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Bloß nicht zu lang

Bloß nicht zu lang

Ich habe einen Cousin. Das ist ein toller Cousin, auf den ich mächtig stolz bin, weil er es bis zum Professor gebracht hat.
Viele Jahre hatten wir keinen Kontakt, lebten weit voneinander entfernt und irgendwie hatte auch keiner in unserem Umfeld Lust zu Sterben und somit ergab sich nicht einmal die Gelegenheit, sich bei einer Beerdigung zu treffen.
Aber wie das heute so ist, jeder von uns steht frei- oder unwilligerweise halböffentlich in irgendwelchen sozialen Netzwerken oder sonstwie im Netz, sei es, daß man sich den Account ursprünglich zu einem völlig anderen Zweck angelegt hat, oder daß der Arbeitgeber oder ein Verein die Kontaktdaten nebst Konterfei veröffentlicht.
Und so kam es, daß ich über meinen Cousin datentechnisch stolperte. Ui, den kenne ich ja, dachte ich und schrieb ihm eine Mail.
Vom Inhalt her war die so ungefähr und kurz gesagt: Ich bin der und der, bist du der, den ich meine?

Zurück kam eine einzeilige Mail, ja, er sei der, den ich meine und somit mein Cousin, schöne Grüße.

Also setzte ich mich hin und schrieb ihm eine längere Mail, was ich so mache, wo ich so wohne und mit wem ich so verheiratet bin.

Mein Cousin antwortete, wieder mit nur einer Zeile, er sei Professor, wohne da und da und seine Frau heiße Vroni.

Nun gut, vielleicht mag der mich nicht, dachte ich. Unsere Gemeinsamkeiten beschränken sich in der Tat auf wenige Treffen in meiner Kindheit und Jugend.
Wer weiß, welchen Eindruck ich auf ihn damals gemacht habe. Doch war das nun für mich nur ein Grund mehr, ihm etwas ausführlicher etwas von mir zu erzählen.
Das tat ich dann in einer recht langen Mail und wartete auf seine Antwort.

Die war wieder nur anderthalb Zeilen lang, ließ aber erkennen, daß er sich sehr über meine Mail gefreut hatte und mich auch sehr mag.

Na ja, vielleicht ist er viel beschäftigt und hat keine Zeit für einen langen Mailverkehr. So ließ ich einige Tage verstreichen und probierte einen erneuten Vorstoß.
Diese Mail wurde sehr lang und ich endete mit den Worten: „Es tut mir leid, daß die Mail so lang geworden ist, aber ich hatte keine Zeit eine kürzere zu schreiben.“

Die nächste Mail meines Cousins ließ mich dann staunen: „Ich wußte gar nicht, daß man so lange Mails schreiben kann, ich dachte immer, man müsse sich so kurz fassen wie bei SMS-Nachrichten, sonst kostet es extra.“

Jau! Treffer! Versenkt!

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peter wilhelm autorenlesung
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  1. Rena
    Rena 18 November, 2014, 22:32

    Dein Schlusssatz ist genial. Seine Antwort darauf hat auch was für sich. *g*

    LG Rena

    Antwort auf diesen Kommentar

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