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    frau ruckdäschl

    Unsere Schlange ist eine Kornnatter, harmlos, ungiftig und hört mehr oder weniger gut auf den Namen Corny. Daß der Wurm überhaupt einen Namen hat, liegt an unseren Kindern, die sogar den Fischen in unserem Aquarium Namen gegeben haben. Allerdings tue ich mich persönlich ziemlich schwer, in einem Schwarm aus 100 Neonfischen Hermann oder Bruno herauszudeuten. Beeilen muß ich mich immer, wenn ich Mäuse für die Kornnatter kaufe. Lebende Mäuse verspeist sie am liebsten. Die kaufe ich im Zoogeschäft gleich im Doppelpack, weil ich der Meinung bin, daß sich die Schlange weniger plagen muß, wenn sie nacheinander zwei weiße Mäuse herunterschlingen muß, als wenn ich gleich eine dicke Ratte serviere. Ich könnte so nicht essen. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste mich quasi über einen ganzen Rollbraten drüberstülpen und den ohne meine Hände zu Hilfe zu nehmen durch Verdrehen und Winden meines Körpers herunterschlingen…

    Wenn also solche Mäuse angeschafft wurden, die dem schlangenseitigen alsbaldigen Verzehr anheim fallen werden, so muß ich mich mit der Fütterung beeilen, weil sonst die Kinder auch den Mäusen Namen geben und zu weinen anfangen, wenn sie dann gefressen werden.

    Gestern kam Josie von der Schule nach Hause und brachte in ein Papiertaschentuch eingehüllt ein kleines totes Vogelküken mit. Das sei da vorne aus dem Nest gefallen, noch ganz warm und ob das nichts für unsere Schlange sei. Mit dem Küken in der Hand sei sie übrigens unten im Treppenhaus auf Frau Ruckdäschl gestoßen, die wissen wollte, was wir denn damit machen. „Das ist zum Füttern“, hat Josie der Ruckdäschl gesagt und ist dann einfach weitergelaufen. Kinder können sowas, mich erwischt die Ruckdäschl immer so, daß ich nicht so einfach davonkomme.

    Wider Erwarten verschmähte der Ringelwurm aber das kleine Küken, es war wohl nicht seine Marke. Wir haben den Vogel dann in der Biotonne entsorgt und uns anderen Themen zugewandt. Nicht so aber die Kornnatter; sie geriet über den vorgesetzten, dann verschmähten und schließlich entsorgten Vogel so in Aufregung, daß sie gar keine Ruhe mehr fand. Voller Elan durchsuchte sie immer und immer wieder das ganze Terrarium nach irgendetwas Freßbarem. Dabei kroch sie unter und über die Dekorationsgegenstände, daß es nur so polterte. Schließlich wurde mir das zuviel, sodaß ich beschloß, eine der eingefrorenen Ratten zu servieren.

    Für Notfälle haben wir einmal auf einer Terrarienbörse 20 gefrorene Ratten erstanden, die wir extrem gut verpackt in der Gefriertruhe im Keller aufbewahren. Also gehe ich in den Keller und nehme eine der steifgefrorenen Ratten aus der Verpackung und überlege, wie ich jetzt am besten vorgehe. Ich beschließe, mir in der Waschküche einen Eimer mit warmem Wasser zu holen und die Ratte in einem kleinen Plastikbeutel darin auftauen zu lassen. Den Eimer mit der Ratte lasse ich in unserem Keller stehen und gehe wieder nach oben, um etwas anderes zu machen.

    Am Nachmittag fällt mir dann die Ratte wieder ein und das nervöse Schlangenvieh nervt immer noch durch ständiges Herumkriechen.
    Im Keller stelle ich fest, daß der Plastikbeutel trotz des berühmten Scheuermannschen Bergsteigerknotens nicht richtig dicht war und die mittlerweile aufgetaute Ratte ziemlich nass geworden ist. So kann ich die unmöglich der Kornnatter geben. Da fällt mein Blick auf den längst vergessenen und noch nie benutzten Reisefön im Regal.
    Kurz darauf stehe ich, bei geöffneter Kellertür, halte die Ratte am langen Schwanz und föne sie mit dem Haartrocker. Ist ja klar, daß ausgerechnet in diesem Moment die Ruckdäschl in den Keller kommt, um sich eine Büchse mit eingemachten Pfirsichen zu holen.

    „Sie, was mache Sie denn do?“

    Ich bin mir der Tatsache bewußt, daß das ziemlich bescheuert aussehen muß. Da steht ein wohlbeleibter, großer Mann im Keller, hält eine etwa 150 Gramm schwere, tote Ratte am Schwanz und pustet sie mit einem pinkfarbenen Reisehaartrockner aus der Barbie-Kollektion trocken. Aber was soll ich machen? So sage ich nur:

    „Sehen Sie doch, ich föne eine Ratte.“

    „Igittigitt, eine Ratte?“

    „Ja, eine Ratte, die ist aber tot.“

    „Hawwe Sie die tot gemacht?“

    „Nein, die war schon tot, als wir sie gekauft haben.“


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    Die Ruckdäschl schaut mich etwas verwundert an, wackelt mit dem Kopf hin und her und sagt dann, mit einem deutlich hörbaren Zweifeln in der Stimme: „Und meine Sie wirklich, das Fönen macht sie wieder lebendisch?“

    „Nein, das nicht, aber sie wird dadurch wesentlich trockener.“

    „Darf isch Sie mol was frage?“

    „Bitte…“

    „Wenn ihr‘ Ratt‘ dann trocke is, was mache Sie dann domit?“

    Nun weiß die Ruckdäschl, daß wir eine Schlange haben und hat deswegen auch schon mehr als eine schlaflose Nacht verbracht. Allerdings scheint sie in letzter Zeit etwas weniger daran zu denken, denn seit Monaten hatten wir keine Zeitungsausschnitte mehr im Briefkasten. In schöner Regelmäßigkeit hatte sie uns nämlich mit allen Schauermeldungen aus der BILD-Zeitung versorgt: „Boa verschlingt sieben Kleinkinder“, „Anaconda frißt Boot mit 100 Touristen“ usw.
    Da die Ruckdäschl aber nicht mehr von der Schlange gesprochen hatte, habe ich jetzt auch keinen Grund, sie daran zu erinnern. So sage ich nur kurz:

    „Die wird nachher gegessen.“

    Die Alte schnauft einmal hörbar auf, kneift ihre Augen etwas zusammen und ich kann förmlich sehen, wie es hinter ihrer Stirn brodelt. Doch erstaunlicherweise sagt sie nu: „Aha“ und trollt sich.

    Das ist ja nochmal gut gegangen, denke ich und bin der Meinung, daß die Ratte jetzt trocken genug ist.
    Der Meinung schließt sich unsere Kornnatter an und verschlingt wenig später die Ratte mit Haut und Haaren. Wenigstens die ist jetzt glücklich, die Natter, nicht die Ratte.

    Am frühen Abend, wir sitzen gerade beim Abendbrot, klopft es an der Tür. Man kann schon am Klopfen hören, daß es die Ruckdäschl ist. Ihr Klopfen fängt nämlich zaghaft an, wie es sich für eine alte Frau geziemt und pausiert dann für geschlagene 3 Sekunden. Hat man es nicht geschafft, in dieser -doch recht üppig bemessenen- Zeitspanne an der Türe zu sein, dann hämmert die Alte mit ihren knochigen Fingern vor die Tür, daß man meint, da draußen stünde nicht eine alte Frau, sondern das mobile Einsatzkommando der Polizei.

    Überhaupt scheint es hier in der Gegend Vorschrift zu sein, nach dem Klopfen oder Klingeln sofort die Tür aufzureißen. Mir ist das schon oft aufgefallen, daß die Leute klingeln oder klopfen und einem nur wenige Sekunden Zeit lassen, zu öffnen. Passiert das nicht sofort, etwa weil man sich -so wie die Allerliebste- eher gemächlich bewegt oder -wie ich- immer tief in Gedanken versunken ist, klingeln oder klopfen die Eingeborenen Sturm.
    Andererseits ist es so, daß wenn man mal bei Nachbarn klingelt, die sofort öffnen, da kann man nichtmals auf Eins zählen, so schnell geht das. Die Allerliebste sagt immer: „Die wohnen alle direkt hinter der Tür.“

    Ich öffne also der Ruckdäschl die Tür und will gerade fragen was sie will, da drückt sie mir ein kleines Bündel in die Hand. Es ist ein Papiertaschentuch mit irgendetwas drin. Als ich es öffne, erkenne ich sofort das Vogelküken von heute Mittag. „Des heb isch in der Biotonne g’funde. Vielleischt wolle Sie des ja auch noch esse, is‘ noch ganz frisch und eine Ratte für vier Personen, is‘ ja doch ä bisserl wenisch, odda?“


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