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WLAN-Kamera und Netzwerkchaos – Lösung und Erklärung

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Vorgestern habe ich eine IP-Kamera von Pearl installiert und hatte anschließend absolutes Netzwerkchaos. Zunächst vermutete ich, dass die Kamera aufgrund von schlechter Qualität die Ursache sei. Mittlerweile mache ich einen Kotau und bin nun der Meinung, dass es nicht die Kamera war, sondern einfach das Hinzufügen noch eines WLAN-Gerätes.

In meinem vorherigen Artikel über die WLAN-IP-Kamera IPC-510 von 7Links/Pearl hatte ich geschildert, wie nach dem Anschließen dieses Geräts plötzlich massive Störungen im Heimnetz auftraten: Ausfälle anderer Kameras, stockendes IPTV, Smart-Home-Probleme, Router-Neustarts und ein insgesamt instabiles Netzwerk. Die Zusammenhänge waren reproduzierbar, die Kamera ließ sich als Auslöser identifizieren – und das Urteil fiel entsprechend kritisch aus.

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Mittlerweile hat sich die Situation jedoch grundlegend geändert. Nach einem erneuten Installationsversuch läuft die Kamera seit längerer Zeit völlig unauffällig. Keine Netzwerkaussetzer mehr, keine Router-Abstürze, keine Störungen bei Fernsehern oder anderen WLAN-Geräten. Im Gegenteil: Die Kamera arbeitet stabil, liefert ein sehr gutes Bild und erfüllt genau das, was man sich von einer kompakten WLAN-Kamera erhofft.

Das wirft eine berechtigte Frage auf: Wie kann ein Gerät zunächst massive Probleme verursachen – und später völlig problemlos funktionieren?

Das wahrscheinlichste Szenario

Ich habe mal als Leiter eines Rechenzentrums gearbeitet. Das ist aber 40 Jahre her. Damals hieß IT noch EDV und abgesehen von mir, liefen die Computerspezialisten damals in weißen Kitteln mit einem Rechenschieber in der Brusttasche herum. Netzwerke funktionierten mit Koax-Kabeln und Terminatoren, die PCs waren gerade erst erfunden und unter den Hodenlosen waren die Eineiigen König, so wie ich.

Probleme waren mein Metier. Wenn irgendwas nicht lief, war ich derjenige, der Lösungen präsentierte.

Doch die Zeiten haben sich gewandelt. Heute gibt es völlig andere Strukturen, ganz neue bahnbrechende Techniken, von denen man damals nur geträumt hat, und die Programmiersprachen, die ich beherrsche, kennt man heute nur noch dem Namen nach.

Aber, ich gehe auch auf die 70 zu, und fühle mich angesichts dieser Tatsache noch erstaunlich gut informiert. Aber, und das gebe ich unumwunden zu, ich hab‘ auch keine Lust mehr, alles Neue zu lernen und jede neue Technik genau kennenzulernen. Dafür sind die Innovationszyklen zu kurz und die Entwicklungen zu rasant. Ich bin froh, wenn ich die Bedienung gut hinkriege und verstehe. Ich muss nicht mehr, wie früher, jedes Protokoll und jeden Hintergrund auswendig wissen.

Moderne Heimnetzwerke sind deutlich komplexer, als viele vermuten. Mesh-WLAN-Systeme, Smart-Home-Komponenten, IP-Kameras, IPTV, Sprachassistenten und Netzwerkrekorder kommunizieren gleichzeitig über eine Vielzahl von Protokollen. Besonders heikel sind dabei sogenannte Discovery-Mechanismen.

Wenn eine neue IP-Kamera ins Netzwerk eingebunden wird, sucht sie nach Routern, Cloud-Servern, Apps, Netzwerkrekordern und anderen Geräten. Gleichzeitig suchen auch diese Geräte nach ihr. Dabei werden in kurzer Zeit große Mengen an Broadcast- und Multicast-Paketen erzeugt – also Daten, die an „alle“ im Netzwerk gesendet werden.

In ungünstigen Konstellationen kann es dabei zu einer regelrechten Paketlawine kommen. Router und Mesh-Knoten müssen diese Datenflut verarbeiten und weiterleiten. Wenn zusätzlich IPTV im Einsatz ist, das selbst stark auf Multicast basiert, kann das System kurzfristig überfordert werden. Die Folge sind genau die Symptome, die ich beschrieben hatte: ruckelnde Streams, Offline-Geräte, Neustarts des Routers und scheinbar chaotisches Verhalten.

Diese Phase tritt häufig während der Ersteinrichtung auf. Ist das Netzwerk einmal „eingeschwungen“, haben sich IP-Adressen, Verbindungen, Routingtabellen und Multicast-Gruppen stabilisiert, sinkt die Last deutlich. Der Dauerbetrieb einer Kamera erzeugt im Vergleich dazu meist nur noch einen gleichmäßigen Videostream – und der ist für heutige Netzwerke problemlos beherrschbar.

Warum es jetzt stabil läuft

Vermutlich kamen mehrere Faktoren zusammen:

  • Das Netzwerk hat sich nach der Installation neu organisiert und optimiert.
  • Möglicherweise hat die Kamera im Hintergrund ein Firmware-Update erhalten.
  • Eventuell wurden WLAN-Kanäle oder Mesh-Verbindungen automatisch angepasst.
  • Die intensive Such- und Pairing-Phase ist abgeschlossen.

Kurz gesagt: Die problematische Phase war höchstwahrscheinlich nicht der normale Betrieb, sondern der Installationsmoment.

Damit relativiert sich auch das ursprüngliche Urteil. Die Kamera ist nicht per se „netzwerktoxisch“. Sie kann jedoch – wie viele andere IP-Kameras auch – in bestimmten Netzumgebungen während der Ersteinrichtung extreme Lastspitzen erzeugen. Ich hätte aber vermutlich die gleichen Probleme gehabt, wenn ich nicht die Kamera, sondern die ebenfalls gelieferten WLAN-Messsteckdosen zuerst installiert hätte.

Was ich/man daraus lernen kann

Solche Effekte sind kein exklusives Problem billiger Geräte. Auch teure Markenprodukte können ähnliche Phänomene zeigen. Das Kernproblem ist weniger der Preis als vielmehr die Kombination aus:

  • schlecht abgestimmten Discovery-Protokollen
  • empfindlichen Heimroutern
  • komplexen Mesh-Strukturen
  • parallelem IPTV- und Smart-Home-Betrieb

Das erklärt auch, warum identische Kameramodelle bei manchen Nutzern völlig unauffällig laufen – und bei anderen massive Störungen verursachen.

So testen Sie, ob eine Kamera Ihr Netzwerk flutet

1. Trennen Sie die Kamera vom Strom und warten Sie 3–5 Minuten.

2. Beobachten Sie, ob sich WLAN, IPTV, Smart-Home und andere Geräte sofort stabilisieren.

3. Schließen Sie die Kamera wieder an und prüfen Sie, ob die Probleme erneut auftreten.

4. Wenn möglich: Binden Sie die Kamera testweise in ein Gast-WLAN oder ein separates IoT-Netz ein.

5. Tritt das Problem nur während der Ersteinrichtung oder Gerätesuche (ONVIF/NVR-Scan) auf, spricht vieles für eine temporäre Discovery-Last und nicht für einen Defekt.

Bleiben die Störungen auch im Dauerbetrieb bestehen, sollte das Gerät zurückgegeben oder nur isoliert betrieben werden.

Fazit

Mich hatte es schon soooo geärgert, dass ich einerseits glücklich war, eine Kamera gefunden zu haben, die zu einem guten Preis meine ganzen Anforderungen erfüllt, und dann sich als Problemkind zeigte.
So wie es jetzt aussieht, liegt es aber gar nicht wirklich an der Kamera, sondern am Großen und Ganzen.
Bei über 50 WLAN-Geräten im Haus, musste es irgendwann zu einem „Überlauf“ kommen, Mesh hin, Mesh her.

Ich bleibe aber dran!

Bildquellen:

  • blubber_800x500: Peter Wilhelm

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(©si)