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Die Goldhochzeit

Die Goldhochzeit

Und vergiss nicht die Goldene Hochzeit von Heiner und Ilse!“, so endete eine Postkarte, die mir die Allerliebste aus dem Urlaub schickte, wo sie mit den Kindern weilte.
Ja, ich würde es nicht vergessen! Schon seit Monaten beherrschte nur ein Thema die Familiengespräche: die Goldene Hochzeit von ihrem Onkel Heiner und ihrer Tante Ilse.

An einem Freitag im Juli war es soweit. Meinen besten Anzug, wie auch einen Strauß schöner Schnittblumen tragend, klingelte ich bei Onkel Heiner. Ich habe auch noch ein wunderbares Marzipanbrot von Schwiegermutter Magda dabei. Strauß und Marzipan möchte ich den beiden schenken. Ein freundliches, aber etwas gehetztes Kind öffnete mir, nickte mir nur kurz zu und verschwand. In der Wohnung herrschte Trubel. Im Flur bereitete sich eine Hundertschaft von in bunten Uniformen gekleideten Männern auf ihren Auftritt vor und ich hatte Mühe, mich zum Wohnzimmer vorzukämpfen. Der Blumenstrauß litt etwas.

Im Wohnzimmer saßen Onkel Heiner und Tante Ilse auf dem Sofa und nahmen gerade die Huldigungen einer zwanzigköpfigen Abordnung des Kirchenchores entgegen. Artig wollte sich der Onkel für eine offenbar gerade gehaltene Rede des Dirigenten bedanken, da hieß es: „Aber jetzt singen wir doch noch!“
Das taten sie auch. Schön haben sie gesungen, laut und lang. Irgendein Choral mit Endlosschleife auf Hallelujah.
Es gelang mir, mich in die Nähe des Sofas vorzuschieben und als der Kirchenchor fertig war, wurde ich auf das Herzlichste begrüßt. „Setz dich!“, sprach der Onkel, „gleich geht’s weiter.“
In fliegendem Wechsel tauschte sich der Kirchenchor gegen die Uniformierten aus dem Flur aus. Einer hielt eine Rede und man überreichte einen hübsch bemalten Teller. Der Onkel wollte sich gerade dafür bedanken, da hieß es: „Jetzt wird noch gesungen!“

Die GoldhochzeitDie Goldhochzeit

Bergmannslieder aus dem Erzgebirge, Knappenlieder aus dem Ruhrgebiet, Zechenlieder aus dem Saarland. Schön, aber auch schön lang.
Zwischendrin gelang es der Tante, der man einen schmalen goldenen Reif ins Haar gesteckt hatte, mich zu begrüßen und meinen Blumenstrauß in Empfang zu nehmen.
Dann kamen die Damen vom Heimatbund oder waren sie von der Kriegsgräberfürsorge? Auf jeden Fall hielten sie eine Rede und sangen einige nette Lieder.
Unterdessen hatten sich in den weiten Fluchten der großen Wohnung etwa dreißig Kirchenjungfern fertig gemacht. Alle über siebzig! Sie überreichten einen sehr schönen Teller und eine von ihnen hielt mit zittriger Stimme eine sehr schöne Rede. Danach sangen sie noch einige Lieder.

Nun habe ich ja keine grundsätzliche Abneigung gegen singende Menschen, aber in diesem Moment begann mich die Aneinanderreihung der immer wiederkehrenden Worte ‚Glück’ und ‚Gesundheit’ allmählich zu langweilen.
Der Onkel meinte. „Ist gleich vorbei, da kommt nur noch die Abordnung der berittenen Polizei!“
Ich zuckte zusammen und stellte mir vor, wie zwei Dutzend Polizisten hoch zu Ross durch das Wohnzimmer galoppieren und dazu Lieder singen.
Aber soweit kam es dann doch nicht. Vier Uniformierte mit ihren Gäulen hatten sich vor dem Haus aufgebaut, wo einer eine Proklamation an das Jubelpaar verlas. Danach sangen alle, bis auf die Pferde, ein schönes und erstaunlich kurzes Lied.
Dann war es vorbei.

Der Onkel erklärte mir, das sei der offizielle Empfang gewesen und ich hätte das Allerbeste verpasst. Vorher waren noch der Kinderchor da und die alten Herren und der Kegelverein und die Zunftburschen und die Kammerjugend. Und alle haben sie gesungen! Schön war’s!
Die Tante beruhigte mich, jetzt komme der gemütliche Teil. Nur die Familie und die allerengsten Freunde. Man habe in einem Gasthof einen Raum gemietet und das werde bestimmt ganz gemütlich.
In einem nahe gelegenen Hotel war ein großer Saal festlich geschmückt. Die Tische standen in U-Form, manche sagen auch hufeisenförmig. An der Stirnseite hatte man zwei große, mit goldenen Girlanden geschmückte Stühle aufgestellt, offenbar der Platz des Goldbrautpaares.
Da ich mit den Gastgebern gekommen war, gehörte ich zu den Ersten und konnte mir einen Platz, weitab vom Geschehen, am äußersten Zipfel des U aussuchen. „Ich brauche Platz. Wegen der langen Beine!“, wehrte ich alle Versuche ab, mich näher beim Brautpaar zu platzieren.
In Wahrheit verband ich einen Hintergedanken mit meiner Platzwahl. Ich wollte auf diese Weise großen Abstand zum Geschehen haben. Denn die große Freifläche im Inneren des U lud zu allerlei grausamen Dingen ein, von denen ich so weit wie möglich entfernt sein wollte.

Nach und nach trafen die anderen Gäste ein. Alles irgendwelche alten Menschen, die ich nicht kannte. Von meinem angeheirateten Zweig der Familie waren aufgrund der Entfernung und der natürlichen Auslese nicht viele gekommen, die meisten waren schon verstorben.
An dem Ende des Tisches, an dem ich mich niedergelassen hatte, war noch jede Menge Platz, auch gegenüber.
Doch nun erschienen die Kinder des Jubelpaares. Onkel Heiner und Tante Ilse haben drei Kinder, drei Schwiegerkinder und eine Busladung von Enkelkindern. Die setzten sich alle auf die freien Plätze in meiner Nähe. Sicherlich, so dachte ich, wollen die auch dem Trubel entgehen.

Erstaunlicherweise ging es sehr schnell zur Sache. Das Essen wurde aufgefahren und der Onkel hielt nur eine ganz kurze Dankesrede.
Das Essen war sehr üppig und abwechslungsreich. Wunderbar! Ich fühlte mich wohl, da am Ende der Tafel, in Sicherheit vor irgendwelchen Sängern, Tänzern und sonstigen Hofnarren.
Es kam der Nachtisch, für mich schon immer der Höhepunkt einer guten Mahlzeit.
Die Enkelkinder verschwanden der Reihe nach aus dem Saal. Vermutlich gehen die spielen, dachte ich. Doch kaum waren die Dessertteller abgeräumt und ein Schnaps oder eine Tasse Kaffee zum Abschluss serviert, kamen die Kinder wieder herein.

Jedes Kind hatte ein Musikinstrument dabei. Und sie bauten die Instrumente gleich neben mir auf.
Moritz, ein Sohn des Onkels, stand auf und erklärte, die Kinder und Enkelkinder hätten da etwas vorbereitet.
Dann sangen sie alle ein Lied.

Ich schrieb ja schon, dass ich nichts gegen das Absingen von Liedern habe. Zumindest nicht, wenn andere es tun.
Doch Moritz verkündete: „So, und jetzt schaut jeder Mal unter seinem Platzdeckchen nach, da haben wir die Liedertexte für jeden hingelegt.“
Und tatsächlich, unter jedem Platzdeckchen lag ein Zettelchen mit einem dreistrophigen Lied.
Grauenvoll, aber auszuhalten. Die Kinder intonierten auf ihren Instrumenten eine Melodie, Michael dirigierte und wir alle mussten mitsingen. ‚Dem Jubelpaar ein drei Mal Hoch, Hoch, Hoch!’
Dann war es vorüber, Gott sei Dank!

Doch eines der Enkelkinder ging herum und verteilte kleine Heftchen an die Anwesenden. Na ja, vermutlich so etwas Überflüssiges wie eine Bierzeitung, dachte ich. Als ich mein Exemplar bekam, schwante mit Übles: alles Liedertexte!
„Jetzt greift jeder mal unter seinen Stuhl, da haben wir was festgemacht!“

Unter meinem Stuhl fand ich ein güldenes Irgendwas, was sich bei näherer Betrachtung als eine zusammengeklappte Krone aus goldener Alufolie entpuppte.
„So, und die setzen wir nun alle auf und singen Lied Nummer eins, das Krönchenlied!“

Das Krönchenlied ging 12 Strophen und man musste beim Refrain immer aufstehen und in die Hände klatschen. Danach musste man die Hände über der Krone zusammenführen, dass die Fingerspitzen sich berühren. Noch drei Mal im Kreis gedreht und immer hübsch mitgesungen!
Irgendjemand hatte Moritz ein Mikrophon in die Hand gedrückt. Das Unheil nahte!

Bei jeder Strophe hielt er das Mikrophon einem anderen Anwesenden unter die Nase, damit auch jeder hören kann, dass dieser wirklich mitsang.
Bis jetzt hatte ich immer nur so getan, als ob. Aber jetzt hatte ich auf einmal ein Mikrophon und meine Stimme wurde über die Saallautsprecher übertragen. Scheiße!

Heilige Scheiße!

Nach dem Krönchenlied sangen die Kinder noch ein Loblied auf ihre Eltern. Danach sangen die Enkelkinder ein Loblied auf ihre Großeltern und dann verkündete Moritz: „Und jetzt singen die Nichten und Neffen ein Loblied auf ihren Onkel und ihre Tante.“
Alle sahen sich im Saal um und rasch wurde offenbar, dass ich zwar keine Nichte, doch aber der einzige anwesende, wenn auch angeheiratete, Neffe war.

Hätte ich in diesem Moment eine scharfe Waffe gehabt…

Auf Seite drei des 50-seitigen Heftchens fand ich das Neffenlied und durfte es zum melodischen Klang einer, von der vierjährigen Martina, geschlagenen Triangel zum Vortrag bringen. Die Melodie war mir gänzlich unbekannt und die abgedruckten Noten waren von den Kindern mit hübschen Gesichtern und Nasen verziert worden. Also sang ich das Neffenlied auf die Melodie von ‚Im Frühtau zu Berge.“

„Hier steh ich als Neffe
und singe recht schön.
Wir alle gratulieren zum Festtag recht schön.
Heut sind wir all gekommen,
zu feiern mit dem Brautpaar.
Hier steh ich als Neffe
und sing euch ein Lied.“

Ich hätte kotzen können! Doch den anderen schien es zu gefallen, man klatschte frenetisch Beifall.

„Das war so schön, da kann Peter auch noch das Nichtenlied singen!“

Ich wusste bis dahin nicht, wie grausam Menschen sein können, denn aus irgendeinem mitgebrachten Karton setzte man mir eine Perücke mit langen blonden Zöpfen auf und zwang mich, das Nichtenlied vorzutragen.
Immerhin wurde ich dieses Mal vom 6-jährigen Benny auf einer Maultrommel begleitet.
Ich bin wirklich kein besonders gewalttätiger Mensch, aber ich sag’s jetzt nochmal: Hätte ich in diesem Moment eine scharfe Waffe gehabt….
Man fragt sich ja immer, wie es kommt, dass Menschen auf einmal zu Amokläufern werden und ganze Jubiläumsgesellschaften niedermetzeln….

Es ging vorüber. Irgendwann war auch die fünfte und letzte Strophe des Nichtenliedes erreicht und offenbar hatte jeder im Saal, außer mir, seinen Spaß.
Moritz verkündete unter allgemeinem Beifall: „Jetzt singen wir das Lätzchenlied! Maike verteilt an jeden ein lustiges Lätzchen, da steht der Text auf dem Lätzchen drauf. Und alle mitsingen!“
Haha, lustig!
Anschließend gab es eine nette Vorführung der Enkelkinder. In einem kurzen Schauspiel führten sie die Erschaffung der Erde, das dritte Buch Mose und das gesamte Neue Testament auf. Nett!
Es gab Kaffee und Kuchen. Doch bevor man essen durfte, gab es noch das Sahnehäubchen-Lied. Nee, muss man wirklich sagen, Mühe haben die sich gegeben. Echt!

Sehr hübsch war auch der Ringelpiez mit Anfassen. Zu einer fröhlichen Melodie musste man auf Kommando aufstehen, laut ‚Hoppla’ rufen und dann mit den Händen auf die Pobacken klopfen. Anschließend drückte man die links neben einem sitzende Person an sich und drehte sich ein Mal im Kreis. Neben mir saß eine etwa 14 Zentner schwere Schulkameradin der Goldbraut. Immer wieder drückte sie beherzt mein Gesicht zwischen ihre unglaublich großen Brüste. Immerhin bescherte mir das Versinken in den Fleischmassen einige Sekunden ohne Musik. Dort herrschten Ruhe, Frieden und Stille.

Bis abends um acht wurde gesungen und vorgeführt. Prima! Nach dem Abendessen gab es Tanz. Jetzt war es so, dass aufgrund des Alters im Saal ein gewisser Frauenüberschuss herrschte. Genauer gesagt, ein Überschuss an alten Frauen.

Und ich war alleine da und zweifelsohne männlich.

Zuerst musste ich beim Ententanz mitmachen, dann Walzer und dann irgendeinen Tanz, den ich gar nicht kannte. Immer wieder wurde ich auserkoren, um mit einer alten Dame eine Runde zu drehen und mir schien es, als ob am Rande der Veranstaltung einige alten Damen Lose zogen, welche als Nächste mit mir tanzen durfte.

Ich kann eigentlich gar nicht tanzen. Das heißt, ich kann es im Grunde schon, will aber nicht! Ich finde Männer, die sich zu irgendwelchen Melodien affig bewegen, einfach doof.

Nur für den Notfall, wie meine eigene Hochzeit, hatte ich die wichtigsten Tänze einstudiert, um mich nicht zu blamieren.
Jetzt war offenbar so ein Notfall, oder besser gesagt ein Notstand, in dem sich die alten Damen befanden.

Mein Platz am Ende der Tafel war ideal geeignet, um mich bei allen Peinlichkeiten des Abends in hervorragender Weise vorzuführen.
Bei nahezu jedem Tanz musste ich dran glauben, bei jedem Lied hielt man mir das Mikrophon unter die Nase. Und wenn die Kinder etwas vorführten, wozu man einen Idioten braucht, den man zur allgemeinen Belustigung lächerlich macht, musste ich das sein.

Mein Blick fiel auf einen Rentner auf der anderen Seite der Tafel. Er saß da gemütlich und grinste die ganze Zeit. „Sie haben nicht singen müssen, nicht wahr?“, fragte ich ihn.
Er tippte sich an die Stirn: „Bin ich denn bekloppt? Wenn die ein Fest machen, habe ich immer die Heiserkeit und kriege ganz schnell ein Rückenleiden und schlimme Füße.“

Was tun? Sollte ich mich fallen lassen und auf Schlaganfall plädieren?
Oder würde es reichen, einfach ohnmächtig zu werden? Aber nein, dann würde mich vielleicht die vollbusige Alte wiederbeleben wollen…

Ich hatte Glück, das Essen kam! Die Kellnerinnen trugen ein weiteres Essen auf und ich war endlich erlöst!

Aber gut, das nächste mal, da habe ich auch Heiserkeit, Rücken und schlimme Füße, garantiert

© 2006

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!


peter wilhelm autorenlesung
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  1. Big Al
    Big Al 15 November, 2014, 20:31

    Sehr schön geschrieben, super.
    Ich habe wirklich mitgelitten.

    Antwort auf diesen Kommentar
  2. Tante Tina
    Tante Tina 16 November, 2014, 13:31

    Vielen Dank für die Nette Geschichte. Ich bin demnächst auf einer Silberhochzeit,
    ohne Begleitung … ich bin mal gespannt!

    Antwort auf diesen Kommentar
  3. Peter Grohmüller
    Peter Grohmüller 20 November, 2014, 17:59

    Da ich schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel habe, bin ich nahkampferprobter Familienfreiern-Veteran. Jedesmal bin ich mir aber so was von sicher, dass dies aber nun wirklich das letzte, ach was rede ich, das allerletzte Mal, war. Ich bin bedient von dissonant dargebotenen Liedchen aus des Knaben Wunderhorn und grausam vorgetragenen Gedichten oder katzenjammerschrägen Blockflöten-Attacken.

    Immer wenn ich dann auf dem Nachhauseweg bin, fällt mir ein – uralter – Witz zum Thema Verwandtschaft ein, der just dann wieder hochaktuell ist: Unterhalten sich zwei Freunde. Der eine erwähnt das Wort „Mischpoke“. Fragt der andere: „Mischpoke? Ist das etwas zum essen“? Sagte der andere: „nein, zu kotzen“

    Nach einige Tagen kommt dann die Erkenntnis, dass der gemischte Braten eigentlich doch ganz lecker war, und dass die Leute ja nicht jünger werden, und dass ich zur nächsten großen Familienfeier vielleicht doch hingehe. Aber nur kurz. Ganz ehrlich. Auf ein Tässchen Kaffee, und dann verschwinde ich gleich wieder.

    Antwort auf diesen Kommentar

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