenn man ein bißchen doof guckt und dann das Doofgucken in ein Dankbargucken übergehen lässt. Das haben Frauen gerne, das bestärkt sie in ihrer Rolle und beschert uns Männern auf Dauer Frieden auf Erden.

    Also hatte ich diese Brille aufgesetzt und stand nun, vollintelligent aussehend, vor Frau Morkelbaum, die etwas genervt einen Telefonhörer ans Ohr presste und hineinflötete: „Da ist so ein Herr Wilhelm, der will irgendwas vorlesen.“

    So ein Herr Wilhelm, tolle Formulierung! Der will irgendwas vorlesen, das klang so ähnlich wie: „Der will sich hier entblößen.“

    Wieder an mich gewandt sagte die Morkelbaum dann: „Ich soll sie nach oben bringen, die Lesung ist im dritten Ohhgehh, da gibt es auch unseren Aufenthaltsraum.“

    Ohhgeeeh, OG, das ist auch so eine Abkürzungssprache die ich nicht mag. Ich meine, die Menschen sabbeln und babbeln den ganzen Tag, scheuen sich nicht die längsten Worte auszusprechen, aber bei einigen, vor allem denen wo es vollkommen unangebracht ist, erfinden sie unnötige Abkürzungen. Statt Orangensaft sagen sie O-Saft, der Personalausweis mutiert zum „Perso“ und der dritte Stock wird zum dritten Ohhgeeh.

    Wobei, das muß ich jetzt hier noch kurz einfügen, die Eingeborenen sich hier weder sicher, noch einig sind, in welchem Stockwerk sie wohnen. Normalerweise bestehen Häuser aus einem Erdgeschoss, das so heißt, weil es ziemlich weit unten auf der Erde steht, man kann dazu auch Parterre sagen. Stockt man dieses Haus nun auf, entsteht noch eine Etage oder der sogenannte erste Stock. Darüber dann der zweite Stock und so weiter.
    Das ist überall auf der Welt so, auch wenn die Menschen da teilweise andere Bezeichnungen haben. Nur hier bei den Eingeborenen und Ureinwohnern der Kurpfalz ist das anders.
    Sie beharren darauf, daß die Parterre schon der erste Stock ist. „Unne is eins, eins driwwer is zwee.“
    Das kann aber von Ort zu Ort wechseln. Man merkt daran ganz genau, durch welche Ortschaften Napoleon durchgeritten ist und etwas Kultur verbreitete und wo der französische Kaiser lieber vorbeigeritten ist und seinen Kulturbeutel geschlossen ließ.
    Neulich habe ich jemanden besucht, der in der Trabantenstadt vor der Stadt in einem Hochhaus wohnt. Im neunten Stock. Im Aufzug stand ich dann vor den Knöpfen. Es gab U1 für das Untergeschoss, dann kam EG für Erdgeschoß, soweit alles klar. Aber dann kam Etage 0.
    Wie bitte Null? Darüber folgten dann 1, 2, 3 usw. bis 19. Aber was ist die Etage Null?
    Just in dem Moment, in dem ich darüber nachdachte, öffnete sich die automatische Tür der Aufzugskabine noch einmal uns ein älterer Herr stieg ein, der drückte auf die Null und das brachte mich dazu, ihn zu fragen, was denn Etage Nummer Null bedeutet.
    Etwas verwundert blickte mich der Alte an und sagte: „Na, das ist das Gartengeschoss!“
    Ich nickte und tat so, als ob ich das verstanden hätte. Aber bitte: Wir befanden uns in einem Hochhaus, da gab es ein paar Blumenrabatte unten ums Haus herum und weiter oben bloß diese winzigen 2-Gartenstuhl-Balkone. Kein Garten weit und breit!

    Ich komme nicht umhin, noch einmal zu betonen, daß ich die Ureinwohner hier wohl niemals verstehen werde, so wie ich auch die Frauen niemals verstehen werde. Und die Allerliebste ist zum einen Ureinwohnerin und zum anderen auch noch eine Frau! Kann sich irgendjemand vorstellen, wie es mir manchmal geht?

    Im Moment ging es mir aber noch ganz gut. Frau Morkelbaum begleitete mich ins dritte Ohhgeehh und führte mich in ein kleines Zimmerchen.

    „Käffchen?“

    Ich unterdrückte ob dieses Tuntenwortes meinen Würgereiz und nickte, denn es war ziemlich heiß in dieser Buchhandlung und etwas zu Trinken wäre nicht schlecht.

    „Ja, ein Kaffee wäre jetzt fürs Erste nicht schlecht. Und nachher bei der Lesung hätte ich gerne ein großes Glas Leitungswasser.“

    „Latte oder Chino?“ fragt Frau Morkelbaum.

    „Häh?“

    „Ob sie Latte Matschiato wollen oder Kappetschinoh.“

    Dabei sprach sie diese Worte genauso aus, wie ich es schreibe. Ich schüttelte den Kopf und sagte: „Ganz normalen Kaffee bitte, schwarz.“

    „Ohne Milch?“

    „Ja, schwarz bitte.“

    „Haben wir nicht! Nur Kappetschinoh und Latte, wir haben da so fertige Kapseln im Automaten.“

    „Dann lieber gar nichts, ich mag keine Milch im Kaffee.“

    „Expresso, wir haben auch Expresso!“

    Warum 90% der Menschen da ein X einbauen, wird mir immer schleierhaft bleiben, aber wenigstens ist ein Espresso ohne Milch.

    „Ja bitte, dann nehme ich einen Espresso.“

    Kurz darauf stand ein winziger Espresso vor mir, der so stark war, daß er mir sämtliche Mundschleimhäte wegzuätzen schien. Ich trinke gerne Kaffee, auch gerne starken, aber der hier war so bitter und stark, daß es schon fast an Körperverletzung grenzte.

    Da saß ich also nun alleine in diesem winzigen Zimmerchen, mein Mund war verätzt und ich wartete. Warum ist es in so großen Läden bloß immer so warm? Schon wenn man reinkommt, bläst einem brühwarme Luft von unten in die Klamotten. Warum machen Kaufhäuser sowas? Wollen die Frauen mit Röcken entblößen? Sollen eventuell die an den Kunden haftenden Läuse und Flöhe weggepustet werden? Keine Ahnung.
    Langsam rann mir der Schweiß den Rücken hinunter und ich war froh, daß bald darauf die Tür aufging und eine andere Frau hereinkam. Frau Siebendreier stellte sich als Filialleiterin vor und sagte: „Die Leute haben schon Platz genommen, wir könnten anfangen. Wenn Sie wollen, können wir uns ja hinterher noch etwas unterhalten.“

    Sie führte mich in eine Ecke der Verkaufsetage. Dort hatte man sogar zwei Poster meines Verlages aufgehängt, eines zeigte mich und das andere mein Buch. Es war wie immer: die Leute im Halbkreis, davor ein Tischchen, ein Stuhl, eine Leselampe und -Gott sei Dank- mein Glas Wasser. Etwa dreißig Personen waren gekommen, um mich zu sehen und zu hören.

    Freundlich in die Runde nickend nahm ich Platz. Normalerweise hüstele ich immer etwas und fange dann an. Aber ich konnte nicht hüsteln, mein Mund war ganz trocken und meine Zunge klebte am Gaumen. So nahm ich zuerst einen Schluck Wasser, das half.

    Ich las eine der beliebten Ruckdäschl-Episoden und die Leute lachten herzhaft und klatschten mehrfach sogar zwischendurch. Das gefiel mir, das ist nämlich nicht immer so. Aber zunehmend machte mir mein trockener Mund zu schaffen.

    Meine Zunge lag trocken und pelzig wie ein alter Waschlappen in meinem Mund und entwickelte allmählich einen Geschmack, als habe sich mit eben diesem Waschlappen zuletzt eine ganz alte Bauersfrau an ihren geheimsten Stellen gewaschen.

    Ich wollte zu meinem Wasserglas greifen, doch mit leichtem Entsetzen stellte ich fest, daß darin inzwischen ein Insekt herumschwamm. Es war keine Fliege, sondern eine Motte oder ein Falter, jedenfalls zappelte das Tier noch.
    Während ich mit raschelnder Zunge weiterlas und gute Miene zum bösen Spiel machte, überlegte ich, ob ich nicht einfach doch einen Schluck aus dem Glas nehmen solle. Was würde mit der Motte passieren? Würde sie dann auf der Wasseroberfläche eher von meinem Mund weggetrieben oder bestand die Gefahr, daß ich das Vieh inhalieren würde?
    Ich könnte es auch durch geschickten Einsatz meiner Finger eben herausfischen, aber einerseits bin ich manchmal nicht so geschickt und andererseits sähe das bestimmt doof aus. Und ich wollte den durch die neue Halbbrille hervorgerufenen intelligenten Eindruck nicht durch ungeschicktes Herumfingern in einem Wasserglas zerstören.

    Auch waren weder Frau Siebendreier, noch Frau Morkelbaum zu sehen und somit konnte ich nichtmals ein neues Glas ordern.

    Die Bauersfrau muß sich vorher ziemlich lange nicht gewaschen haben, denn der ekelige Geschmack in meinem Mund nahm zu. Vermutlich hatte der „Expresso“ von Frau Morkelbaum meine Mundschleimhaut abgetötet, die jetzt zu verwesen begann.

    Tapfer weiterlesend inspizierte ich nochmals das Wasserglas. Jetzt war das Insekt auf der mir abgewandten Seite der Wasseroberfläche und ich hätte gute Chancen, wenigstens einen winzigen Schluck zu nehmen, ohne das Ungeziefer zu verschlucken. Ich machte eine kleine Kunstpause, die Leute lachten sowieso gerade, und nahm das Glas. Während ich es zu den Lippen führte, begann das Ungeziefer darin zu rudern und bewegte sich genau auf die Seite des Glases, die meinen Mund berühren würde. Ich drehte das Glas ein wenig in den Händen, doch das Wasser mit dem Insekt drehte sich nicht mit. Das Vieh blieb auf meiner Seite.
    Vielleicht würde es helfen, wenn ich kurz in das Glas pustete. Durch den Luftzug sollte es doch möglich sein, das Flattertier auf die andere Seite zu bringen.
    Ich behielt das Glas in der Hand, las langsam weiter und nach drei Sätzen hielt ich es nicht mehr aus. Gleich würde nämlich meine Zunge zerbröseln. Ich pustete kurz ins Glas, das Insekt verhielt sich wie erwartet und trieb nach Gegenüber. Ich nahm einen ganz winzigen Schluck. Ah! Das half! Immer noch verweilte der Mottenfalter auf der anderen Seite und ich wagte es, einen größeren Schluck zu nehmen. Der benetzte endlich meine Zunge, die sicherlich laut gezischt hat. Ich warf noch einen Blick ins Glas, die Motte war immer noch da drüben. Also nahm ich einen richtig großen Schluck und endlich befeuchteten sich mein Mund und meine Kehle, sodaß ich wahre Linderung erfuhr. Unverzüglich war jeder Bezug zu alten Bauersfrauen verschwunden und ich konnte fröhlich und gut gelaunt weiterlesen.
    Alles in allem verlief die Lesung auch weiterhin ganz nach Plan und ich hatte das Gefühl, daß es den Leuten richtig Spaß machte. Das ist auch gut so, dann ist die Wahrscheinlichkeit größer, daß sie hinterher auch eines meiner Bücher kaufen, dachte ich.
    Und während ich das noch so dachte, bekam ich ein ganz merkwürdiges Gefühl in meinem Hals, da kribbelte irgendetwas. Es würde also besser sein, noch einen Schluck zu trinken. Ich blickte zum Glas hinüber und suchte die Motte, aber so sehr ich auch schaute, die Motte war nicht da.
    Um Himmels Willen! Ich mußte sie bei meinem letzten großen Schluck in mich aufgesogen haben und vermutlich rührte das Kribbeln in meinem Hals davon her, daß sie jetzt da herumkrabbelte.
    Nicht daß die da noch Eier legt, dachte ich.

    Ich beschloß, die Lesung nun zum Ende zu bringen und dann mit einem kräftigen Schluck nachzuspülen, das würde die Motte aus meinem Hals herausspülen und in die Gefilde meiner aggressiven Magensäfte befördern, die hat noch kein Tier überlebt!

    So machte ich es auch. Die letzte Geschichte war zu Ende, ich klappte das Buch zu und stand auf. Das mache ich immer so, dann klatschen die Leute und wissen, daß es vorbei ist. Während die Leute freundlich applaudierten, konnte ich endlich den ersehnten Schluck nehmen.
    Doch das tückische Insekt hatte sich gar nicht in meinem Hals befunden, sondern muß hinterlistig an der Innenseite des Glases geklebt haben. Jedenfalls trank ich das Glas leer, spülte mit dem Wasser unauffällig alle Winkel meines Mundes aus und da merkte ich es, es war aber schon zu spät. Ich hatte die Motte dabei wohl von der Wandung des Glases gelöst, durch die Zähne gesaugt, sie dabei in ihre Bestandteile zerlegt und einen Geschmack im Mund erzeugt, als hätte ich jetzt die abgetragene Unterwäsche eben jener Bauersfrau zerkaut.

    In meinem Kopf notierte ich: Das nächste Mal eine Flasche Wasser mit Schraubverschluss verlangen!

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    2 Kommentare

    1. Huntington

      15. Juli 2011 at 01:56

      Nette Geschichte. Viele von den Dingen kenne ich nur zu gut und rege mich genau so darüber auf. Nur versteh ich nicht ganz, wieso das Ganze als ein einziger Batzen von Text geschrieben wurde. War recht anstrengend zu lesen 😐

      Antwort

      • Peter Wilhelm

        15. Juli 2011 at 05:45

        [quote name=“Huntington“]Nette Geschichte. Viele von den Dingen kenne ich nur zu gut und rege mich genau so darüber auf. Nur versteh ich nicht ganz, wieso das Ganze als ein einziger Batzen von Text geschrieben wurde. War recht anstrengend zu lesen :-|[/quote]

        Vielen Dank für Deine Zeilen. Natürlich waren die Texte mal wunderschön in Absätze aufgegliedert. Leider sind diese beim Import aus einer anderen Blogsoftware verloren gegangen.
        Bei den Geschichten werde ich aber in einer ruhigen Stunde mal drangehen.

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