Spott + Hohn

Telefonieren? Lieber nicht – warum Millennials und Gen Z den Hörer meiden

ein altes schwarzes Telefon mit Wählscheibe

Es ist eine skurrile Entwicklung, wenn man bedenkt, dass ein Anruf viele Dinge in wenigen Sekunden klären könnte, während die jüngeren Generationen stundenlanges Texten als bevorzugte Methode der Kommunikation ansehen.

Doch genau das ist heute Realität. Millennials und Gen Z haben das Telefonieren nahezu abgeschafft und auf die Ebene eines Notfall-Tools degradiert, das nur in äußersten Fällen zum Einsatz kommt. Der Grund? Sie scheinen eine geradezu irrationale Abneigung gegen direkte Gespräche zu haben. Eine aktuelle Umfrage untermauert dies: 70 % der 18- bis 34-Jährigen bevorzugen Textnachrichten gegenüber Telefonaten.

Von der Festnetz-Familienkonferenz zum stummen Tippmarathon

Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als sich Familien um das Festnetztelefon stritten, um stundenlang mit Freunden oder Verwandten zu quatschen? Heute unvorstellbar. Für Millennials und Gen Z ist das Festnetz ein Relikt aus einer längst vergangenen Ära. Sie haben es durch WhatsApp, iMessage und Co. ersetzt, wo jede noch so banale Information – vom Wetter bis zur Frage, ob jemand Milch kaufen kann – in Textform ausgetauscht wird. Statt das Gespräch einfach mit einer klaren Ansage zu beenden, wird lieber hin- und hergeschrieben, oft bis zur völligen Erschöpfung aller Beteiligten.

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Ich habe es so oft erlebt, wie meine Kinder sich in einem Labyrinth von Messages verstrickt haben und stundenlang hin und her geschrieben haben, nur um dann festzustellen, dass bei der ganzen Schreiberei nichts herausgekommen ist.
Du brauchst bloß einen in der ganzen Freundeskette, der nicht rechtzeitig oder beherzt genug antwortet und schon gehen alle Absprachen für den weiteren Verlauf des Tages in die Hose.

Wie haben wir bloß damals ohne Smartphone überlebt?

Psychologische Gründe: Das Telefon – ein Instrument des Schreckens?

Warum ist Telefonieren für viele junge Menschen so problematisch? Psychologen führen an, dass es eine Art “Trainingsdefizit” gibt: Wer nie regelmäßig telefoniert hat, empfindet es als unnatürlich und unangenehm. Das klingelnde Telefon wird von vielen jungen Leuten sogar als Vorbote schlechter Nachrichten gesehen. Überraschungsanrufe lösen häufig Unbehagen aus, ähnlich wie der unerwartete Besuch eines unangekündigten Gastes. Schließlich könnte man ja spontan etwas sagen müssen – ohne Zeit, die perfekte Antwort zu formulieren.

Selbst wenn der Anrufer im Display angezeigt wird und der Angerufene ihn kennt, wird das Gespräch lieber weggedrückt. Der Anrufer landet auf der Mailbox. Hinterlässt er dort keine Nachricht, dann wird allerhöchstens noch per Messenger zurückgefragt, was er denn gewollt hat. Das direkte, kurze und klärende Gespräch wird gemieden.

Die Angst vor Konsequenzen: Warum Texten sicherer ist

Ein wesentlicher Faktor für das Phänomen ist die Tatsache, dass Textnachrichten Zeit zur Reflexion geben. Anders als bei einem Telefonat, bei dem man blitzschnell auf das Gesagte reagieren muss, bietet das Texten die Möglichkeit, Worte sorgfältig zu wählen – oder unangenehme Fragen ganz zu ignorieren. Diese Distanz minimiert die Gefahr, in einer direkten Konfrontation schlecht auszusehen. Texten erlaubt es also, unangenehmen Konsequenzen aus dem Weg zu gehen, die eine spontane und möglicherweise schlagfertige Antwort am Telefon mit sich bringen könnte.

Berufsleben: Kommunikationskrise am Arbeitsplatz

Besonders spannend wird es, wenn diese Abneigung ins Berufsleben überschwemmt. Projekte, die mit einem einzigen Telefonat schnell abgestimmt werden könnten, ziehen sich in E-Mail-Ketten oder Slack-Chats endlos in die Länge. Die Angst, bei einem Anruf nicht die richtigen Worte zu finden, hat sogar dazu geführt, dass manche Berufseinsteiger regelrechte Kommunikationskurse belegen müssen. Es scheint, als ob Telefonate inzwischen als eine Form von Hochleistungsdisziplin gelten – eine Kunst, die nur noch ältere Generationen beherrschen.

Das erste Mal ist mir das schon Mitte der 1990er Jahre aufgefallen, als ich viele Auszubildende hatte. Nur eine junge Frau war überhaupt in der Lage, auch im Beisein all ihrer Kollegen bei einem Kunden oder Lieferanten anzurufen und in einem Gespräch alles Wesentliche zu klären.
Alle anderen jungen Leute verzogen sich immer ins meist freie Buchhaltungszimmer, um dort ungestört telefonieren zu können. Im Beisein anderer hatten sie eine regelrechte Sprechhemmung.

Die Ironie der “Hyperkommunikation”

Und dennoch: Es ist nicht so, dass Millennials und Gen Z weniger kommunizieren. Im Gegenteil sind sie ständig im Austausch, sei es in Gruppenchats, auf Social-Media-Plattformen oder über Sprachnachrichten. Doch diese Art der “Hyperkommunikation” hat ihre eigenen Fallstricke. Wer sich stundenlang durch endlose Textnachrichten scrollt, verschwendet oft mehr Zeit und Nerven, als ein schnelles Telefonat jemals gekostet hätte.

Ein Plädoyer für den Hörer

Ich muss einfach spöttisch feststellen, dass das Telefon – einst das Symbol für schnelle und direkte Kommunikation – zur reinen Textmaschine degradiert wurde.
Dabei könnte ein einfacher Anruf nicht nur Zeit sparen, sondern auch die menschliche Verbindung stärken. Denn was die jüngeren Generationen vielleicht übersehen, ist, dass die Stimme am anderen Ende der Leitung nicht nur Worte, sondern auch Emotionen transportiert – etwas, das kein Emoji der Welt jemals ersetzen kann.


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Spott + Hohn

Spott (Verb: spotten oder verspotten) ist ein Stilmittel der Kommunikation. Mit Spott macht man sich lustig über einen Menschen, eine bestimmte Gruppe oder deren tatsächliche oder vermeintliche Werte. Spott ist scherzhaft gemeint und dem Hohn ähnlich.
Der Hohn soll wehtun, Spott dagegen nicht immer.

Lesezeit ca.: 6 Minuten | Tippfehler melden | Peter Wilhelm: © 17. Januar 2025

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