Start Uncategorized Fidel Castro und die Kreuzfahrt
  • Fidel Castro und die Kreuzfahrt

    frau ruckdäschl

    „Was habbe Sie denn da?“

    Mit diesen Worten lauert die Ruckdäschl direkt beim Briefkasten und wischt gelangweilt mit einem Tuch die Glasscheibe des Schaukastens mit der Hausordnung. Das macht sie mehrmals täglich, damit dieser Tabernakel deutscher Gründlichkeit immer gut zu betrachten ist. Es riecht um diesen Schaukasten immer verdächtig nach Krankenhaus, sodaß ich annehme, daß die Ruckdäschl ihn sogar täglich keimfrei macht. Durch diese häufigen Reinigungstätigkeiten vor allem im Eingangsbereich unseres Hauses ist zumindest sichergestellt, daß sie dort einen Großteil des Tages verbringen kann.

    Das tut sie natürlich einerseits, um durch die sich zwangsläufig ergebenden Kontakte mit den Hausbewohnern, ihr Kommunikationsbedürfnis zu stillen, aber auch andererseits noch aus einem anderen Grund. Die Ruckdäschl kocht jeden Tag für wenigstens vier Personen. Das hat sie immer schon so gemacht und früher hatte das auch seine Berechtigung, da musste sie ihren Franz und die beiden Kinder verköstigen. Nun wohnen die Kinder in Rendsburg und am Bodensee und der Franz auf dem Gottesacker vor den Toren unseres Dorfes, doch sie kocht immer noch für Vier.

    Da sie aber auch ihre Wohnung klinisch rein gebürstet hat, kann die Scherohnie (wie die Ruckdäschl ja auch genannt wird) den fettigen Küchendunst überhaupt nicht gebrauchen. Damit sich dieser nicht auf ihre desinfizierten Möbel legt, öffnet sie beim Kochen immer das Küchenfenster sperrangelweit und läßt die Wohnungstüre einen Spalt offenstehen. So zieht dann der Kohl- und Sauerbratengeruch immer schön ins Treppenhaus. Auf der einen Seite kann sie so allen Nachbarn durch intensive Geruchsausdünstungen kundtun, daß es für einen anständigen Deutschen Zeit ist, sich um die Zubereitung oder Einnahme der Mahlzeiten zu kümmern und auf der anderen Seite hat sie wiederum einen Grund immer mal wieder wischenderweise durchs Treppenhaus zu huschen.

    Die rege Kochtätigkeit beschert der Alten einen gut gefüllten Vorratskeller, denn alles was zuviel ist, kocht sie in Gläsern ein oder friert es in ihrer überdimensionalen Gefriertruhe ein.

    „Ei, wann der Russe ämol kummt, dann kann isch wochenlang überlebe‘, ohne uff den Schwarzmarkt zu müsse'“, hat mir die Ruckdäschl erst neulich erzählt und hinzugefügt: „Dem Putin is ja sowieso nicht zu trauen und glaube Sie mir: Früher oder später stehen die mongolischen Reiterhorden wieder vor der Tür. Awwa Hauptsache die vergewaltigen misch nicht!“

    Über solche tiefgreifenden Dinge will sich aber die Alte heute mit mir nicht unterhalten, sondern nur wissen, was ich da gerade aus dem Briefkasten gezogen habe: „Was habbe Sie denn da?“

    Ich schaue auf die bunte Mischung aus Bittbriefen der Finanzverwaltung, Rechnungen und Reklame und komme zu dem Entschluß, daß das die Alte gar nichts angeht. Jetzt muß ich abschätzen, wie ich ihr am Besten entkomme. Ich könnte beherzt einfach an ihr vorbeispringen, aber dazu steht sie zu weit im Gang und ich liefe Gefahr, daß ich sie touchiere und die Alte über das Geländer in den Keller stürzt. Hmmm… Eigentlich kein übler Gedanke! Aber was, wenn sie schreit? Dann käme Herr Muschelknautz aus der gegenüberliegenden Wohnung und mir bliebe nichts anderes übrig, als auch den hinabzustürzen. Und was macht man so am hellichten Tag mit zwei Leichen? Gut, Frau Ruckdäschls Gefriertruhe wäre groß genug…

    „Sie, sage Sie doch ämol, was Sie da habbe!“ reißt mich die Ruckdäschl aus meinen mörderischen Gedanken und ich denke mir, daß es am Einfachsten sein wird, ihrem Begehren nachzugeben und blättere meine Post durch. Da! Ein Prospekt, das ist was Unverfängliches, den kann ich ihr zeigen.

    „Da, ich habe einen Prospekt, einen Reiseprospekt sogar“, sage ich und halte der Ruckdäschl das bunte Heftchen vor die Augen. So nah hätte ich ihr das aber gar nicht hinhalten müssen, denn die Alte verfügt über erstaunlich gute Augen, ja die Augen sind sogar so gut, daß sie offenbar durch Briefumschläge hindurchgucken kann. Manchmal, wenn unser Briefträger eine Vertretung hat, landen unsere Briefe auch schon mal im Kasten der Alten oder sie nimmt dem Briefträger sogar die komplette Post fürs Haus ab und stellt sie eigenhändig an der Wohnungstür zu. Ja und wenn sie uns die Post dann hochbringt, kann sie uns immer ganz genau sagen, was in den Briefen alles drinsteht; tolle Augen!

    „Ä Reiseprospekt, ach wolle Sie in Urlaub fahren?“


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    Nein, das will ich jetzt gerade nicht, aber das kann der unbekannte Absender des Prospektes für Kreuzfahrten ja nicht wissen.

    „Gugge Sie mol do!“ kräht die Ruckdäschl und tippt mit ihren knochigen Fingern auf dem Prospekt herum: „Die fahren ja ins heilige Land!“

    Ich schaue etwas skeptisch auf die bunten Bilder, denn soweit ich das in der Kürze der Zeit sehen konnte, geht es eher um Karibikkreuzfahrten und so ist es auch, Kuba soll das Ziel der Reise sein.

    „Nein nein, Frau Ruckdäschl, die fahren nach Kuba!“

    „Sie kenne sich awwa auch gar net aus! In Kuba da werde doch diese Geigenkästen gemacht, da diese Fidelkastes oder so. Nä nä, die da fahren ins heilige Land.“

    „Und wie kommen Sie jetzt da drauf?“

    „Da steht doch Kreuzfahrt. Und des weiss doch jeder dass die schon seit dem Mittelalter Kreuzfahrten ins heilige Land machen, die Tempelritter und Kreuzfahrer. Isch merk aber schon, Sie kenne sisch mal wieder gar net aus, awwa isch muss jetzt mei Supp‘ umrühre.“

    Spricht’s, tippelt in ihre Wohnung und ich kann erleichtert flüchten.

    Mann, das ist ja aber auch alles kompliziert, mit den Fidelkästen aus Kuba und den Kreuzfahrern im Heiligen Land. Gut, daß mir die Ruckdäschl das immer alles erklärt.


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