Start Medien Helmut Kohl ist nicht tot, oder doch?
  • Helmut Kohl ist nicht tot, oder doch?

    Altkanzler Helmut Kohl ist in der vergangenen Nacht versehentlich als verstorben gemeldet worden.
    Mehr dazu bei meedia.

    Wir Deutschen haben ja bekanntermaßen unsere Probleme mit den Großen unseres Landes.
    Während in England Ex-Premier Churchill Denkmal um Denkmal gesetzt wurde und die Franzosen gleich in hunderten von Denkmälern auch den Staatenlenkern huldigen, die ihre Verdienste eher auf dem Bereich des Schlachtens und Mordens erzielt haben, können wir noch nicht einmal akzeptieren, was dieser Altkanzler geleistet hat.
    Nein, wir haben die Erwartungshaltung, Politiker müßten gleich den Göttern, fehlerfrei, allwissend und über den Wassern schwebende ätherische Wesen sein. Frei von Schuld, frei von menschlichen Fehlern, frei von Gefühlen, Machtstreben und Haß.

    Dabei sind Politiker genau das nicht: Abgehobene Sonderwesen. Sondern sie entstammen unserer Mitte und repräsentieren uns und das nicht mal immer politisch, sondern in erster Linie menschlich.
    Sie sind wie wir. Menschen aus Fleisch und Blut, Menschen, die Fehler machen und Menschen, die nur versuchen, es richtig oder besser zu machen.

    Von Helmut Kohl mag man denken, was man will, man mag ihn mit dem „Birnenvergleich“ weiter kränken wollen, man mag ihn als tumben, groben Pfälzer sehen und als Aussitzer und Machtgeilen.
    Mag sein, daß er von alledem etwas ist. Aber wären nicht genau Sie auch ein bißchen davon? Wäre nicht ich auch ein bißchen so?
    Was würden die zahlreichen Kritiker, die ein solches Amt mit sich bringt, Ihnen und mir alles aufs Brot schmieren?

    Ich persönlich bin froh, daß Kohl der Vater der Deutschen Einheit war, und nicht etwa so ein „Sein-Herz-an-Russland-verkauft-habender“ Gerhard Schröder.
    In den schwierigsten Zeiten, dem Ende des kalten Krieges, dem Untergang der DDR, der aufkommenden Wiedervereinigung, da brauchten wir einen Aussitzer. Da brauchten wir einen Mann von palatiner Bräsigkeit, der schwer entflammbar auch jemandem wie Jelzin, Gorbatschow, Reagan und den anderen europäischen Staatschefs seine breite Stirn bieten konnte.

    Spendenaffäre? Nur weil Kohl die ALDI-Brüder und ein paar andere Milliardäre aufgrund eines Ehrenwortes nicht hinhängen wollte? Mit den Beträgen, um die es da ging, werden in Amerika ganz kleine Congressmen jede Woche geschmiert.
    Und Kohl ist nicht einmal geschmiert worden, zumindest mal nicht zu seinem persönlichen Vorteil. Er hat Gelder für die Parteispendenkasse angenommen und annehmen lassen. Er selbst hat für die dafür ausgesprochene Strafe sein Haus in Oggersheim verpfändet, ist aber seinem Wort und seinen Spendern treu geblieben.
    Mag man sehen, wie man will.
    Abgestraft wurde er dafür weit mehr als genug.
    Lange aus der Ruhmesliga der CDU ausgestoßen, ausgestoßen von seiner Ziehtochter, der mecklenburgischen Seenwachtel Angela Merkel. Die wiederum konnte ihre Anwartschaft auf die Kanzlerschaft als kinderlose, evangelische Ostdeutsche nur auf dem Rücken von Kohls Niedergang realisieren.
    Damals hat man Kohl das erste Mal getötet.


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    Dann das persönliche Drama um die Kanzlergattin Hannelore Kohl, die als einzigen Ausweg aus einem depressiven Leben in der Dunkelheit nur noch im Freitod sah.
    Ein weiterer Schlag für den schwergewichtigen Pfälzer.

    Und dann der verhängnisvolle Sturz, der ihn zum stammelnden und schwer verständlichen Krüppel machte, der geistig noch rege, nun hilflos an einen Rollstuhl gefesselt ist.
    Was für ein Ende für diesen applausgewohnten und öffentlichkeitsliebenden Menschen!

    Und jetzt die Frau an seiner Seite, von der man nicht so genau weiß, ob sie Kohl mehr hilft, nützt oder schadet. Die Frau, die ihn abschottet, zu oft wohl für ihn redet und die ihn, so sehe ich das persönlich, abermals für die Welt totstellt.

    Niemals hätte Kohl die Rolle des Elder Statesman einnehmen können, wie es Helmut Schmidt tut.
    Auch Schmidt, kein Genie und kein Allwissender, hat in seinem Leben sehr viel Mist geredet. Man sieht es dem stramm auf die Hundert zu maschierenden Altkanzler, der ein wenig altersmilde und altersweise daherredet, als habe nur er allein das Schnittbrot erfunden, einfach nach.
    Das tut man bei Kohl nicht und die Chance hat Kohl in seinem beklagenswerten Zustand auch nicht.
    Er kann kein Elder Statesman werden, weil er krank und behindert ist. Auch sonst hat er nicht die Eloquenz eines Helmut Schmidt, nicht die gesellschaftliche Akzeptanz des Hamburgers und vielleicht auch nicht dessen Format.
    Aber Kohl hat unser Land regiert, so lange wie kein anderer und in schwierigeren Zeiten als jeder andere. Allenfalls Adenauer hatte noch mit vergleichbaren internationalen Widerständen zu kämpfen.
    Und so hätte uns Kohl vielleicht doch noch das eine oder andere zu sagen. Wir müßten ihm nur zuhören und man müßte ihn nur etwas sagen lassen.

    So lange ein vom Volks gewählter Kanzler zu sein und unser Land durch so schwierige Zeit zu führen, das kommt nämlich nicht von ungefähr. Und wer weiß, vielleicht hat genau das, was wir Helmut Kohl nachtragen, mit dazu beigetragen, daß wir in diesem Zeiten nicht gescheitert sind, sondern es geschafft haben von einer Null-Nation nach dem Zweiten Weltkrieg zur einer der führenden Nationen auf der Welt zu werden.


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    2 Kommentare

    1. Sebastian

      10. Juli 2015 at 13:53

      „An den Rollstuhl gefesselt“ – sorry, aber dieser Ausdruck geht überhaupt gar nicht. Und seine Verdienst in allen Ehren, aber für seine Rolle in der Spendenaffäre wäre Otto Normalbürger ordentlich vor Gericht verurteilt worden.

      Antwort

      • Peter Wilhelm

        10. Juli 2015 at 17:06

        Hi,

        was stimmt denn an dem bildlichen Ausdruck „an den Rollstuhl gefesselt“ nicht oder nicht mehr?
        Es ist immer noch eine gängige Floskel, die Verwendung findet, wenn man über körperliche Einschränkungen spricht, die die Verwendung eines Rollstuhls zwingend notwendig machen.
        Und ich verwende diese Formulierung auch für die Zeit, in der ich selbst lange auf die Verwendung dieses Hilfsmittels angewiesen war.
        Auf den Rollstuhl zurückgreifen zu müssen, um sich fortbewegen zu können, ist eine Einschränkung. Man ist nur Einsfünfzig groß, Bordsteine werden zu schier unüberwindbaren Hindernissen und die Beweglichkeit und die Möglichkeiten der Fortbewegung und Teilhabe sind eingeschränkt. Ich fühlte mich in dieser Zeit tatsächlich wie gefesselt, wie gebunden und angebunden.
        Ich weiß, wovon ich rede und ich finde an dieser Floskel, die eine solche ist, das gebe ich zu, nichts Verwerfliches. Sprachreinheit sollte ohne Hämmer auskommen.

        Antwort

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