Wissen ist Macht

Shorts, Reels, TikToks – die kleine Sucht zwischendurch

Shortsss 800x500

Früher setzte man sich bewusst hin, um ein Video anzusehen. Heute reicht ein Daumenwisch – und man steckt mitten in einer Endlosschleife aus Sekundenhäppchen, vertikalen Clips und algorithmisch servierter Dauerunterhaltung. Was mit TikTok, Instagram und inzwischen auch bei YouTube unter dem Schlagwort „Shorts“ etabliert ist, hat eine ganz eigene Dynamik entwickelt: kurz, schnell, bunt – und erstaunlich schwer wieder abzuschalten.

Viele Nutzerinnen und Nutzer, vor allem jenseits der Dreißig, beschreiben inzwischen ein ungutes Gefühl. Ein Clip führt zum nächsten, dann noch einer, dann „nur noch schnell dieses eine Video“. Plötzlich ist eine Stunde vergangen, ohne dass man genau sagen könnte, womit man sie eigentlich verbracht hat.

Werbung

Die Mechanik hinter dem Sog

Short-Video-Plattformen funktionieren nach einem simplen, aber wirkungsvollen Prinzip:

  • extrem kurze Inhalte
  • sofortige Belohnung durch Unterhaltung, Überraschung oder Empörung
  • perfekt auf Dich zugeschnittene Themen
  • keine spürbaren Pausen

Das Gehirn erhält ständig kleine Dopaminimpulse. Nicht stark genug, um zu sättigen – aber ausreichend, um den Wunsch nach „noch einem Clip“ auszulösen. Genau darin liegt die Gefahr: Es entsteht keine tiefe Befriedigung, sondern eine permanente Erwartungshaltung.

Man konsumiert nicht mehr gezielt, sondern wird konsumiert.

Unterhaltung ohne Erinnerung

Fragt man sich nach einer halben Stunde Shorts, was man gerade gesehen hat, fällt die Antwort oft erstaunlich dürftig aus. Ein paar Bruchstücke, ein paar Bilder, vielleicht ein lustiger Moment – aber nichts, was hängen bleibt.

Je jünger die befragte Person, umso lückenhafter die Erinnerung an das eben Gesehene. Oft wird nur nebenbei konsumiert und weder richtig zugeschaut, noch verstanden, um was es eigentlich geht. Die Gefahr, dass unterschwellig vor allem Werbebotschaften und Kaufanreize hängen bleiben, ist umso größer.

Klassische Videos, Artikel oder Filme erzählen Geschichten. Shorts liefern Impulse. Sie sind flüchtig, austauschbar und in Sekunden vergessen.

Das Ergebnis: viel Zeitaufwand, wenig nachhaltiger Inhalt.

Das Unbehagen verspüren vor allem Menschen mit Lebens- und Medienerfahrung

Jüngere Nutzer wachsen mit diesem Format auf und empfinden es als normal. Ältere hingegen spüren oft instinktiv, dass hier etwas „nicht stimmt“. Ältere Personen und solche mit Medienkompetenz merken sehr schnell, dass die Aufmerksamkeit schneller ermüdet, längere Inhalte anstrengender wirken und das Gefühl entsteht, Zeit verloren zu haben.

Dieses Unbehagen ist kein Kulturpessimismus. Es ist ein realistischer Hinweis darauf, dass das eigene Medienverhalten sich in eine Richtung bewegt, die nicht mehr selbstbestimmt ist.

Mir selbst geht es so, dass ich früher gerne lange YouTube-Videos geschaut habe. Dreißig Minuten lang hat einer ein Gerät repariert oder USA-Politik erklärt. Seitdem ich mich oft den Shorts und anderen kurzen Formaten gewidmet habe, habe ich die Geduld für längere Videos ein bißchen verloren. Sie wirken sehr schnell langatmig auf mich.

Die Illusion der Entspannung

Viele öffnen Shorts, um „kurz abzuschalten“. Doch echte Erholung sieht anders aus.

Was ist denn richtige Erholung? Richtige Erholung bedeutet, dass man die Gedanken zur Ruhe kommen lassen kann, nicht permanent reagieren muss und ein Gefühl von Abschluss erlebt.

Doch Shorts erzeugen das Gegenteil: Reiz, Erwartung, Weiterwischen.

Was wie Entspannung aussieht, ist oft nur geistige Dauerbeschallung.

Kleine Sucht, große Wirkung

Niemand wacht morgens auf und beschließt: „Ich will heute süchtig nach Shorts sein.“ Es beginnt harmlos. Ein paar Clips. Dann regelmäßig. Dann automatisch.

Typische Anzeichen vor allem bei sehr jungen Nutzern: Sie greifen reflexartig zum Smartphone. Sie öffnen TikTok, Instagram oder Shorts, ohne bewusst entschieden zu haben. Sie haben das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn sie nicht immer wieder aufs Smartphone schauen. Und sie sind unzufrieden, hören aber trotzdem nicht auf.

Das ist keine schwere Abhängigkeit im medizinischen Sinn – aber sehr wohl eine verhaltensbasierte Gewohnheit mit Suchtcharakter.

Was helfen kann

  • Shorts bewusst deaktivieren oder meiden
  • feste Zeiten für Medienkonsum festlegen
  • längere Inhalte bevorzugen (Artikel, Dokus, Podcasts)
  • Smartphone auch einmal außer Reichweite legen

Schon kleine Änderungen können spürbar wirken.

Eine YouTube-Detox-Anleitung gibt es bei Sir Apfelot.

Belohnungssystem, Dopamin und warum Shorts so „kleben“

Wenn Menschen an „Dopamin“ denken, denken sie oft an ein schlichtes „Glückshormon“. Wissenschaftlich ist das zu kurz gegriffen. Dopamin ist im Belohnungssystem vor allem ein Signal für Lernen, Motivation und Erwartung – nicht einfach nur für Genuss. Besonders wichtig ist dabei das Konzept des Reward Prediction Error (Belohnungs-Vorhersagefehler): Dopaminneuronen reagieren stark, wenn eine Belohnung unerwartet kommt, und deutlich schwächer, wenn sie sicher erwartet wird. Dieses Signal hilft dem Gehirn, herauszufinden, welche Reize und Handlungen „sich lohnen“ und künftig wiederholt werden sollten.1

Genau hier docken Shorts/Reels/TikToks elegant an: Jedes Wischen ist eine neue „Wette“ auf Belohnung – vielleicht ist das nächste Video witzig, überraschend, empörend, rührend oder irgendwie „genau meins“. Der Clou ist die Unvorhersagbarkeit. Aus der Lernpsychologie weiß man seit langem, dass variable (unregelmäßige) Verstärkung besonders starkes, ausdauerndes Wiederholungsverhalten erzeugen kann – bekannt etwa aus dem Glücksspielbereich („variable ratio schedule“). Moderne, algorithmisch kuratierte Feeds erzeugen eine vergleichbare Dynamik: nicht jeder Clip ist ein Treffer, aber gerade die Mischung aus Nieten und Volltreffern hält die Erwartung hoch.2

Für Sucht- und Gewohnheitsmechanismen ist zudem ein weiterer Punkt zentral: In vielen modernen Suchtmodellen wird unterschieden zwischen „liking“ (Genuss) und „wanting“ (Anreiz/Motivationsdruck). Dopamin wird dabei besonders mit dem „wanting“ verknüpft: Reize, die zuverlässig „Belohnung versprechen“ (oder die Chance darauf), können eine starke Zug- und Impulswirkung entwickeln – selbst dann, wenn der eigentliche Genuss gar nicht mehr so groß ist wie am Anfang. Das ist einer der Gründe, warum Menschen manchmal weiterscrollen, obwohl sie sich dabei längst nicht mehr wirklich gut unterhalten fühlen.3

Wichtig ist die saubere Einordnung: Das bedeutet nicht, dass Shorts automatisch eine klinische Abhängigkeit erzeugen wie Substanzen. Aber die Bausteine – schnelle Belohnung, Unvorhersagbarkeit, cue-getriggerte Motivation, minimale „Stoppsignale“ (kein Ende, keine Abspann-Pause) – sind genau die Zutaten, die zwanghaftes Wiederholen begünstigen können, insbesondere bei Menschen, die ohnehin zu Stress-Scrollen, Prokrastination oder Impulsverhalten neigen.

Zusätzliche Quellen (Auswahl)

  • Lerner, T. N. et al. (2021): Dopamine, Updated: Reward Prediction Error and Beyond. sciencedirect.com
  • Schultz, W. (1998): Predictive Reward Signal of Dopamine Neurons. journals.physiology.org
  • (Überblick/Update) Robinson & Berridge (2025): The Incentive-Sensitization Theory of Addiction 30 Years On. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov

Das kannst Du tun, um aus der Schleife wieder rauszukommen

Der wichtigste Schritt ist zunächst banal – aber entscheidend: wahrnehmen, dass man sich in einer Schleife befindet. Wer merkt: „Ich scrolle schon wieder, ohne es wirklich zu wollen“, hat den ersten Hebel bereits gefunden.

Darauf aufbauend helfen vor allem kleine, praktikable Veränderungen:

1. Reibung einbauen

Shorts leben von maximaler Bequemlichkeit. Jede zusätzliche Hürde wirkt wie ein Bremspedal.
Beispiele:

  • Apps vom Startbildschirm entfernen
  • Benachrichtigungen für soziale Netzwerke deaktivieren
  • Browser statt App nutzen

Schon diese Mini-Hürden reduzieren automatisches Öffnen spürbar.

2. Feste Zeitfenster definieren

Statt „gar nicht mehr“ lieber: „bewusst und begrenzt“. Zum Beispiel: einmal täglich zehn Minuten. Ein Timer kann helfen, das Ende sichtbar zu machen.

3. Den Ersatz vorbereiten

Scrollen füllt oft Leerlauf. Wenn nichts anderes greifbar ist, greift die Hand automatisch zum Smartphone.
Hilfreich ist, Alternativen bereitzulegen:

  • Buch oder E-Reader
  • Zeitschrift
  • Musik hören
  • kurzer Spaziergang
  • kleines Projekt (z. B. Fotos sortieren, Notizen schreiben)

Das Ziel ist nicht ständige Produktivität, sondern bewusste Wahl.

4. Längere Inhalte bevorzugen

Wer regelmäßig längere Videos, Artikel oder Podcasts konsumiert, trainiert seine Aufmerksamkeit wieder in Richtung Tiefe statt Häppchen.
Viele merken nach einigen Tagen, dass Shorts an Reiz verlieren, wenn das Gehirn sich an andere Formate gewöhnt.
Regelmäßig lieber längere Formate anschauen. Spielfilme, Serien, Dokumentationen.

5. Eigene Trigger erkennen

Viele scrollen besonders bei Stress, Langeweile, Überforderung und Prokrastination. Wenn Du das Bedürfnis verspürst, jetzt kurze Videohappen konsumieren zu wollen, suche bewusst nach einer Ersatzhandlung.

Wer diese Situationen identifiziert, kann gezielter gegensteuern – etwa mit kurzen Pausen, Bewegung oder bewusster Ablenkung.

6. Nicht perfekt sein wollen

Rückfälle sind normal. Entscheidend ist nicht absolute Abstinenz, sondern die langfristige Tendenz.
Jede Minute weniger Endlos-Scrollen ist ein Gewinn.

Kurzgedanke zum Schluss

Es geht nicht darum, moderne Plattformen zu verteufeln. Es geht darum, die Hoheit über die eigene Aufmerksamkeit zurückzugewinnen.

Wer entscheidet, wann er konsumiert – und wann nicht –, ist den Algorithmen bereits einen großen Schritt voraus.

Shorts sind kein Teufelszeug. Sie können unterhalten, informieren, inspirieren.

Problematisch werden sie dort, wo sie unbemerkt Zeit fressen, Konzentration zersetzen und das Gefühl hinterlassen, den eigenen Tag nicht mehr selbst zu steuern.

Wer merkt, dass ihm diese Form der Dauerhäppchen nicht guttut, sollte dieses Gefühl ernst nehmen. Es ist kein Zeichen von Rückständigkeit – sondern von Medienmündigkeit.

Bildquellen:

  • shortsss_800x500: Peter Wilhelm KI

Lesezeit ca.: 10 Minuten | Tippfehler melden


Lesen Sie doch auch:


(©si)