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Spitze Feder

War stets bemüht

Ein Flugzeug am Himmel, man sieht es von hinten

Wer schon einmal ein Arbeitszeugnis bekommen oder ein solches durchgelesen hat, kann sich vermutlich noch an die hölzerne und verschwurbelte Wortwahl erinnern.

Sinn dieser Unsprache ist es, Mängel und schräge Skills, die der Arbeitnehmer mutmaßlich aufweist, in wohlwollend klingenden Worte so zu verklappen, damit der nächste Personalchef sofort weiß, wo der Bartel den Most holt.

Eine klassische Schönsprech-Phrase erklärt, dass N. N. alle gestellten Aufgaben zur Zufriedenheit erledigt habe. Im Klartext für den potentiellen neuen Personalchef: Der Mann ist eine dröge Pfeife, oder man kann ihm beim Laufen die Schuhe besohlen, oder beides.

Auch beliebt: N. N. war im Unternehmen sehr geschätzt und stets offen für Gespräche mit den Kolleginnen und Kollegen. Im Klartext: Eine enervierende Labertasche, die mehr Zeit an der Kaffeemaschine verbrachte, als an ihrem Schreibtisch, und die die Leute durch ständiges Tratschen von der Arbeit abhielt.

Neben weiteren verlogenen Bauchpinseleien, gibt es noch den ultimativen Daumen nach unten: N. N. war stets bemüht. Was nach Engagement und löblichem Fleiß klingt, bedeutet schlicht und ergreifend: Der Mann ist eine absolute Nullnummer, völlig untalentiert und zu nichts zu gebrauchen.

Bei einem derart bestechenden Renommee steht es dem Personalchef natürlich frei, dem Bewerber zu schreiben, dass man sich für das gezeigte Interesse… leider jedoch für einen anderen Bewerber… aber weiterhin alles Gute für den zukünftigen… bla, bla, bla. Dumm nur, wenn der Arbeitgeber kein Unternehmen, sondern ein ganzes Volk ist, bei der Auswahl seiner Angestellten jedoch nichts zu melden hat, außer alle vier Jahre eine ernüchternde, aber folgenlose „Bilanz“ zu ziehen.

Richtig: Ich rede von Parlamenten im Allgemeinen und von den rund 10.000 Angestellten des Deutschen Bundestags im Besonderen. Alleine 2023, pendelte eine ganze Armada von ihnen zwischen Bonn und Berlin, da man 1991, bei der Abstimmung über die neue Bundeshauptstadt, Berlin, die ehemalige, Bonn, nicht im Regen stehen lassen wollte, und weil man natürlich stets bemüht war.

Es wäre sicher ein Leichtes gewesen, sich am Beispiel der Niederlande zu orientieren, also zwischen der Hauptstadt (Amsterdam) und dem Regierungssitz (Den Haag) zu unterscheiden und somit hunderte Millionen € für Protzbauten und Dicke-Hosen-PR an der Spree einzusparen. Aber die Parlamentarierinnen und Parlamentarier waren schließlich stets bemüht, bei einer solch historischen Entscheidung ihr Bestes zu geben, um die berechtigten Interessen der einstigen Bundeshauptstadt…bla, bla, bla.

Und so fanden sie eine salomonische Lösung: Berlin wurde Bundeshauptstadt und Regierungssitz als Gesamtpaket. Einige Bundesministerien verblieben zum Ausgleich für die dräuende Bedeutungslosigkeit der ehemaligen Rhein-Metropole eben in Bonn…mit einem zweiten Dienstsitz in Berlin:

· Das Bundesministerium der Verteidigung
· Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft
· Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
· Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz
· Das Bundesministerium für Gesundheit Bundesministerium für Bildung und Forschung

Alle anderen Bundesministerien mit Hauptsitz in Berlin, haben überdies natürlich noch einen zweiten Dienstsitz in Bonn, damit sie sich, hier, wie da, stets bemühen, Verantwortung übernehmen und gestalten können. Um das Land für die Zukunft gut aufstellen zu können, um es krisen- und kriegsfest…oder irgend etwas in der Art, kurzum: Die Parlamentarierinnen und Parlamentarier müssen zwischen den beiden Kapitalen nun ständig hin- und herpendeln, um sich hier, wie da, stets bemühen zu können.

Die Flugbereitschaft mit ihren 1.200 Soldatinnen und Soldaten, mit ihren 100 Zivilangestellten und mit ihren stets bemühten Maschinen, die ab und an in Arabischen Gefilden nicht wirklich…die Flugbereitschaft steht nur dem Bundeskanzler und den Bundesministern zur Verfügung…korrekt gegendert, oder auch nicht. Und deshalb mussten die untergeordneten Parlamentarierinnen und Parlamentarier letztes Jahr leider rund 4.500 Tickets für Inlandsflüge im Wert von knapp 2 Millionen € bei regulären Airlines buchen, damit sie sich vor Ort, also in Berlin und in Bonn, stets bemühen konnten.

Wenn man den Output an Gesetzen betrachtet, mit denen der Bundeskanzler, das Bundeskabinett, die Parlamentarierinnen und Parlamentarier seit knapp 50 Jahren auf die „dringendsten Fragen“ in derart schwierigen Zeiten reagieren, und wie diese schwierigen Zeiten seit knapp 50 Jahren auf diese Gesetze reagieren, kann man zu Recht resümieren: Sie alle waren stets bemüht.

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Spitze Feder – Spitze Zunge

Diese Kolumne schreibt vorwiegend Peter Grohmüller seine Gedanken zur Welt und dem Geschehen unserer Zeit auf.
Seine fein geschliffenen „Ergüsse“ – wie er selbst sie nennt – erfreuen sich großer Beliebtheit.

Hin und wieder erscheinen in dieser Kolumne auch Beiträge anderer Autoren, die dann jeweils entsprechend genannt werden.

Die Texte sind Satire, Kommentare und Kolumnen. Es handelt sich um persönliche, freie Meinungsäußerung.

Für die Texte ist der jeweilige Autor verantwortlich.

Lesezeit ca.: 5 Minuten | Tippfehler melden | © Revision: | Peter Grohmüller 14. Februar 2024

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