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Uhrwerke aus Massenproduktion, alle gleich?

Uhren innenleben 800x500

Warum nicht jedes Uhrwerk gleich ist. Man könnte meinen, ein Uhrwerk aus der Massenproduktion sei immer gleich. Es kommt aus der Fabrik, wird eingebaut, läuft – fertig.

Doch so einfach ist es nicht.

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Ich habe vor Jahren eine Uhr mit einem schönen ETA-Uhrwerk gekauft. Der Verkäufer, ein Uhrmacher, bot mir an, das Werk noch zu „verfeinern“ und auf sogenannte Uhrmacherqualität zu bringen.

Darüber hatte ich hier berichtet: https://dreibeinblog.de/diese-uhr-hat-sonst-niemand/

Dazu hat Leser Jens eine Frage:

Ich hab das mit Spannung gelesen, dass der Uhrmacher Dein ETA Uhrwerk noch verbessert hat. Hat er Dich da nicht verarscht? Bitte nicht falsch verstehen. Aber was will man denn an so einem Industrieuhrwerk noch verfeinern? Wenn das tatsächlich geht, frage ich mal vorsichtig, was sowas kostet. Und kann ich das nachträglich auch noch bei einer Uhr von mir machen lassen?

Ja, das hat mich damals auch zunächst überrascht. Ein fertiges Uhrwerk – und dann noch einmal nacharbeiten?
Ich erkläre Dir im Folgenden, was der nette Uhrmacher dazu gemeint hat:

Ein Werk ist nicht gleich ein Werk

Auch bei renommierten Herstellern wie ETA werden Uhrwerke in großen Stückzahlen produziert. Das ist notwendig, um die enorme Nachfrage zu bedienen.

Diese Werke sind gut. Oft sogar sehr gut. Aber sie sind nicht individuell auf höchste Präzision eingestellt.

Man könnte sagen: Sie verlassen die Fabrik in einem Zustand, der zuverlässig funktioniert – aber noch Luft nach oben hat.

Was bedeutet „Uhrmacherqualität“?

Wenn ein Uhrmacher ein Werk „verfeinert“, passiert mehr als nur ein kurzer Blick durchs Gehäuse.

Das Werk wird geprüft, reguliert und fein eingestellt. Ziel ist es, die Ganggenauigkeit zu optimieren und das Zusammenspiel der Bauteile zu perfektionieren.

Dazu gehört unter anderem das exakte Einstellen der Unruh, das Überprüfen der Hemmung und oft auch eine Justage in mehreren Lagen.

Denn eine mechanische Uhr verhält sich unterschiedlich, je nachdem, ob sie liegt oder getragen wird.

Warum das nicht schon in der Fabrik passiert

Natürlich könnten Hersteller jedes einzelne Uhrwerk perfekt einstellen.

Aber das würde Zeit kosten. Und Zeit kostet Geld.

Bei der industriellen Fertigung geht es darum, ein gutes, zuverlässiges Produkt zu einem vertretbaren Preis herzustellen.

Die Feinarbeit bleibt deshalb oft dem Uhrmacher überlassen – oder wird nur bei besonders hochwertigen Modellen ab Werk durchgeführt.

Die verschiedenen Qualitätsstufen

Viele wissen nicht, dass es selbst bei identischen ETA-Werken unterschiedliche Qualitätsstufen gibt.

Stufe Merkmale
Standard funktional, einfache Regulierung
Elaboré bessere Bauteile, genauere Einstellung
Top hochwertige Komponenten, fein reguliert
Chronometer geprüfte Präzision nach COSC-Norm

Das bedeutet: Zwei Uhren mit dem gleichen Kaliber können sich in der Praxis deutlich unterschiedlich verhalten.

Der Unterschied im Alltag

Eine gut regulierte Uhr läuft stabiler, genauer und oft auch gleichmäßiger über den Tag hinweg.

Während ein Serienwerk vielleicht 10 bis 15 Sekunden am Tag abweicht, kann ein fein eingestelltes Werk deutlich näher an die perfekte Zeit herankommen.

Und genau hier zeigt sich die Handschrift des Uhrmachers.

Regulierung in Lagen – warum die Uhr nicht immer gleich geht

Eine mechanische Uhr läuft nicht in jeder Position gleich genau. Das liegt an der Schwerkraft.

Je nachdem, wie die Uhr gehalten oder getragen wird, wirken unterschiedliche Kräfte auf die Unruh, die Spirale und die Lager. Eine Uhr, die flach auf dem Tisch liegt, verhält sich also anders als eine Uhr, die senkrecht am Handgelenk getragen wird.

Uhrmacher sprechen hier von verschiedenen „Lagen“.

Typische Lagen sind zum Beispiel:

  • Zifferblatt oben
  • Zifferblatt unten
  • Krone oben
  • Krone unten

In jeder dieser Positionen kann die Uhr minimal schneller oder langsamer laufen.

Bei der Regulierung wird das Uhrwerk gezielt in mehreren dieser Lagen geprüft und eingestellt. Ziel ist es, die Abweichungen möglichst auszugleichen, sodass die Uhr im Alltag insgesamt gleichmäßig läuft.

Hochwertige Werke werden oft in mehreren Lagen reguliert, manchmal sogar in fünf oder mehr Positionen. Das ist aufwendig, bringt aber eine deutlich bessere Gangstabilität.

Ein kleiner Nebeneffekt: Wer seine Uhr kennt, kann sich diese Eigenschaften sogar zunutze machen. Läuft die Uhr beispielsweise leicht vor, kann man sie nachts bewusst in einer Lage ablegen, in der sie etwas nachgeht – und gleicht die Abweichung so aus.

Fazit: Eine gute Uhr misst die Zeit nicht nur genau – sie bleibt auch genau, egal wie man sie trägt.

Warum das für Sammler spannend ist

Für viele Uhrenliebhaber beginnt hier die eigentliche Faszination.

Man hat nicht einfach nur ein Produkt von der Stange, sondern ein individuell abgestimmtes Stück Mechanik.

Ein Uhrwerk, das jemand bewusst eingestellt, geprüft und optimiert hat.

Das ist ein Unterschied, den man nicht unbedingt sieht – aber oft merkt.

Was kostet das?

Ich weiß nicht, was dieser Uhrmacher berechnet hat. Ich habe ihm einen Komplettpreis für Uhr, Uhrwerk und Überarbeitung gezahlt.
Der junge Mann macht so etwas aber aus Enthusiasmus und Freude an der Arbeit mit Uhren. Leider ist das schon so lange her, dass ich die Kontaktdaten nicht mehr habe, schade.

Wenn Du eine gute Uhr zum Uhrmacher bringst, kann der Dir genau sagen, ob er so etwas macht, ob sich das bei Deiner Uhr überhaupt lohnt und was er dafür haben möchte.
Ich schätze aber, dass das nicht unter 200 Euro geht.

Fazit

Auch ein Uhrwerk aus der Massenproduktion ist kein starres, immer gleiches Produkt.

Es ist vielmehr die Basis – und erst durch die Arbeit eines Uhrmachers wird daraus etwas wirklich Präzises.

Oder anders gesagt:

Die Fabrik liefert das Werk. Der Uhrmacher macht daraus eine gute Uhr.

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(©si)