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Spitze Feder

Vom Schlaf der Gerechten

Ein Schaf

Oder müsste es tendenziell nicht eher heißen: Vom Schlaf der Selbstgerechten? Dies zu beurteilen, überlasse ich gerne der geschätzten Leserschaft (m, w, d) auf der nach oben offenen Gender-Skala.

Denn es geht in dem nun folgenden Pamphlet erwartungsgemäß mal wieder um die Damen und Herren in den obersten Etagen des politischen Elfenbeinturms, die sich ungefragt anmaßen, die lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger ständig irgendwo abholen und irgendwohin mitnehmen zu wollen. Etwa aus der Hartz-IV-Gosse in Duisburg-Marxloh, zu der versnobten Crème de la Crème nach Sylt? Sicher nicht!

Satire darf ja alles. Zumindest, wenn man sich des geflügelten Aphorismus von Kurt Tucholsky bedient. Wenn man jedoch Satire als feines Florett bezeichnet, als elegante Waffe, um der dünkelhaften Elite, Coram Publico ihre Widerwärtigkeit aus der selbstgerechten, PR-gepimpten Fassade zu schälen, scheint es heute mehr als angebracht, zum grobschlächtigen Säbel des blanken Zynismus greifen.

Hennig Venske, Volker Pispers, Georg Schramm, die brillanten Grandseigneurs des politischen Kabaretts, haben über Jahrzehnte mit hauchdünn geschliffenem Florett hantiert und ihr Auditorium zu tosenden Beifallsstürmen hingerissen. Aber sie haben in der Erkenntnis über die offensichtliche Folgenlosigkeit ihres Tuns, anscheinend resigniert und die hohe Kunst der Worte mehr oder weniger eingestellt. Einzig Urban Priol scheint mit erigiertem Rest seines Haupthaars noch als einsamer, aufrechter Don Quichotte in der TV-Brandung der Verblödung zu stehen, um der geistig, moralischen Widerwärtigkeit, der real existierenden Impertinenz seitens des politischen Spitzenpersonals, Paroli zu bieten und den Zuschauerinnen und Zuschauern, den signifikanten Unterschied zwischen intelligentem, tiefsinnigem, politischem Kabarett und der pseudorebellischen Attitüde eines Dieter Nuhr erklären zu können. Von den höchst verzichtbaren, flachen Kalauern eines Mario Barth, ganz zu schweigen.

Es kann natürlich sein, dass Venske, Pispers und Schramm durchaus noch aktiv sind. Da die Rundfunkräte der Öffentlich-Rechtlichen jedoch mit vertrockneten Mumien aus dem Politikbetrieb infiltriert sind und so die gesetzlich vorgeschriebene Staatsferne der Sender ad absurdum führen, kann es durchaus sein, dass diese Untoten ihr Veto gegen eine Ausstrahlung der Programme eingelegt haben und man Venske, Pispers und Schramm deshalb nur noch auf den abgewetzten Bühnen der linksversifften Kleinkunstkaschemmen sehen kann. Oder es ist den dreien bewusst, dass man mit elegantem Florett, gegen den Schlaf der Selbstgerechten in den obersten Etagen des politischen Elfenbeinturms, nichts mehr ausrichten kann, oder sogar noch nie konnte, und sie genießen jetzt einfach ihren wohlverdienten Lebensabend bei einem guten Roten. Zwar jammerschade, aber es sei ihnen von Herzen gegönnt.

Politische Karrieren beginnen ja oft mit einem aufrichtigen, altruistischen Sendungsbewusstsein, wenngleich dies schnell unter die Räder des real existierenden Polit-Business gerät. Aber eins nach dem anderen. Man regt sich beispielsweise auf, über die Hundekacke im Sandkasten auf dem Kinderspielplatz und meint deshalb, sich im Gemeinderat dagegen positionieren zu müssen. Ist ja auch eklig, oder? Also die Hundekacke im Sandkasten, nicht der Gemeinderat. Wobei…

Anyway: Mit etwas Geschick und wohldosiertem, extrovertiertem Auftreten, kann man die Hürde einer Wahl recht flott meistern und danach besagte Ausscheidungen auf die Tagesordnung setzen lassen. Ab dann beginnt die Karriere Fahrt aufzunehmen, da man jetzt besagtes Geschick und wohldosiertes, extrovertiertes Auftreten, quasi als honorige Amtsperson einsetzen kann, und der dekontaminierte und somit wieder kindgerechte Sandkasten, nun auch in den lokalen Medien auf fruchtbaren Boden fällt.

Spätestens bei dem Tagesordnungspunkt „Umwidmung von Ackerflächen in Bauland“, kommt es dann allerdings zum leidigen Zwang eines Kompromisses, das Schmiermittel in der Politik per se, und zwar in zweierlei Hinsicht. Man sieht sich, trotz seines ursprünglichen Idealismus, nun leider gezwungen, den Umweltgedanken, die Biodiversität, den Artenschutz und all den anderen woken Birkenstock-Singsang, mit den Portemonnaies der Grundbesitzer, also der größten Steuerzahler der Gemeinde, in Einklang zu bringen, oder so ähnlich. Am Ende einer hitzigen Debatte, sind dann erwartungsgemäß alle Gemeinderätinnen und Gemeinderäte irgendwie nicht wirklich zufrieden mit dem Kompromiss, aber man geht trotzdem noch zusammen zum After-Work-Stammtisch beim Italiener und plant die nächste gemeinsame Studienfahrt in die Hauptstadt. Für lau, versteht sich. Wird ja schließlich aus den Parteikassen berappt. Last but not least, gibt’s, oh Wunder, noch eine neue Einbauküche für die liebe Gattin…ebenfalls für lau, versteht sich. Chapeau!

Wenn es dann mit der Karriere richtig flutscht, kommt nach dem Sitz im Gemeinderat, einer im Kreistag, dann einer im Landtag, und als vorläufige Krönung des altruistischen Engagements, schließlich den begehrten Sitz im Bundestag, mit schlanken zehn Mille an Diäten im Monat, plus Aufwandsentschädigung und Pensionsansprüchen, von denen die Wählerinnen und Wähler nicht einmal zu träumen wagen. Der finale Ritterschlag folgt dann mit einem Büro in den obersten Etagen des politischen Elfenbeinturms, garniert mit einem Heer an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, einer fetten Dienstlimousine im XL-Format, nebst Chauffeur in Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft, dazu unbegrenzte Tickets für den Dienstflieger und Fressen bei den edelsten Edel-Italienern. Natürlich ebenfalls für lau, versteht sich.

Spätestens jetzt könnte es zu kurzzeitigen, mentalen Irritationen kommen, wenn man noch nicht gänzlich abgestumpft ist und sich plötzlich der ethischen Unvereinbarkeit zwischen Rückgrat und Mandat bewusst wird. Aber glücklicherweise kann man sich ja bei den Abstimmungen zu den Gesetzesvorlagen, über den Fraktionszwang jederzeit einen schlanken Fuß machen. Also ich wollte ja eigentlich nicht wirklich, und ich hätte tatsächlich doch lieber, aber was will man machen, man muss im Interesse der Bürgerinnen und Bürger, im Sinne von Arbeitsplätzen, um das Land zukunftsfest aufzustellen und es nach vorne zu bringen…da müssen Partei und Regierung schließlich Geschlossenheit zeigen, bla, bla, bla.

Wenn dann aus der bescheidenen Einbauküche für die Gattin, plötzlich ein ganzes Haus…was rede ich, eine Stadtvilla mit kleinem Park und großem Pool wird. Wenn man eingeladen ist, im Privatjet mitzufliegen, weil der ohnehin gerade nach Mauritius unterwegs ist. Wenn man in seinem Büro in den obersten Etagen des politischen Elfenbeinturms, nicht mehr weiß, wohin mit all den Aktenkoffern, die Dutzende zerstreute Lobbyistinnen und zerstreute Lobbyisten beim gemeinsamen und völlig ungezwungenen Käffchen haben liegenlassen.

Wenn man dann, nach Jahren aufopferungsvoller Arbeit für die Belange der Bürgerinnen und Bürger, nach intensiver Netzwerkarbeit und reiflicher Überlegung, sich die schmerzhafte Entscheidung abringt, dem Ruf der Märkte zu folgen und vom Parlament in die freie Wirtschaft zu wechseln und dort für weniger Arbeit, aber exorbitant hohem Salär und Boni, ein Aufsichtsratsmandat, oder gar einen Vorstandvorsitz anzunehmen, sein Netzwerk und seine politische Erfahrung, im Sinne der Arbeitsplätze in der Region…für die Bürgerinnen und Bürger… Das ist doch kein Grund, sich unwohl zu fühlen. Hallo? Geht`s noch? Einmal tief durchatmen und dann nach dem Motto: Alles für das Land! So hat man stets ein ruhiges Gewissen, und das ist ja bekanntlich ein sanftes Ruhekissen.

So wie Christian Lindner, Manni Güllners Liebling, dessen Demoskopen-Klo die FDP vor den Wahlen immer vehement über der 5%-Hürde orakelt, der neoliberale, unrasierte Posterboy, amtierender Bundesfinanzminister und somit hauptberuflicher Cheflobbyist mit gleich mehreren rektalen Großraumbüros beim BDI, bei den Banken und Versicherungen, bei den Milliardärinnen und Milliardären, bei den Millionärinnen und Millionären. Lindner ist nämlich selbst Millionär, muss man wissen, und gleich und gleich gesellt sich ja bekanntlich gerne. Er hat zwischen 1997 und 2001 drei Startup-Klitschen gegründet und sie mit Schmackes allerdings auch gleich wieder an die Wand gefahren. Irgendetwas mit Volatilität der Märkte, oder so ähnlich. Aber die Millionen, die der Schmackes gekostet hat, waren ja schließlich nicht seine eigenen, sondern Staatsknete. Insofern haben die Bürgerinnen und Bürger, der BDI, die Banken und Versicherungen, die Milliardärinnen und Milliardäre, die Millionärinnen und Millionäre, mit ihm, als oberstem Kassenwart, genau den richtigen Mann, zu richtigen Zeit, am richtigen Ort. Quasi eine Enddarm-Koryphäe zum Absaugen öffentlicher Mittel in die Privatschatullen seiner Klientel.

Und deshalb ist es auch nur folgerichtig, wenn er jetzt die Steuererhöhung beim Agrardiesel auf keinen Fall niemals nicht zurücknimmt und zu den Bauern sagt, alle müssten schließlich ihren Beitrag leisten. Da Lindner jedoch verschlagen ist und nicht näher erläutert, wen er genau mit „alle“ meint, und wen definitiv nicht, ist doch alles Paletti, oder? Und so fährt er nach verrichtetem Tagwerk zufrieden lächelnd im Porsche nach Hause in die mondäne Villa zu seinem lieben Weibe und schläft des Nachts den Schlaf des Selbstgerechten…wie alle anderen in den obersten Etagen des politischen Elfenbeinturms.

Sofern sie dort nicht längst ausgezogen sind und nun ihre politische Erfahrung, ihr Netzwerk, im Sinne der Arbeitsplätze in der Region, für die Menschen im Land, für die Bürgerinnen und Bürger…bla, bla, bla. Wie Ronald Pofalla, Roland Koch, Dieter Althaus, Kurt Beck, Philipp Rösler, Wolfgang Clement, Daniel Bahr, Dirk Niebel, Joschka Fischer, Gerhard Schröder, Georg Fahrenschon, Stefan Mappus, Edmund Stoiber, Matthias Wissmann, Werner Müller, Otto Wiesheu, Martin Bangemann, Peer Steinbrück, und, und, und.

Bei ihnen kam es jedoch wohl nie zu mentalen Irritationen bezüglich der ethischen Unvereinbarkeit zwischen Rückgrat und Mandat, denn sie hatten ja nie ein Rückgrat. Und deshalb schlafen sie auch alle den millionenschweren Schlaf der Selbstgerechten. Weil sie allesamt selbstgerechte Kotzbrocken sind.

Bildquellen

Spitze Feder – Spitze Zunge

Diese Kolumne schreibt vorwiegend Peter Grohmüller seine Gedanken zur Welt und dem Geschehen unserer Zeit auf.
Seine fein geschliffenen „Ergüsse“ – wie er selbst sie nennt – erfreuen sich großer Beliebtheit.

Hin und wieder erscheinen in dieser Kolumne auch Beiträge anderer Autoren, die dann jeweils entsprechend genannt werden.

Die Texte sind Satire, Kommentare und Kolumnen. Es handelt sich um persönliche, freie Meinungsäußerung.

Für die Texte ist der jeweilige Autor verantwortlich.

Lesezeit ca.: 10 Minuten | Tippfehler melden | © Revision: | Peter Grohmüller 17. Januar 2024

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