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Spitze Feder

File Closed – Zum Tode von Henry Kissinger

Weder plötzlich noch unerwartet, verstarb am 29.11.2023 in Kent, Connecticut, USA, im gesegneten Alter von 100 Jahren, der berühmteste Sohn Mittelfrankens der Neuzeit… nach Markus Söder natürlich: Der ehemalige US-Außenminister Heinz Alfred Kissinger, alias Henry Alfred Kissinger.

Die Liste seiner Auszeichnungen und Ehrungen ist überwältigend. Nachstehend auszugsweise einige davon:

  1. 1973 Friedensnobelpreis
  2. 1973 Goldene Bürgermedaille der Stadt Fürth
  3. 1976 Großkreuz des Verdienstordens der Italienischen Republik
  4. 1977 Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
  5. 1987 Karlspreis
  6. 1996 Franz-Josef-Strauß-Preis
  7. 1997 Verdienstorden der Republik Polen
  8. 1998 Ehrenmitglied SpVgg Greuther Fürth
  9. 2005 Bayrischer Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst
  10. 2015 Auswärtiges Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften
  11. 2023 Bayrischer Maximiliansorden für Wissenschaft und Kultur

Man hat gesehen, dass es in allen Fernsehsendern ehrerbietende Rückschauen zum Heimgang Henry Alfred Kissingers gegeben hat. Und es steht zu vermuten, dass Amazon rechtzeitig zum Fest der Liebe eine Sonderedition mit Büchern zum Lebenswerk des Verblichenen herausgeben wird. Der Markt wird mit Devotionalien aller Art geradezu überflutet werden. Und wahrscheinlich wird die Metzgerei Ammon in Fürther Ostteil Burgfarrnbach, immerhin eines der besten 500 Fleischerfachgeschäfte in Deutschland, zu Ehren des großen Sohnes einen vollfleischigen Leberkäse „Heinz-Alfred-Kissinger“ kreieren. Oder dass die traditionsreiche Huppendorfer Brauerei aus Königsfeld eine streng limitierte Auflage eines besonderen Feingehopften, Obergärigen… die hernach per Losentscheid, oder so ähnlich. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, wenn es um das würdige Andenken des Verblichenen geht.

Als sich am 29.05.1954 unter dem Vorsitz von Prinz Bernhard der Niederlande im „Hotel de Bilderberg“ zu Oosterbeek eine rein informelle Gruppe von Staatsmännern, Staatsfrauen, Militärs, Bankiers und Medienschaffenden zum ersten Mal trafen, um über die Lage in der Welt zu sinnieren und dabei den Grundstein für alle folgenden Events dieser Art legte, war Henry Alfred Kissinger dabei und fortan Mitglied des Inner Circles. Seither firmieren die Meetings dieser Elite als „Bilderberger Treffen“. Bis heute finden sie alljährlich unter strengster Geheimhaltung in den luxuriösesten Resorts auf dem Planeten statt, damit die Damen und Herren ungezwungen und von der Presse hermetisch abgeschirmt, ihren Gedanken freien Lauf lassen können. So jedenfalls das offizielle Statement.

Neben all den Lobpreisungen, die nun posthum über Henry Alfred Kissinger allerorten ausgegossen werden, oder so in der Art, soll es auch Menschen geben, die das Œuvre des mit Weltruhm überhäuften großen Staatsmannes etwas anders, nüchterner sehen. Aber das dürfte wohl bei allen Personen der Weltgeschichte, wie Caesaren, Pharaoneninnen und Pharaonen, Präsidentinnen und Präsidenten, Diktatoren, etc. pp., der Fall sein. Deshalb erlaube ich mir, einige Meinungen über Heinz Alfred Kissinger aus deren Sichtweise darzulegen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Der frühere Anti-Mafia-Richter und Ehrenpräsident des Obersten Gerichtshofs von Italien, Ferdinando Imposimato, sieht den erhabenen Zirkel namens Bilderberger und sein Gründungsmitglied Henry Kissinger in einem anderen Licht. Die internationale Bilderberg-Gruppe sei an den Terror-Attentaten in Italien in den 1970er und 1980er Jahren indirekt beteiligt gewesen. Die Attentate habe die CIA inszeniert, um linke Regierungen zu verhindern, und die Bilderberg-Gruppe habe diese Politik gebilligt.

Anmerkung des Verfassers hierzu:
Dass Heinz Alfred Kissinger, alias Henry Alfred Kissinger 1974 trotzdem das Großkreuz des Verdienstordens der Italienischen Republik erhielt, ist eines von mehreren Mirakeln im Leben dieses Mannes, die ich mir nicht erklären kann. Es sei denn, ich begäbe mich auf das Terrain einiger Verschwörungstheorien zum Thema „Bilderberg“.

Die monatlich erscheinende Zeitschrift „Le Monde Diplomatique“ äußerte sich zum Wirken Kissingers in der geostrategischen Politik der USA, folgendermaßen:

„Die direkte Verantwortung von Kissinger steht bei der Fortsetzung des Vietnamkriegs und seiner Ausweitung auf Kambodscha und Laos außer Frage. Dies gilt auch für die Kampagnen zur Untergrabung der Demokratie in Chile, Zypern, Griechenland und Bangladesch oder für seine Mitwirkung am Völkermord in Osttimor. Alleine für seine Entscheidung, Kambodscha zu bombardieren, das während des Vietnamkriegs ein neutrales Land war, gab ihm das Forschungszentrum für Globalisierung eine Mitschuld am Tod von 200.000 Menschen.“

Über Henry Kissinger meinte General Telford Taylor, der einstige US-Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen:

„Wenn der Maßstab von Nürnberg allgemein angewendet würde, also auch auf US-amerikanische Staatsmänner und Beamte, die den Vietnam-Krieg ersonnen hätten, dann bestünde die sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie das gleiche Ende nehmen wie der oberste Militärführer des japanischen Kaisers, General Yamashtia Tomoyuki, der mit dem Tod durch den Strang gestraft wurde.“

Anmerkung des Verfassers hierzu:
Meine persönlich und vermutlich völlig unbedeutende Interpretation zu Taylors Ansicht ist die, dass er darin Henry Kissinger explizit nicht ausschloss.

Im Oude Waalsdorperweg 10 in Den Haag steht ein ehrwürdiges Gebäude, das schon mehrfach Thema von Diskussionen und Medienberichten war, denn darin residiert der Internationale Strafgerichtshof. Hier sollen die übelsten Gesellen der Welt abgeurteilt werden, sofern man ihrer denn habhaft werden kann. Slobodan Milošević, Radovan Karadžić, Dominic Ongwen und Laurent Gbagbo hatten beispielsweise schon das Vergnügen, auf der dortigen Anklagebank sitzen zu dürfen. Die USA, China, Indien, Irak, Iran, Israel, Kuba, Nordkorea, Pakistan, Russland, und viele andere Länder erkennen die Zuständigkeit des Internationaler Strafgerichtshofs allerdings nicht an.

Sollte deshalb im Oude Waalsdorperweg 10 in Den Haag, wider Erwarten, trotzdem jemand die Chuzpe besessen haben, über Heinz Alfred Kissinger, alias Henry Alfred Kissinger eine Akte anzulegen, um sie im Falle eines Falles, eventuell, unter Umständen… man weiß ja nie, oder?…wird auf dieser demnächst zu lesen sein:

File Closed. RIP, Henry.

Bildquellen

  • Henry_Kissinger_Shankbone_Metropolitan_Opera_2009: Von <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:David_Shankbone" class="extiw" title="w:en:David Shankbone"><span title="US-amerikanischer Fotograf">David Shankbone</span></a> - <a rel="nofollow" class="external text" href="http://blog.shankbone.org/2009/09/21/metropolitan-opera-2009-opening-brings-out-the-stars/">David Shankbone</a>, CC BY 3.0, Link

Spitze Feder – Spitze Zunge

Diese Kolumne schreibt vorwiegend Peter Grohmüller seine Gedanken zur Welt und dem Geschehen unserer Zeit auf.
Seine fein geschliffenen „Ergüsse“ – wie er selbst sie nennt – erfreuen sich großer Beliebtheit.

Hin und wieder erscheinen in dieser Kolumne auch Beiträge anderer Autoren, die dann jeweils entsprechend genannt werden.

Die Texte sind Satire, Kommentare und Kolumnen. Es handelt sich um persönliche, freie Meinungsäußerung.

Für die Texte ist der jeweilige Autor verantwortlich.

Lesezeit ca.: 6 Minuten | Tippfehler melden | © Revision: 31. Januar 2024 | Peter Grohmüller 31. Januar 2024

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