Spitze Feder

Eigentlich

Bananenkapuze

„Eigentlich sehe ich ja ganz gut aus. Nur diese fettige Haut und diese Mitesser und diese Pickel…“. Sicher können sich manche Leserinnen und Leser noch an diese ikonischen Sätze erinnern,…

… mit denen Procter & Gamble in den Siebzigern ihre Anti-Pickel-Creme anpries und vermutlich Millionen Teenies, wie auch mich, bewog, damit den ganz normalen, pubertären, dermatologischen Widerspenstigkeiten auf den Leib zu rücken. Oft mit mäßigem Erfolg…also zumindest bei mir.

Ich habe damals in Gedanken noch ein paar weitere Dinge hinzugefügt, die dem guten Aussehen abträglich sind, mit denen die Chemie-Pampe namens Clearasil jedoch hoffnungslos überfordert war: Eine krumme Nase, abstehende Ohren, schiefe Zähne, und, und, und. Was ich an der Werbung nämlich komplett bescheuert fand, war deren Message, das etwas überhaupt einem Schönheitsideal entsprechen kann, wenn dem so viel Hinderliches diametral entgegenspricht, wie eben fettige Haut, Mitesser und Pickel. Aber die ausgebufften Cracks der Procter & Gamble PR-Abteilung legten der jugendlichen Sprecherin aus dem Off ja das magische Wort eigentlich in den Mund. Insofern…

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Eigentlich, ist eigentlich schon ein ziemlich merkwürdiges Wort, oder? Es wird gerne platziert, um etwas Triviales aufzublasen, um einem Satz ein Stück weit die Banalität zu nehmen und ihm stattdessen einen leicht philosophischen Touch zu verleihen, oder um sich gegen einen vorhersehbaren Shitstorm zu wappnen.

In Zeiten, in denen KI-optimiertes Amokgeschwafel in Diskussionen mehr und mehr die Oberhand gewinnt, in denen man morgens nicht weiß, was man abends noch sagen darf, weil die Sittenwächter in den asozialen Medien jede noch so kleine Mücke zu einem riesigen Haufen Elefanten-Dung aufblähen, reicht es einfach nicht mehr aus, das neue Album von XY einfach nur gut zu finden. Man könnte nämlich die eine oder andere Gruppe von Influencerinnen und Influencern vor den Kopf stoßen, wenn einem etwas einfach nur so gefällt…quasi völlig unreflektiert. Geht-gar-nicht in 2023! Deshalb umschifft man jedes potentiell drohende Gekeife nonchalant, in dem man das neue Album von XY eigentlich ganz gut findet.

Denn sollten die geistig umnachteten Moral-Forensiker bei Facebook, Instagram & Co nämlich feststellen, dass bei der Produktion des neuen Albums von XY, keine glutenfreie Transmensch:*Innen anwesend waren, oder dass kein Bio-Fair-Trade-Kaffee mit Demeter-Hafermlich getrunken, dass nicht explizit gegendert, oder dass sogar, um Himmels Willen, Fleisch in irgendeiner Form verzehrt wurde, oder sollten die manisch Zeter und Mordio schreienden Sirenen, irgendein anderes hirnverbranntes No-Go anprangern, von dessen Existenz man bisher nicht einmal wusste…hat man mit eigentlich ein probates Ass im Ärmel und einen geschmeidigen Exit aus jeder noch so schafsdämlichen Diskussion. Chapeau!

Eigentlich wollte ich ja traditionsgemäß wieder eine episch breiten Abhandlung zum Fest der Liebe schreiben. Über hyperventilierende Muss-ich-haben-Honks, die mit blutunterlaufenen Augen durch die Konsumtempel hetzen und am Rande des Nervenzusammenbruchs an den Kassen Schlange stehen, die auf dem Weg in die Tiefgarage zum Zweit-SUV, den Obdachlosen generös ein paar Groschen in die aus dem Müll gezogenen Starbucks-Becher werfen…ist ja bald Weihnachten. Über die hippen Couch-Potatoes, die sich bei Lieferando ihr Festtagsmenü zusammenstellen, die bei Amazon, Zalando & Co ihre weihnachtlichen Must-Haves ordern, die dadurch eine ganze Armada von Sprintern und Mopeds heraufbeschwören, die dann mit Feinstaub, NOX und CO2 die Luft verpesten, und die mit Bergen von Verpackungsmüll die Wertstofftonnen zum Bersten bringen…nur um mir am Ende meiner selbstverliebten Exegese die Frage zu stellen, was dies alles mit Weihnachten zu tun habe, wo ich die Antwort doch ohnehin längst weiß…?

Wie die Leserinnen und Leser, vielleicht sogar mit Erleichterung, feststellen konnten, habe ich dieses Jahr darauf verzichtet, ihnen ihre Nordmanntanne, ihre Gänsekeule, ihr Mousse au Chocolat, ihre Erdbeeren aus Patagonien, ihre Flug-Ananas und ihren 2007er Piper Heidsieck madig machen zu wollen. Ich bin ja schließlich kein Misanthrop…eigentlich. Zudem ist mir dieses Jahr einfach die Lust darauf vergangen, mich erneut zu repetieren. Denn welchen Sinn hätte es, für mich, als bekennenden Agnostiker, zu fragen, was der ganze Rummel mit Jesus Christus im Allgemeinen und mit der Bergpredigt im Besonderen zu tun hat, wenn die Christenmenschen zwar artig in den weihnachtlichen Gottesdienst pilgern und sich, angemessen ergriffen, vorhersehbare Predigten anhören, die Worte des Nazareners, vor lauter Kanonendonner in der Ukraine, in Israel und anderswo, jedoch ohnehin nicht hören können, oder, schlimmer noch, nicht hören wollen?

Jetzt werden manche zu Recht einwerfen, dass dies bei Leibe ja nichts Neues ist, dass es im Grunde genommen eigentlich schon Binsenweisheiten sind, die ich da erzählen, und dass ich all die letzten Jahre trotzdem immer wieder mit der vorweihnachtliche Mostrich-Kanone locker aus der Hüfte…oder so ähnlich.

Mag ja alles stimmen. Aber obwohl ich ein Babyboomer jenseits der 60 bin, also jener Generation angehöre, die von den tonangebenden Millennials geflissentlich überhört, oder, ob ihres vermeintlich altbackenen Mindset, gar bemitleidet wird, arbeitet meine Birne eigentlich noch ganz passabel. Insofern nehme ich mir das Recht und die Freiheit, täglich hinzuzulernen und mich stets an den klugen Worten des französischen Schriftstellers, Malers und Grafikers Francis Picabia zu orientieren:

„Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“.

Deshalb wage ich mal eine Prognose für 2024…obwohl Prognosen bekanntermaßen ja immer schwierig sind, wenn sie die Zukunft betreffen: 2024 wird prinzipiell auch nicht anders, als 2023, oder 2022…Obwohl: Ich war am Freitag bei EDEKA einkaufen, und habe erfreut festgestellt, dass sie dieses Jahr keine Böller verkaufen! Ein saucooles Statement, wenn man mich fragt. Insofern passt das Bonmot des großen bajuwarischen Mystikers Karl Valentin wiederum, dass die Zukunft auch nicht mehr das sei, was sie mal war…eigentlich.

In diesem Sinne: Kommt gut rein nach 2024!


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Spitze Feder – Spitze Zunge

Diese Kolumne schreibt vorwiegend Peter Grohmüller seine Gedanken zur Welt und dem Geschehen unserer Zeit auf.
Seine fein geschliffenen „Ergüsse“ – wie er selbst sie nennt – erfreuen sich großer Beliebtheit.

Hin und wieder erscheinen in dieser Kolumne auch Beiträge anderer Autoren, die dann jeweils entsprechend genannt werden.

Die Texte sind Satire, Kommentare und Kolumnen. Es handelt sich um persönliche, freie Meinungsäußerung.

Für die Texte ist der jeweilige Autor verantwortlich.

Lesezeit ca.: 7 Minuten | Tippfehler melden | Peter Grohmüller: © 31. Dezember 2023

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