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Gedanken zum grenzenlosen Wachstum

Gedanken zum grenzenlosen Wachstum

„Wir gehen mit dieser Welt um, als hätten wir noch eine zweite im Kofferraum“. Jane Fonda

Ein schöner Satz. Von schlichter Wahrheit und mit einem verständlichen Bildvergleich. Solche Reflexionen über den Sinn des Lebens aus dem Munde von Hollywood-Aktricen, sind allerdings nicht das Maß der Dinge, wenn es um die philosophische Betrachtung unseres Handelns geht – und mögen sie auch noch so richtig sein.

Das Maß aller Dinge ist eindeutig das Bruttoinlandsprodukt – kurz BIP genannt. Die phonetische Nähe des Kürzels zur akustischen Emission des Protestes eines Computers bei einer fehlerhaften Eingabe mag dem Zufall geschuldet sein, zeigt jedoch eine visionäre Komponente.

Sämtliche Materie ist endlich. Jeder Binsenverarbeiter weiß, dass er sich nach einer endlichen Menge produzierter Weisheiten von irgendwoher neuen Rohstoff besorgen muss. Anders ausgedrückt: wenn an einer Stelle „etwas“ zunimmt, oder zunehmen soll, muss „es“ an einer anderen Stelle entnommen werden. Alles andere entspräche einer creatio ex nihilo und bedürfte einer Erklärung durch die Glaubenskongregation des Heiligen Stuhles.

Aber darum geht es in diesem Beitrag nicht. Er ist völlig frei von spirituellen Aspekten oder Wundern, die sich einem naturwissenschaftlichen Ansatz entziehen. Es geht um die Legende vom grenzenlosen Wachstum, jenem beinahe heiligen Gral der Wirtschaftspolitik, jenen güldnen Kalbshaxen der Global Players, auf denen sie von Kontinent zu Kontinent schreiten und mit aberwitzigen Geschäftsideen ihre Schatullen stopfen.

Bei einem trivialen Deal entnehme ich der Gemüsetheke beim Discounter meines Misstrauens z. B. eine Zwiebel, zahle diese an der Kasse und habe dann zuhause? Exakt: eine Zwiebel. Das ist ein klassischer Materialtransfer von A nach B; gewachsen ist hier in der Summe nichts. Es haben nur das Produkt und der pekuniäre Gegenwert (vulgo: mein Geld) quasi die Location getauscht. Die Erklärung, weshalb die Zwiebel aus Chile billiger ist, als ihre Schwester aus der Pfalz, muss an dieser Stelle leider ausbleiben. Soviel sei jedoch gesagt: es hat auch mit der Legende vom grenzenlosen Wachstum zu tun. Wenn nun Werte an einer Stelle – z. B. der Umsatz beim eben jenem Discounter meines Misstrauens – wachsen sollen, muss eine andere Stelle – z. B. der Supermarkt vis-à-vis – zwingend Abstriche erleiden (ich brauche eben nun mal nur eine endliche Menge an Zwiebeln). Das nennt man in neoliberalem Kampfjargon „Wettbewerb“.

Es gilt also festzuhalten, dass Zuwachs an einer Stelle immer mit Reduktion an einer anderen Stelle einhergeht, weil, wie eingangs bereits erwähnt, alles nur in endlichen Mengen vorhanden ist.

Und nun zum globalen Geschehen: unser beinahe schon sakrosanktes kapitalistisches Wirtschaftssystem, das uns zu Weihnachten mit frischen Erdbeeren, Sauerkirschen und anderen überlebenswichtigen Dingen versorgt, hat einen entscheidenden und fatalen Konstruktionsfehler. Es funktioniert dauerhaft, oder – um es medial gefälliger auszudrücken – nachhaltig nur über grenzenloses Wachstum.

Wenn also unsere geschätzte Kanzlerin, die es aufgrund ihres naturwissenschaftlichen Studiums besser wissen sollte, mit leuchtenden Augen ihren Blick nach China richtet und völlig berauscht vom aberwitzigen Wachstum im Reich der Mitte hierzulande ein sogenanntes Wachstumsbeschleunigungsgesetz verabschiedet, gleichzeitig einen verantwortungsvollen Umgang mit der Schöpfung anmahnt und über ein faires Zusammenleben der Völker referiert, darf man getrost konstatieren, dass es doch etwas gibt, das mit der Gnade grenzenlosen Wachstums gesegnet ist: die menschliche Dummheit.

Ab und an berichten die Medien zwischen Helene Fischer und den Lottozahlen, dass gerade in China, dem leuchtenden Beispiel jenes mantragleich stetes wiedergekäuten grenzenloses Wachstums, ein gutes Drittel der landwirtschaftlichen Anbauflächen und der Süßwasservorräte komplett mit Schwermetallen verseucht und mithin verloren sind, weil die Partei beschlossen hat, die chinesische Wirtschaft müsse auf Teufel komm raus wachsen, dass die Chinesen, die es sich leisten können, also die Nutznießer dieses märchenhaften Wachstums, ihre Lebensmittel entweder aus Importwaren beziehen, oder beispielsweise gleich in die ehemaligen Militärgelände der US-Streitkräfte in Rheinland-Pfalz emigrieren, da alleine schon das Atmen der Luft in den chinesischen Ballungsräumen das irdische Dasein nachweislich zu verkürzen in der Lage ist, wie dieser gerade eben gelesene Schachtelsatz.

Damit diese Nutznießer neben einem der Gesundheit zuträglichen Habitat in ihren neochinesischen Enklaven im beschaulichen Pfälzer Wald jedoch auch ihr materielles Wachstum gesichert sehen wollen, kaufen sie mit Billionen gehorteter US-Dollars in unvorstellbaren Ausmaßen afrikanische Anbauflächen und Rohstoffvorkommen. Frei nach dem eingangs erwähnten „von-A-nach-B-Prinzip“ haben die Einheimischen leider das Nachsehen und müssen ihre über Generationen angestammten Dörfer, Felder und Wasserstellen verlassen.

Auch die Nigerianische Politik muss eben das Ganze, das Große im Auge behalten und mit Rücksicht auf die Gesamtbevölkerung abwägen, was wichtiger ist: eine Handvoll lausiger Maniokwurzeln und eine Handvoll Hirsesamen für eine Handvoll Analphabeten, die zum Bruttoinlandsprodukt ihres Heimatlandes ohnehin keinen Beitrag leistet, oder nachhaltiges Wachstum durch die Ansiedlung chinesischer Agrar- und Rohstoffkonzerne, auf deren Feldern und in deren Fabriken die Einheimischen dann wenigstens ein gesichertes Auskommen finden – das sie, nüchtern betrachtet, aber schon hatten?

Beim Schreiben dieses letzten Halbsatzes vernehme ich plötzlich aus den Lautsprechern meines Notebooks ein dauerhaftes BIP, BIP. Vielleicht ein Zeichen, dass dessen Arbeitsspeicher über eine Plausibilitäts-Prüfungs-Routine verfügt und nur ein begrenztes Wachstum an Bullshit………….?

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Peter Grohmüller

Peter Grohmüller

Hallo, ich bin Peter Grohmüller und leide nicht an dieser Welt, aber mir fällt ihr Leiden auf.

"This world is sick and we are the doctors."

Wenn es eine Wunde gibt, dann muß man sie entweder heilen oder Salz hineinstreuen. Wir, das sind die Kritischen, die Hinterfragenden und die Lallbackenentlarver. – So einer bin ich.

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7 Kommentare auf "Gedanken zum grenzenlosen Wachstum"

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