Spott + Hohn

Wenn der Millimeter zum Staatsfeind wird – Berliner Polizei stoppt gefährliche Lineale

Zollstocki

Berlin, einst Hauptstadt eines großen Kaiserreichs, und seit der Wiedervereinigung auch wieder Hauptstadt der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt. Berlin, das Synonym für Inkompetenz, Versagen und Nicht-Regierbarkeit. Es sind kleine Dinge, an denen große Systeme scheitern. Ein Regierender Bürgermeister, der sich angesichts einer Katastrophe die Zeit beim Tennisspielen verbringt, Wahlunterlagen, die falsch gedruckt sind, ein Flughafen, der über Jahre dahinscheiterte. Das ist Berlin.

Heute geht es um ein mit Verkehrszeichen und dem Polizeilogo bedruckte Lineale. Ein schlichtes, unschuldiges 15-Zentimeter-Lineal. Beziehungsweise: eines, das sich nur dafür hält.
Rund 10.000 dieser Lineale wurden von der Berliner Polizei angeschafft. Kostenpunkt: etwa 3.500 Euro. Dann wurden die Lineale an Berliner Schulkinder verschenkt. Zur Imagepflege.
Man kann das auf die einzelne Einheit herunterbrechen: Für 35 Cent bekam jedes Kind ein Stück offizieller Berliner Wirklichkeit in die Hand gedrückt.

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Dann tat ein Berliner Schüler das, was der Einkäufer bei der Berliner Polizei eigentlich vorher mit einem Musterstück mal hätte machen sollen. Der Schüler tat kürzlich das, was man im Bildungsbetrieb inzwischen offenbar als subversiven Akt werten muss: Er maß nach.

Und siehe da – das offizielle Polizei-Lineal, verteilt im Rahmen pädagogisch wertvoller Näheoffensiven an Schulen, war gar nicht so lang, wie es vorgab zu sein. Drei Millimeter zu viel.

Die Folge: Die Berliner Polizei stoppte umgehend die weitere Verteilung der Werbelineale. Ein Fall für die Behördenleitung. Ein Fall für Sprecher. Ein Fall für Prüfungen. Ein Fall, möglicherweise sogar für Regressforderungen gegen den Hersteller. Endlich wieder ein klar umrissenes Problem, das man vollständig erfassen kann. Mit einem Lineal. Wenn man ein richtiges findet.

Der Hinweis kam – wie es sich gehört – nicht etwa aus einem kriminaltechnischen Labor, sondern von Eltern. Ein Kind hatte bemerkt, dass das Maß nicht stimmt. In einem System, das sich täglich mit organisierter Kriminalität, Clans, Gewalt, Cyberdelikten und einer explodierenden Einsatzstatistik beschäftigt, war nun also das Maß der Dinge verrutscht. Wortwörtlich.

Ein Polizeisprecher erklärte pflichtbewusst, es gebe „in dem einen Fall“ eine Abweichung. Ob alle Lineale betroffen seien oder nur einzelne, werde nun geprüft. Auch das ist beruhigend. Es ist gut zu wissen, dass irgendwo in Berlin jetzt vermutlich Erwachsene in Büros sitzen und Lineale ausmessen.

Besonders tröstlich ist die offizielle Einordnung, die gleich mitgeliefert wurde: Die Lineale seien „nicht für mathematisch genaue Tätigkeiten“ gedacht gewesen. Das ist ein Satz von stiller Schönheit. Ein Lineal, das nicht zum genauen Messen gedacht ist. Ein Messinstrument als pädagogisches Stimmungselement. Ein Symbol, kein Werkzeug. Man könnte auch sagen: ein Holz gewordener Motivationsspruch.

Es ging ja, so heißt es, gar nicht um Genauigkeit. Sondern um Präsenz. Um Image. Um Verkehrsunfallprävention. Um Nähe. Um Werbewirkung. Nicht um Mathematik. Wer also geglaubt hat, ein Lineal diene dazu, Längen zu messen, hat den tieferen Sinn moderner Polizeiarbeit nicht verstanden. Es ging nie um Zentimeter. Es ging um Haltung.

Und das ist der allergrößte Witz überhaupt. Er ist eine Aussage, die Inkompetenz zur Schau stellt und jedem den gesunden Menschenverstand abspricht.
Wozu, wenn nicht zum möglichst genauen Abmessen und Linien ziehen, soll denn ein Schülerlineal da sein?

Wer an so einfachen Aufgaben scheitert, der ist auch für größere Aufgaben nicht geeignet. Punkt.

Der eigentliche Skandal liegt auch nicht in den drei Millimetern. Der liegt in der Vorstellung, dass ein Schüler, der nachmisst, inzwischen eine Art Sonderfall ist. Dass die Fähigkeit, einem Gegenstand zu misstrauen und ihn zu überprüfen, schon ausreicht, um einen behördlichen Prozess auszulösen.

Man stelle sich vor, diese Haltung würde Schule machen. Wenn Schüler anfangen würden, auch andere Dinge zu prüfen. Zahlen. Aussagen. Begründungen. Statistiken. Zuständigkeiten. Da kann man froh sein, dass es hier nur ein Lineal war.

Die Polizei hat reagiert. Die Verteilung ist gestoppt. Es wird geprüft. Es wird gesprochen. Es wird möglicherweise regressiert. Ordnung muss sein. Selbst im Millimeterbereich.

Und irgendwo sitzt ein Schüler, der vermutlich nur wissen wollte, ob sein Heftstreifen wirklich 15 Zentimeter lang ist – und der nun, ohne es zu ahnen, einen der präzisesten Einsätze der Berliner Polizei der letzten Wochen ausgelöst hat.

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Ich habe zur besseren Orientierung noch einmal die wichtigsten Schlagwörter (Hashtags) dieses Artikels zusammengestellt:

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(©si)