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Urlaub -3- Gefangen und in Hungersnot

Urlaub -3- Gefangen und in Hungersnot

„Hallo, Tante Trude, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!“

„Das ist aber schön, daß Du an mich denkst. Von Dir hört man ja nie was.“

„Aber Tante Trude, ich habe Dich doch letzten Sonntag erst angerufen, ich rufe Dich doch jeden Sonntag an…“

„Seit Onkel Hermann tot ist, bin ich ganz alleine und alle haben mich vergessen. Keiner ruft an.“

„Aber ich rufe Dich doch immer an.“

„Ja, Du bist ja auch ein guter Junge. Warst Du heute schon Rohre verlegen?“

„Was?“

Urlaub -3- Gefangen und in HungersnotUrlaub -3- Gefangen und in Hungersnot

„Ob Du schon irgendwelche Rohre verlegt oder Waschbecken repariert hast. Du mußt doch Geld verdienen, mein Junge.“

„Tante Trude, ich habe es Dir schon so oft erklärt, ich bin kein Klempner, war noch nie einer und habe auch nicht vor so was jemals zu machen.“

„Du kannst doch nicht den ganzen Tag zu Hause sitzen, Mensch, reiß Dich mal am Riemen!“

„Ach Tante, ich habe Dir doch die vielen schönen Bücher geschenkt, die ich alle geschrieben habe. Du weißt doch, daß ich Schriftsteller bin.“

„Ist das nicht schön? Ich bin ja auch so stolz auf Dich! Den Damen in meiner Seniorenturngruppe lese ich manchmal aus Deinen Büchern vor. Da bin ich immer ganz stolz, wenn ich sagen kann, daß die mein Neffe geschrieben hat…
…wo der doch nur Klempner gelernt hat.“

„Ich BIN KEIN KLEMPNER!“

„Was tutet denn da im Hintergrund?“

„Ach, ich bin gerade in Stralsund am Meer in Urlaub.“

„Am Meer?“

„Ja, an der Ostsee.“

„An der Ostsee?“

„Ja, heute bin ich in Stralsund.“

„Im Osten?“

„Ja, Tante Trude.“

„Ach Gott, ach Gott, der arme Junge… Geben sie euch was zu essen? Behandelt man Dich anständig? Wie konnte das passieren? Bist Du dem Russen in die Hände gelaufen? Warum hast Du Dich nicht versteckt. Beim Onkel Hermann hat das sechs Jahre gedauert, bis der aus der Gefangenschaft wieder nach Hause gekommen ist.“

„Ich bin doch nicht in russischer Gefangenschaft, ich mache hier Urlaub.“

„Ganz abgemagert war der und Läuse hat er gehabt. Na ja, schaden würde es Dir nicht.“

„Was? Läuse?“

„Nein, mal abzunehmen.“

„Ich habe erst 30 Kilo abgenommen.“

„Sag ich’s nicht? Hab ich’s nicht gesagt? Beim Russen kriegst Du nix zu essen. Nur Borschtscht und Soljanka.“

„Ich mache hier Urlaub und wir bekommen genug zu essen.“

„Deine Frau auch?“

„Die ist gar nicht mitgefahren. Ich bin hier mit einem Freund.“

„Mit einem was?“

„Mit einem Kumpel, mit einem Freund.“

„Junge, warum hast Du mir das nie gesagt? Bei uns in der Straße hat früher auch so ein kranker Mann gewohnt. Ordentlich verheiratet, zwei Kinder; bei der Ortskrankenkasse hat der gearbeitet; und nachts ist der in Frauenkleidern in die Lulu-Bar gegangen. Ich wußte ja gar nicht, daß Du Frauenkleider magst.“

„Aber Tante Trude, ich bin nicht so ein kranker Mann. Ich bin ganz normal, also zumindest nicht so andersherum, wie Du jetzt meinst.“

„Weiß Deine Frau das?“

„Tante TRUDEEEEEEE!“

„Ja, ist ja gut, ich sach auch keinem was.“

„Ist auch besser so.“

„Und Du bekommst genug zu essen? Nicht nur Fischabfälle und so?“

„Alles gut! Wir bekommen genug.“

„Und wann lassen sie Dich wieder nach Hause?“

„Ende der Woche.“

„Ach, das geht ja flott. Dann bring mir doch was mit. Ich brauche zwei Pakete Klopapier, zwei Pfund Kaffee, diese kleinen Mettwürstchen, die feinen, nicht die groben…“

„Tante Trude, ich wohne in Heidelberg und bin jetzt in Stralsund, Du wohnst in Bayern, ich komme nicht bei Dir vorbei.“

„Gut, dann bring auch noch zwei Tütchen Backpulver mit!“

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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peter wilhelm autorenlesung
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  1. Akira
    Akira 7 Januar, 2013, 17:03

    Haha, köstlich. 😀 Ich kenne diese Telefongespräche auch. Es treibt einen während des Gesprächs zum Wahnsinn und hinterher könnte man sich totlachen über den Dialog. Obwohl das ja leider nicht so zum Lachen ist. Demenz/Alzheimer und wie sich das sonst noch so nennt ist eine wirklich üble Krankheit.

    Antwort auf diesen Kommentar
  2. Big Al
    Big Al 7 Januar, 2013, 17:29

    Da kommen wir wahrscheinlich alle mal hin, so in Richtung „Demenz“.

    Antwort auf diesen Kommentar

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