Spitze Feder

Friedensdividende

Aufblasbar

Klingt wunderschön, dieses Wort, oder? Hat etwas Geborgenes, etwas Heimeliges, etwas zum Wohlfühlen. Wie die schneeweißen kuscheligen Hoodies von Guido Maria Kretschmer in der Lenor-Werbung, die jahrelang duften, wie frisch gewaschen.

Ich habe keine Ahnung, wer dieses Wort erfunden hat, aber es muss ein visionärer Geist und ein Meister des Schönredens gewesen sein.

Schon zu Zeiten des Wirtschaftswunders, nachdem wir unsere selbstverschuldeten Schuttberge des Dritten Reiches peu à peu recycelt hatten …und komme mir jetzt ja keiner mit dem völkischen Rotz der rechten Vollidioten von dem „Bombenterror“ in Dresden, Hamburg, oder Mannheim! Die Fliegerbomben der Alliierten haben unsere Altvorderen am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast höchstselbst bestellt, und sie schlugen mit der gleichen Erbarmungslosigkeit ein, wie die Bomben der Wehrmacht in halb Europa. Also: Fresse!

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Wo war ich nochmal stehengeblieben? Richtig: Nachdem wir die selbstverschuldeten Schuttberge des Dritten Reiches peu à peu recycelt und uns wie Phönix aus der Asche daraus erhoben hatten, war erst mal Ärmelhochkrempeln und Durchatmen angesagt. Nach der Fresswelle und nach dem „haste was, dann biste was“, kam es zuweilen schon mal vor, dass einige über den satten deutschen Mettigel-Tellerrand hinaus, oder wie das heißt. Dann stellten sie erstaunt fest, dass es Gegenden gibt, die schon seit der Kolonialzeit, im 1945-Modus verharren. Huch? Echt jetzt?

Da wir uns mit dieser Friedensdividende angenehm eingerichtet haben und auch auf keinen Fall mit Unangenehmem belästigt werden wollen, haben wir uns darauf geeinigt, das Elend der Welt, mit generösen Spenden-Galen, Lotterien und staatlicher Entwicklungshilfe, auf angenehm verträglicher Distanz zu halten – bisher! Denn mittlerweile ist ziemlich Balsamico mit dem Frieden, Balsamico mit der Friedensdividende und Balsamico mit der angenehm verträglichen Distanz. Dazu jedoch später mehr.

Dividende ohne Friedensanteil, gab es ja immer, auch und gerade zwischen 1933 und 1945. Damals sogar reichlich. So wie heute. Zum Teil sogar aus der gleichen Branche, wie im Tausendjährigen und sogar von den gleichen Unternehmen, deren Business aktuell wieder traumhaft performt. Das ist anscheinend wie beim Skat: Was gut ist, kommt wieder.

Dividenden waren es schon immer, sie sind es auch heute noch, und sie werden es immer sein: Ein anstrengungsloses Einkommen in spätrömischer Dekadenz, wie unser aufgeblasenes Außenministerchen, Guido Westerwelle, anno 2010 schwadronierte. Dass er mit seiner vulgärliberalen Logorrhoe, Stefan Quandt und seine Schwester Susanne Klatten, definitiv nicht meinte …geschenkt.

Wie dem auch sei: Da wir den aktuellen Run in jener hochprofitablen Branche nicht abwürgen dürfen, um die hochwertigen Arbeitsplätze und die Dividende …oder so, ist der Drops endgültig gelutscht, das Elend der Welt mit Spenden-Galen, Lotterien und staatlicher Entwicklungshilfe auf angenehme Distanz zu halten. Das Elend findet nämlich längst nicht mehr nur in besagter, angenehm verträglichen Distanz und in dystopischen Einspielern statt, die Barbara Schöneberger mit prallem Dekolleté und Rudi Cerne mit tiefer Betroffenheit zeigen, um Micheline und Michel die Euros aus dem Portemonnaie triggern.

Das Elend kommt direkt zu uns! 2015 war nur die überschaubare Ouvertüre, deren Ursache, Mutti keck lächelnd unter den GroKo-Teppich kehrte; und die Produkte aus unserer hochprofitablen Branche mit ihren hochwertigen Arbeitsplätzen und den attraktiven Dividenden, schreddern gerade mal wieder einige der Regionen, bei denen wir noch den Deckel unseres Wirtschaftswunders stehen haben, in den 1945er-Modus. Denn die Friedensdividende wurde über fünf Generationen auf Pump finanziert und ausbezahlt; und wir haben all die Jahre in spätkolonialer Dekadenz geglaubt, wir müssten den Kredit nicht an die Afrikaner zurückbezahlen. Jetzt kommen sie eben zu uns und halten die Hand auf – zu Recht …und zu Millionen!

Nun ja, Landsleute, immerhin hatten wir seit 1945, jene fünf Generationen lang Zeit, um unsere Friedensdividende in vollen Zügen genießen zu können, und ohne uns einen Kopp über den Deckel zu machen. Wir hatten fünf Generationen lang Zeit, uns mit Mettigeln eine satte Plauze anzufuttern, um viermal Fußballweltmeister und zigmal Exportweltmeister zu werden, um tausende Kilometer an Schienen und Autobahnen zu bauen und wieder verrotten zu lassen, wie die Toiletten in unseren Schulen und Kindergärten. Wir hatten fünf Generationen lang Zeit, unsere Milliardäre und Millionäre mit liberalem „Steuern runter“ zu pudern und im Gegenzug tausende Tafelläden einzurichten. OK, das war zwar nicht wirklich so der Burner und auch zutiefst ungerecht. Aber immerhin mussten die Tafelläden nicht vorsorglich in Luftschutzbunkern eingerichtet werden. Noch nicht!

Nun ja, nach fünf Generationen scheint es offensichtlich mal wieder an der Zeit, dass wir uns erneut ein paar Schuttberge zum Recyceln zulegen. Wie anders sollte man das militante Hurra, das kriegsgeile Bohei erklären, das uns in den Hauptnachrichten und in den politischen Talkshows bei Lanz & Co ins Gesicht springt und sich in die Ohren und Hirne hämmert…bevor uns Barbara Schönebergers pralles Dekolleté und Rudi Cernes tiefe Betroffenheit in den Spenden-Galen und Lotterien…

Friedensdividende? Der war gut! Darf ich den beim nächsten Grillen erzählen?

Bildquellen:
  • aufblasbar: Peter Wilhelm ki


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Spitze Feder – Spitze Zunge

Diese Kolumne schreibt vorwiegend Peter Grohmüller seine Gedanken zur Welt und dem Geschehen unserer Zeit auf.
Seine fein geschliffenen „Ergüsse“ – wie er selbst sie nennt – erfreuen sich großer Beliebtheit.

Hin und wieder erscheinen in dieser Kolumne auch Beiträge anderer Autoren, die dann jeweils entsprechend genannt werden.

Die Texte sind Satire, Kommentare und Kolumnen. Es handelt sich um persönliche, freie Meinungsäußerung.

Für die Texte ist der jeweilige Autor verantwortlich.

Lesezeit ca.: 6 Minuten | Tippfehler melden | © Revision: | Peter Grohmüller 15. Mai 2024

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