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Kirche im Dorf lassen

Kirche im Dorf lassen

Diebstahl beim Arbeitgeber

Die eine nahm sich einen Pfandzettel, der andere aß abgelaufene Quarkbutter, beide bekamen die Kündigung von ihrem Arbeitgeber, weil sie das während der Arbeitszeit taten und die Sachen dem Arbeitgeber gehörten.
Solche und ähnliche Fälle rauschen im Moment durch den Blätterwald und lösen die unterschiedlichsten Reaktionen aus. Die einen sagen: „Geklaut ist geklaut!“ Die anderen sagen: „Das ist unverhältnismäßig.“

Fakt ist, daß ein Diebstahl am Arbeitsplatz ein großer Vertrauensbruch ist, egal welchen Wert der gestohlene Gegenstand hat.

Doch ist es verhältnismäßig, einem Menschen seine Lebensgrundlage zu entziehen, nur weil er ein Cremetörtchen gegessen hat, das anschließend sowieso im Müll gelandet wäre?
Gern würde ich ins gleich Horn stoßen wie die Boulevard-Medien, doch regt sich in mir auch die Sicht des Arbeitgebers. Nun bin ich ein äußerst freigiebiger Mensch und jeder könnte beinahe alles von mir bekommen, würde er mich nur darum bitten. Deshalb wurde ich auch noch nicht oft das Opfer solcher Diebstähle, allerdings würde es mich schon arg fuchsen und das Vertrauensverhältnis tatsächlich zerstören, würde mich ein Mitarbeiter beklauen.

Wenn der schon einfach ein Fläschchen Tipp-Ex mitnimmt, wo ist da seine Hemmschwelle?

Tagtäglich werden Unternehmen von ihren eigenen Mitarbeitern bestohlen. Komplette Rohbauten werden mit Materialien ausgestattet, die irgendein Schwarzarbeiter bei seinem Arbeitgeber unerlaubt aufgeladen hat. Tausende Drucker funktionieren mit Tinten, die Mama aus dem Büro mitbringt, ja Papa hat sich sogar extra einen Drucker gekauft, der die Tintenpatronen aus dem Büro verdauen kann. Briefzusteller ziehen mit Kennerblick genau die Briefe aus dem Verkehr, die Geld enthalten könnten und Paketzusteller kennen Dutzende Tricks, wie sie sich in den Besitz interessant erscheinender Pakete bringen.
Kassiererinnen in Supermärkten ziehen bei Freunden und Bekannten nicht alle Artikel über den Scanner und Lageristen schieben sich halbe Paletten mit Gartenmöbeln in den Kofferraum.
All diese Fälle sind keine Einzelfälle, wahllos aus der Presse zusammengeklaubt, sondern Fälle die mir alle direkt bekannt sind.

Der Verlust der der Wirtschaft entsteht, ist immens. Und man bestiehlt kein anonymes Großunternehmen, sondern immer auch sich selbst. Durch Mitarbeiterdiebstähle entstehen so hohe Verluste, daß in manchen Unternehmen deswegen die Preise erhöht werden müssen. Das kann direkte Auswirkungen auf den Absatz und damit auf den eigenen Arbeitsplatz haben.

Kein Wunder also, daß immer mehr kontrolliert wird und bei selbst kleinsten Verstößen harsch reagiert wird.
An die Öffentlichkeit gelangen nur die Schicksale der Arbeitnehmer, die ja nur eine Leberwurstsemmel gegessen haben, nicht aber die Situation des Arbeitgebers, der nicht nur mit schleppenden Zahlungseingang von säumigen Kunden und vor allem zahlungsverzögernden Behörden zu kämpfen hat, sondern dem die durch Mitarbeiterdiebstähle verursachten Kosten den Boden unter den Füßen wegziehen.

Letztlich geht es, unabhängig vom Wert und der Beschaffenheit des Diebesgutes, ums Prinzip.

Jedoch: Man muß die Kirche auch im Dorf lassen!
Was bringt eigentlich einen Arbeitgeber dazu, seinen Küchenhilfen etwa das Naschen von Teilen des Zubereiteten zu verbieten? Warum richtet man nicht mehr Mitarbeiterverkäufe ein? So mancher würde es sich überlegen, ob er heimlich Kartons über den Zaun wirft, wenn er die Ware an bestimmten Tagen zu besonders günstigen Konditionen kaufen könnte.
Doch man hört immer wieder: „Unsere Kunden bekommen teilweise höhere Rabatte als wir Mitarbeiter.“

Da es aber, wie ich oben bereits schrieb, ums Prinzip geht, folgen Gerichte oft nur den Buchstaben des Gesetzes und urteilen selbst beim Essen einer verfaulten Tomate mit aller Härte.
Hier würde ich mir mehr gesunden Menschenverstand wünschen. Vielleicht sollte man solche Auseinandersetzungen nicht vor überlasteten Gerichten, sondern vor lebenserfahrenen Schiedsmännern führen. Die würden sich nicht kleinlich verhalten müssen, sondern sich vermutlich bei manchem Fall an den Kopf fassen und die verkrachten Parteien wieder auf den Weg der Vernunft bringen.

Das Problem ist ja, daß selbst im Fall daß der Arbeitnehmer den Prozess vor dem Arbeitsgericht gewinnt, er in der Regel seinen Arbeitsplatz dennoch los ist. Hier könnte ein vernünftiger Schiedsmann beiden Seiten goldene Brücken bauen und ermöglichen, daß man sich auch ohne Gesichtsverlust wieder in einem normalen Arbeitsverhältnis gegenüberstehen kann.

In Mannheim steht derzeit ein Unternehmen vor Gericht, das einen Müllsortierer entlassen hat. Das Entsorgungsunternehmen kündigte dem Mann, weil dieser ein weggeworfenes Kinderreisebett mitgenommen hatte. Dieses hatte jemand in einem Altpapiercontainer entsorgt und es war dann beim Ausladen des Altpapieres dem Müllsortierer aufgefallen. Vor den Augen seiner Kollegen hatte er das Fundstück aus der Altpapierlieferung entnommen und in seinen Kofferraum gepackt.

Nun muß sich das Gericht mit der Frage beschäftigen, ob auch weggeworfene Sachen die gestohlen werden, einen Kündigungsgrund darstellen.

Aus Sicht des Unternehmens spielt es keine Rolle um was es sich handelt, gestohlen ist gestohlen.
Die Arbeitnehmer und weite Teile der Bevölkerung sehen das anders: Es handele sich ja um Müll.

Wir dürfen gespannt sein, wie das Gericht entscheidet.

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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