Spott + Hohn

Willkommen in der Blase – Wie Leute doof gemacht werden

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Wie Algorithmen unsere Wirklichkeit sortieren – und wir es dankbar hinnehmen – Es gibt Menschen, die glauben, sie hätten sich ihre Weltanschauung selbst erarbeitet. Mühsam, kritisch, durch eigenes Nachdenken. In Wahrheit haben viele von ihnen einfach nur lange genug auf dieselben Videos geklickt. Den Rest erledigte der Algorithmus. Willkommen in der Bubble.

Soziale Netzwerke und Videoplattformen – allen voran Google und dessen Tochter YouTube – verfolgen ihre Nutzer nicht im moralischen, sondern im technischen Sinn. Und das äußerst gründlich. Jede Suche, jedes Video, jede Sekunde Verweildauer, jeder Klick auf „Gefällt mir“, jeder vorzeitig abgebrochene Clip werden registriert, bewertet und in Beziehung gesetzt. Über Plattformen hinweg, über Geräte hinweg, oft über Jahre hinweg. Cookies, Gerätekennungen, IP-Adressen, Standortdaten, Accountdaten und Verhaltensmuster ergeben am Ende ein Profil, das erschreckend präzise ist. Nicht, weil da jemand besonders schlau wäre, sondern weil Masse und Statistik gnadenlos effektiv sind.

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Das Ziel dieser Analyse ist denkbar banal: Aufmerksamkeit. Wer länger bleibt, sieht mehr Werbung. Wer mehr Werbung sieht, bringt mehr Geld. Und wer Inhalte bekommt, die exakt auf seine Interessen, Vorurteile, Ängste und Lieblingsaufreger zugeschnitten sind, bleibt länger. Der Algorithmus ist kein Pädagoge, kein Demokrat und kein Freund der Vielfalt. Er ist ein Kaufmann mit Rechenschieber.

Die Logik der perfekten Bestätigung

Was passiert also? Wer sich einmal für ein Thema interessiert – sei es Technik, Kochen, Fitness oder Politik – bekommt mehr davon. Viel mehr. Wer sich zwei Videos über fragwürdige politische Thesen ansieht, bekommt drei weitere vorgeschlagen. Wer diese anklickt, bekommt zehn. Das System lernt nicht, was wahr oder relevant ist, sondern nur, was funktioniert. Und funktionieren tut vor allem das, was bestätigt, emotionalisiert und vereinfacht.

Inhalte, die dem eigenen Weltbild widersprechen, werden nicht aktiv verboten. Sie verschwinden einfach. Sie tauchen nicht mehr auf. Sie werden nicht empfohlen, nicht prominent platziert, nicht „entdeckt“. Für den Nutzer fühlt sich das nicht wie Zensur an, sondern wie Ordnung. Endlich Ruhe vor den „anderen“. Endlich Inhalte, die man versteht. Endlich eine Welt, die Sinn ergibt.

So entsteht die Blase. Nicht durch böse Absicht einzelner Entwickler, sondern durch ein System, das Belohnung mit Wiederholung verwechselt. Je tiefer man klickt, desto enger wird der Tunnel. Je homogener der Content, desto überzeugter fühlt sich der Nutzer. Die eigene Meinung scheint plötzlich mehrheitsfähig, weil sie überall auftaucht. Dass sie nur deshalb überall auftaucht, weil man sich in einem algorithmischen Spiegelkabinett bewegt, bleibt unsichtbar.

Die Illusion der gesellschaftlichen Relevanz

Ein besonders tückischer Effekt der Bubble ist die Verzerrung von Bedeutung. Wenn man täglich mit Videos, Kommentaren und „Beweisen“ zu einem bestimmten Thema bombardiert wird, entsteht zwangsläufig der Eindruck, dieses Thema müsse die Gesellschaft insgesamt umtreiben. Schließlich redet ja scheinbar jeder darüber. In Wahrheit reden nur die, die der Algorithmus für passend hält – und das oft unter sich.

So entstehen Parallelöffentlichkeiten. Für manche Menschen ist „das System“ kurz vor dem Zusammenbruch, für andere ist „die Wahrheit“ längst unterdrückt, für wieder andere lebt man angeblich in einer Diktatur, die erstaunlich viel Zeit darauf verwendet, Katzenvideos zu hosten. Besonders anfällig für diese Dynamik sind Gruppen, die ohnehin ein starkes Bedürfnis nach einfachen Erklärungen haben: Verschwörungsgläubige, Reichsbürger, Corona-Leugner, politische Ränder aller Art. Sie sitzen in einem digitalen Big-Brother-Container, aus dem es kein informatives Entkommen mehr gibt – und halten ihn für die Realität.

Der Algorithmus liebt diese Nutzer. Sie klicken viel, kommentieren leidenschaftlich, teilen Inhalte und bleiben lange. Aus ökonomischer Sicht sind sie ein Geschenk. Aus gesellschaftlicher Sicht ein Problem.

Wer bestimmt, was ich sehe? Spoiler: nicht ich

Besonders perfide ist, dass sich viele Nutzer für autonom halten. Man „lässt sich ja nichts vorschreiben“. Man „informiert sich selbst“. Tatsächlich trifft man kaum noch aktive Entscheidungen. Die Startseite ist kuratiert, die Vorschläge sind personalisiert, die nächste Meinung wartet schon im Autoplay. Wer hier ausbrechen will, muss bewusst gegen das System arbeiten: suchen statt klicken, abonnieren statt treiben lassen, auch Inhalte konsumieren, die unbequem sind oder langweilig wirken.

Das tun die wenigsten. Nicht aus Dummheit, sondern aus Bequemlichkeit. Der Algorithmus ist immer einen Schritt schneller, einen Tick angenehmer, einen Hauch bestätigender. Und genau darin liegt seine Macht.

Meine eigene ungewollte Bubble

Ende 2024 / Anfang 2025 war ich ziemlich krank und für viele Wochen ans Bett gefesselt. Der Fernseher lief fast rund um die Uhr, die einzige Ablenkung von Schmerzen, Pein und Aua.
YouTube war in dieser Zeit mein besonderer Freund. Ich habe mir beispielsweise alle Folgen der Autodoktoren und viele Restaurationsvideos von Matchbox-Autos angesehen.
Oft liefen die Wiedergabelisten durch, ohne, dass ich sie geschaut habe, ich habe geschlafen und gedöst. Und genau dabei spielten sich einige Videos aus den Randbereichen des menschlichen Verstands in die Dauerwiedergabe rein: Videos über Flat-Earth-Theorien, Reichsbürger, Echsenmenschen, Verschwörungstheorien aller Art und ganz viele englischsprachige Clips aus der Ecke der MAGA-Bewegung von Donald Trump.

Ich habe die allermeisten dieser Videos gar nicht angeschaut. Wie gesagt, ich habe unter dem Einfluss von Medikamenten gedöst, geschlafen und nichts mitbekommen.

Als ich wieder gesund war und an meinem Schreibtisch saß, bemerkte ich, dass YouTube mir nur noch Videos aus diesem Themenbereich der Verschwörer und Hetzer anzeigte. Junge Frauen, die rechtsradikale Inhalte bejubelten, vermeintlich seriöse Herren, die AfD-Inhalte schönredeten und Leute, die Angst vor Bill Gates Microchips in Spülmitteltabs haben. Die ganze Welt schien sich nur noch um böse Ausländer, die Gefahr des Islams, die Überflutung mit Migranten und den Austausch unserer Bevölkerung zu drehen.

Glücklicherweise half mir ein kleiner Fehler aus dieser Bubble wieder heraus: Ich hatte mich, als ich krank war, mit einem wenig genutzten YouTube-Account angemeldet. Für den hatte der Algorithmus die rechte Verschwörungsschiene als maßgebend erkannt. Ich musste mich nur von diesem Profil abmelden und mit meinem normalen YouTube-Konto anmelden und schon war die Welt wieder in Ordnung. Von einer Sekunde auf die nächste wurden mir wieder all die schönen und gewohnten Inhalte angezeigt, die ich eigentlich so gerne sehe. Selbst ausgewählt, abonniert und nicht allein vom Algorithmus zusammengesucht.

Die Blase platzt nicht von selbst

Die unangenehme Wahrheit ist: Die Bubble platzt nicht automatisch. Sie wird stabiler, je länger man in ihr lebt. Je homogener die Inhalte, desto stärker die Überzeugung, auf der „richtigen Seite“ zu stehen. Kritik wird als Angriff gewertet, Widerspruch als Beweis für die eigene These. Der Algorithmus liefert zuverlässig Nachschub.

Das Problem ist dabei nicht, dass Menschen Interessen haben. Das Problem ist, dass ihnen systematisch suggeriert wird, ihre Interessen seien die Welt. Und dass alles außerhalb dieser Blase entweder irrelevant, feindlich oder manipuliert sei.

Wer sich daraus befreien will, braucht mehr als einen anderen Browser oder ein paar gelöschte Cookies. Er braucht die Bereitschaft, sich irritieren zu lassen. Und das ist in einer perfekt zugeschnittenen Komfortzone die größte Zumutung von allen.

Je weniger Gehirnarbeit der Nutzer selbst leisten will oder leisten kann, umso bequemer wird der Konsum der automatisch vorgesetzten Futtermischung. Durch die vorgegaukelte Bestätigung eigener Zweifel glaubt der Nutzer dann allzu leichtfertig und leichtgläubig, mit seiner zweifelhaften Meinung, die er anfangs vielleicht noch hinterfragt hat, Teil eines ihm zustimmenden Großen und Ganzen zu sein.

Willkommen in der Blase!

Ich habe das im Bekanntenkreis sehr anschaulich und aus nächster Nähe miterlebt.
Eine Familie, die immer gute und brave Sozialdemokraten waren (sofern es sowas gibt), ist heute eine unerträgliche Bande von reichsbürgerahen Verschwörungsgläubigen geworden.
Alles, was ihnen nicht in den Kram passt, ist rot-grün-versifft, jeder, der ihre Meinung nicht vertritt, wird als Nazi gebrandmarkt. Und das, obwohl sie selbst in meinen Augen nationalsozialistisches Gedankengut verinnerlicht haben.

Waren es anfangs nur Smartphones, die abends in den Blumentopf auf der Fensterbank gesteckt wurden, um schädliche Strahlen zu eliminieren, so haben diese Leute heute Angst vor Barcodes, Chemtrails, gefährlichen Klingeltönen, nicht hörbaren Gedankenlöschungen beim Anschauen der Tagesschau und Angst vor der systematischen Sterilisation der volksdeutschen Bevölkerung durch Pizzalieferdienste und öffentliche Verkehrsmittel.

Der Holocaust wird relativiert bis geleugnet, der Ruf nach einem starken Mann, der endlich mal aufräumt, wird immer lauter und die allgemeine Ablehnung der AfD wird als Gehirnwäsche betrachtet.
Man kann mit diesen Leuten auch nicht mehr normal reden. Die Allerliebste und ich bemühen uns, bestimmte Trigger-Themen ganz zu meiden und die Gespräche auf ganz normal und unkritische Themen zu lenken.
Das schaffst Du aber nur eine begrenzte Zeit. Dann kriegen die immer die Kurve und schieben ein: „Schrecklich, schrecklich, was die mit uns machen. Schuld ist die Regierung und nur die AfD wird das eines Tages richten können.“ Mit so einem oder einem ähnlichen Satz drehen die jedes Gespräch in die Richtung, in der sie sich wohlfühlen. Das Anprangern von vermeintlichen Missständen, das Beklagen der eigenen Situation und die Schuldzuweisung an Ausländer aller Art, das erfüllt diese Leute mit Glück und Zufriedenheit.

Wobei man sagen muss, dass diese Familie in sehr guten mittleren Verhältnissen lebt: Eigentumswohnung, gutes Einkommen, gute Einrichtung, genug Geld, um beim Essen wählerisch sein zu können und zwei Autos vor der Tür, zwei Urlaube im Jahr, also eigentlich kein Grund, unzufrieden zu sein.

Ihre Informationen beziehen diese Leute ausschließlich aus den einschlägigen Kanälen im Internet. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen lehnen sie als Quelle vollkommen ab und jedwede als seriös geltende Quelle ist in ihren Augen „vom System unterwandert und dient der Gehirnwäsche“.

Das Schlimme: Diese Menschen glauben ernsthaft und voller Überzeugung, alle anderen Menschen würden auch so denken, und wir mit unserer differenzierten Meinung gehörten einer Minderheit an, die es zu überzeugen gilt, oder die „wenns mal soweit ist“ weggesperrt gehören.

Opferschema Generation Doof

Besonders empfänglich für das Leben in der Bubble sind Menschen, die Denken als lästige Nebenbeschäftigung betrachten und geistige Anstrengung für überschätzt halten. Wer Zusammenhänge lieber fühlt als versteht, wer Komplexität als Zumutung empfindet und Erklärungen bevorzugt, die auf einen Bierdeckel passen, ist für Algorithmen ein Geschenk. Je geringer die Bereitschaft, Informationen einzuordnen, Quellen zu prüfen oder Widersprüche auszuhalten, desto dankbarer wird jede simple Erzählung angenommen, die Schuldige benennt und das eigene Weltbild streichelt. Verschwörungstheorien und rechte Parolen funktionieren dabei wie Fastfood für den Kopf: schnell serviert, leicht verdaulich und völlig nährstofffrei. Je intelligenzbequemer der Konsument, desto weniger Widerstand leistet er – und desto tiefer sinkt er mit wohligem Gefühl in seine Blase, überzeugt davon, endlich zu den Durchblickern zu gehören, während der Rest der Welt angeblich nichts kapiert.

YouTube ist nur die Spitze des Eisbergs – TikTok macht richtig doof

Ich sag’s mal so: YouTube ist noch die langsame Droge. Die Videos sind länger, ausführlicher, manchmal sogar widersprüchlich genug, um zwischendurch den eigenen Verstand einzuschalten. Wer will, kann pausieren, nachdenken, einordnen oder genervt abbrechen. Ganz anders sieht es bei den ultrakurzen Formaten aus, etwa auf TikTok. Dort wird Meinung nicht mehr entwickelt, sondern injiziert. Sekundenlange Clips, hektisch geschnitten, emotional aufgeladen, immer derselbe Tenor, immer dieselbe Botschaft. In einer Stunde rauschen Hunderte solcher Häppchen durch die Reste des Gehirns, alle aus derselben Blase, alle bestätigend, keiner erklärend. Für Reflexion bleibt keine Zeit, für Zweifel kein Raum. Der Verstand kommt gar nicht erst hinterher – und genau das ist der Punkt.

Fazit: Die Blase ist bequem – und gefährlich

Die algorithmische Bubble ist kein Unfall, sondern das logische Ergebnis eines Systems, das Aufmerksamkeit in Geld übersetzt. Sie ist bequem, bestätigend und effizient. Aber sie verengt den Blick, verzerrt die Wahrnehmung und spaltet Öffentlichkeiten. Wer glaubt, das Internet zeige ihm „die Wahrheit“, sollte sich bewusst machen: Es zeigt ihm vor allem das, was er selbst zuvor belohnt hat.

Oder anders gesagt:
Die Blase ist nicht das Problem.
Das Problem ist, dass so viele Menschen sie für die Welt halten.

Bildquellen:

  • bubble_800x500: Peter Wilhelm

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(©si)