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Spitze Feder

Späte Genugtuung

abkassiert

Am deutschen Wesen sollte ja einst die ganze Welt genesen. Heute gibt sich die deutsche Politik deutlich bescheidener und bricht ihre einstige Großmannssucht auf die Zielgruppe der Rentnerinnen und Rentner herunter.

Diese können sich, zum einen, gegen realitätsfremde Hirngespinste aus dem Elfenbeinturm nicht wehren, und zum anderen, erschiene es den Denkerinnen und Denkern in dem sagenumwobenen Gebäude vermutlich wie ein Affront, forderte man sie auf, sich mal in der unmittelbaren Nachbarschaft umzuschauen und zu erkunden, wie diese den Lebensabend der Seniorinnen und Senioren lebenswert gestaltet. In der Schweiz und in Österreich schütteln die Omas und Opas bei Käsefondue und Wiener Schnitzel nämlich nur ungläubig den Kopf, wenn sie von dem kruden Renten-Geschwätz im besten Deutschland aller Zeiten hören.

Zwischen 2003 bis 2005 werkelten schon einmal Sozialdemokraten und Grüne plan- und hirnlos am System der gesetzlichen Rentenversicherung herum. Denn damals war bereits absehbar, dass die Umlagefinanzierung auf Dauer nicht wirklich funktionieren konnte, ohne dass zusätzliches Geld ins System käme, denn die Leute produzierten einfach nicht mehr genügend Nachwuchs. Der Generationenvertrag in der damaligen und jetzigen Form, in der ausschließlich sozialversicherungspflichtig Beschäftigte und deren Arbeitgeber die Zeche zahlen, stand also auf tönernen Haxen, wie man in Töpferkreisen so schön zu sagen pflegt. Und darauf steht er noch immer.

Da überlegte Gerhard Schröder, wie er dieser Malaise medienwirksam entgegensteuern und dabei gleich noch zwei bis fünf Fliegen mit einer Klappe erschlagen konnte. Zum einen hatte sein Buddy, der Maschmeyer Carsten, schließlich den schweineteuren SPD-Wahlkampf mitfinanziert, und da musste sich der Schröder Gerd ja irgendwie erkenntlich zeigen. Zum anderen quengelten seine Buddys in den Chefetagen der Banken- und Versicherungskonzernen schon lange herum, dass sie keinen Zugriff auf all die leckeren Milliarden im Rententopf hätten.

Und dann kam dem spezialdemokratischen Cohiba-Kanzler mit dem ungefärbten Haupthaar eine brillante Idee: Er kürze einfach den Rentensatz …nachhaltig. Chapeau! Dieser lag nämlich 1990, nach 45 Beitragsjahren, noch bei durchschnittlichen 65%, und deshalb dachten nur wenige Menschen daran, sich neben der gesetzlichen Rente, mit einer zusätzlichen Altersvorsorge einzudecken. Als Schröders Reformpaket, die berühmt berüchtigte Agenda 2010, dann eiskalte Realität wurde und die Leute sich ausrechnen konnten, dass sie als Omas und Opas wohl nur ein ziemlich karges Budget zu erwarten hätten, zog Schröder noch einen anderen Buddy aus dem sozialen Zylinder: Das Duracell-Renten-Kaninchen, Walter Riester.

Der präsentierte mit arglosem Lächeln und laut scheppernden Becken, den verunsicherten Menschen eine zusätzliche, private Altersvorsorge, die es in sich hatte. Zumindest für Carsten Maschmeyer und seine AWD Holding AG. Denn, wie sich bald herausstellte, war die Riester-Rente ein ganz tiefer Griff ins Klo – also für die Omas und Opas. Denn die Abschlussgebühren und die Provisionen fraßen über die Laufzeit so viel von den blumig versprochenen Erträgen, dass sich die Kontrakte als komplette Nullnummer herausstellten, oder dass sie das Ersparte der Omas und Opas sogar in die Miese rutschen ließen.

2024 werkeln erneut Sozialdemokraten plan- und hirnlos an der gesetzlichen Rente herum. Diesmal allerdings ohne die Grünen, denn die sind aktuell zu sehr mit kaltgepresstem Fracking-Gas aus Übersee und linksdrehenden Marschflugkörpern für die Ukraine beschäftigt. Deshalb hat sich Hubertus Heil, der sozialdemokratische Minister für nachhaltige Altersarmut, mit Christian Lindner, dem liberalen Minister für nachhaltigen Luxus auf Sylt, zusammengesetzt. Beide präsentieren nun den ganz großen Wurf: Eine Art Hedgefond- asino-Rente, um den Banken- und Versicherungskonzernen endlich den Zugriff auf all die leckeren Milliarden im Rententopf zu ermöglichen.

Ob diese Hedgefond-Casino-Rente auch für die Omas und Opas der große Wurf sein wird, können sich die Kleinsparerinnen und Kleinsparer an den restlichen Fingern abzählen, die ihnen nach der letzten Bankenkrise von 2007 bis 2009 noch übriggeblieben sind. Wie dem auch sei: Der Bund, also auch die Omas und Opas, wird satte 200 Milliarden € im Aktienmarkt investieren und mit den Gewinnen dann die Rentenkasse pimpen, so der planlose Plan der beiden Renten-Koniferen, Heil und Lindner. Ob wieder Carsten Maschmeyer, oder Jan Marsalek von Wirecard, Christian Olearius, der ex-Chef der Warburg Bank, oder doch lieber der Buddy von Friedrich Merz, Larry Fink von BlackRock, das Portfolio verwalten werden, darüber schweigen Heil und Lindner bisher beharrlich, um das Vertrauen der Märkte in dieses neue Produkt …oder so ähnlich.

Woher die 200 Milliarden € kommen sollen, ist zwar noch nicht klar, aber alleine schon die gewaltige Summe aus Wolkenkuckucksheim sorgt für Furore im Blätterwald. Das ist endlich mal wieder etwas Erfreuliches in Zeiten ständig schlechter Nachrichten, nicht wahr? Und dem sozialdemokratischen Minister für nachhaltige Altersarmut und dem liberalen Minister für nachhaltigen Luxus auf Sylt geht das Ganze ohnehin meilenweit am parlamentarisch alimentierten Arsch vorbei. Denn deren finanzieller Lebensabend ist mehr als gesichert. Ihre Pensionsansprüche sind jetzt schon so exorbitant hoch, dass das Renteneintrittsalter für Normalverdienerinnen und Normalverdiener irgendwo bei 197 Jahren liegen müsste, wollten sie am Ende ihres Arbeitslebens genauso viel in der Schatulle haben, wie die beiden unbedarften Ampelmännchen.

Wie hatten sie sich doch damals alle über den Schröder Gerd aufgeregt. Könnt Ihr Euch noch erinnern? Die Agenda 2010 sei asozial und auf dem Rücken der Ärmsten der Armen, oder so ähnlich, hieß es aus dem Lager der Gewerkschaften, der Kirchen und der Sozialverbände. Einzig die Union und die Liberalen fanden Schröders ruchlose Bodenfräse gelungen, und das finden sie auch heute noch. Aber irgendwie haben die Bürgerinnen und Bürger, also auch die Omas und Opas, dann trotzdem immer wieder die SPD gewählt. Muss man nicht kapieren, oder?

Das, was Hubertus Heil, der sozialdemokratische Minister für nachhaltige Altersarmut, und Christian Lindner, der liberale Minister für nachhaltigen Luxus auf Sylt, nun mit Stolz geschwellter Brust vorstellen, ist zwar keinen Pfifferling wert, und es wird an der finanziellen Situation der jetzigen und der zukünftigen Rentnerinnen und Rentner auch keinen Pfifferling ändern. Aber es ist zumindest eine späte Genugtuung für Gerhard Schröder, der von lausigen 400.000 € Pension im Jahr leben muss, seit er sich, wegen des medialen Shitstorms, schweren Herzens gegen ein Aufsichtsratsmandat bei Gazprom entschieden hatte.

Forderungen des Arbeitgeberpräsidenten, Rainer Dulger, nach einem noch größeren Wurf in der Rentenpolitik, dergestalt, sofort das Renteneintrittsalter auf 92 Jahre anzuheben und statt eines Rentenniveaus von 48%, den Rentnerinnen und Rentnern lieber 48% Rabatt auf die Preise in den bundesweit über 970 Tafelläden zu gewähren, wiesen Hubertus Heil und Christian Lindner als unzulässige Wettbewerbsverzerrung im Lebensmitteleinzelhandel postwendend zurück.

In Salzburg und Basel sitzen derweil die Omas und Opas bei Wiener Schnitzel und Käsefondue und verstehen das krude Renten-Geschwätz im besten Deutschland aller Zeiten nicht. Sie fragen sich, weshalb man dort nicht ebenfalls generell sämtliche Einkommensarten zur Finanzierung der Renten heranzieht. In Österreich und in der Schweiz, wo dies seit Jahren ohne Murren so gehandhabt wird, haben nämlich Rentnerinnen und Rentner nämlich einen dicken Batzen mehr im Portemonnaie, als die Omas und Opas im besten Deutschland aller Zeiten, obwohl die Menschen in Österreich und in der Schweiz auch nicht länger arbeiten, oder mehr Kinder in die Welt setzen als hierzulande.

Bildquellen

  • bestatter-kassiert: KI generiert Peter Wilhelm

Spitze Feder – Spitze Zunge

Diese Kolumne schreibt vorwiegend Peter Grohmüller seine Gedanken zur Welt und dem Geschehen unserer Zeit auf.
Seine fein geschliffenen „Ergüsse“ – wie er selbst sie nennt – erfreuen sich großer Beliebtheit.

Hin und wieder erscheinen in dieser Kolumne auch Beiträge anderer Autoren, die dann jeweils entsprechend genannt werden.

Die Texte sind Satire, Kommentare und Kolumnen. Es handelt sich um persönliche, freie Meinungsäußerung.

Für die Texte ist der jeweilige Autor verantwortlich.

Lesezeit ca.: 8 Minuten | Tippfehler melden | © Revision: | Peter Grohmüller 6. März 2024

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