Notiz für mich selbst

Kennedy und die Gutmenschen

Altruismus 800x500

John F. Kennedy hat seinen Mitbürgern einmal auf’s Brot geschmiert: „Frage nicht, was Dein Land für Dich tun kann, frage, was Du für Dein Land tun kannst!“ Ein Satz, der mindestens so oft zitiert wird, wie „Ich bin ein Berliner!“

Der Satz von John F. Kennedy klingt weise, ist griffig und wurde vom amerikanischen Präsidenten in seiner Antrittsrede am 20. Januar 1961 in Washington, D.C. gesagt. Wenn ich oben sage, dass Kennedy das seinen Mitbürgern gesagt hat, dann ist das nur die halbe Wahrheit. John F. Kennedy hat seine Inaugurationsrede an die gesamte Weltgemeinschaft gerichtet.

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Was sagt uns John F. Kennedy?

Der Kernsinn des Satzes lässt sich in drei Ebenen gliedern:

  1. Abkehr vom reinen Anspruchsdenken

    Kennedy wendet sich gegen eine Haltung, bei der Bürger den Staat vor allem als Dienstleister betrachten, der Leistungen schuldet. Stattdessen ruft er zu persönlicher Verantwortung auf.

  2. Betonung von Bürgersinn und Engagement

    Der Satz ist ein Appell, sich aktiv in Gesellschaft, Politik und Gemeinwesen einzubringen – sei es durch freiwilliges Engagement, öffentliche Dienste oder schlicht verantwortungsvolles Handeln.

  3. Gemeinschaft vor Individualinteresse

    Kennedy stellt das Wohl der Gemeinschaft über kurzfristige persönliche Vorteile. Freiheit und Wohlstand, so die implizite Botschaft, bestehen nicht von selbst, sondern müssen gemeinsam getragen und verteidigt werden.

Der Satz sollte den Eindruck vermitteln: Demokratie ist keine Konsumveranstaltung, sondern ein Mitmachprojekt.

Menschen, die diesen Satz nicht verstehen wollen, erwecken oft den Eindruck, er sei martialisch und fordere zu blindem Gehorsam gegenüber dem Staat auf. Das ist aber entweder eine bewusste Fehlinterpretation oder eines der häufigsten Missverständnisse. Denn diese Argumentation greift zu kurz.

Kennedy meinte keinen Unterwerfungsgehorsam, sondern:

  • verantwortliches Bürgertum
  • kritische Loyalität
  • Bereitschaft, Demokratie aktiv zu tragen

Es geht also weniger um Opferbereitschaft für die Regierung, sondern um Verantwortung für die Gesellschaft.

Man kann das Wort country nicht nur durch Staat, sondern in diesem Kontext auch durch Gesellschaft ersetzen.

Der Satz ist kein nationalistischer Schlachtruf, sondern ein moralischer Appell:

Nicht nur fragen, was man bekommt. Sondern überlegen, welchen Beitrag man selbst leisten kann.

Kennedys berühmter Satz zielt auf persönliche Verantwortung. Er fordert den Einzelnen auf, zuerst bei sich selbst anzusetzen, bevor er Ansprüche formuliert. Verantwortung beginnt demnach nicht beim Staat, nicht bei „den anderen“, sondern beim eigenen Handeln.

Kennedy und der Gutmensch

Genau an diesem Punkt entsteht der Bruch zur modernen Verwendung des Begriffs „Gutmensch“.

Denn während Kennedys Gedanke lautet: Was kann ich beitragen?
lautet die Haltung vieler sogenannter Gutmenschen faktisch: Was sollen andere beitragen?

Der Gutmensch unserer Zeit ist häufig kein Mensch, der selbst Opfer bringt, Verzicht übt oder persönliche Risiken eingeht. Vielmehr ist er jemand, der moralische Forderungen formuliert – vorzugsweise an sein Umfeld, an die Gesellschaft, an „die Politik“, an „die Reichen“, an „den Staat“. Die eigene Beteiligung bleibt dabei oft abstrakt, symbolisch oder vollständig aus.

Typisch ist ein moralisches Rollenverständnis:

  • Der Gutmensch definiert für alle anderen, was „richtig“ ist.
  • Andere sollen dieses Richtige umsetzen.
  • Die Kosten, Mühen und Konsequenzen tragen ebenfalls andere.

So entsteht eine bequeme Form der Moral, bei der man sich selbst als gut empfindet, ohne selbst etwas riskieren zu müssen.

Während echte Verantwortung immer auch Verzicht, Aufwand oder Unannehmlichkeiten bedeutet, beschränkt sich der moderne Gutmensch oft auf Haltungsbekundungen, Empörung und Forderungskataloge. Er delegiert das Opfer an Dritte und behält für sich das gute Gefühl.

In diesem Sinne ist der Gutmensch das Gegenbild zu Kennedys Appell.
Nicht: Was kann ich für mein Land, meine Gesellschaft, meine Mitmenschen tun?
Sondern: Was müssen meine Mitmenschen tun, damit ich mich moralisch auf der richtigen Seite fühlen kann?

Der entscheidende Unterschied liegt also nicht in den Zielen – viele Ziele mögen sogar ehrenwert sein –, sondern im Weg dorthin. Wer andere zu Opfern verpflichtet, ohne selbst Opfer bringen zu wollen, handelt nicht altruistisch, sondern komfortmoralisch.

Oder zugespitzt formuliert: Der Gutmensch liebt die Idee des Guten – ist aber nicht bereit, selbst den Preis dafür zu bezahlen.

Was ist ein „Gutmensch“?

Der Begriff „Gutmensch“ bezeichnet ursprünglich schlicht einen Menschen, der sich um andere kümmert, hilfsbereit ist, Mitgefühl zeigt und moralisch handeln möchte. In diesem ursprünglichen Wortsinn wäre der „Gutmensch“ also etwas durchweg Positives: jemand, der versucht, Leid zu lindern, Ungerechtigkeit zu bekämpfen und Rücksicht auf Schwächere zu nehmen.

Im heutigen Sprachgebrauch hat sich die Bedeutung jedoch stark verschoben. „Gutmensch“ wird häufig abwertend oder ironisch verwendet. Gemeint ist dann eine Person, der man vorwirft, sie handele naiv, realitätsfern oder selbstgerecht – jemand, der komplexe Probleme stark vereinfacht und glaubt, mit moralisch richtigen Absichten allein ließen sich alle Konflikte lösen.

Typisch für Gutmenschen ist:

  • Sie denken in einfachen Schwarz-Weiß-Kategorien.
  • Sie unterschätzen unbeabsichtigte Nebenwirkungen gut gemeinter Maßnahmen.
  • Sie stellen moralische Haltung über praktische Umsetzbarkeit.

Sachlich betrachtet existieren zwei Ebenen. Erstens die moralische Motivation – der Wunsch, Gutes zu tun und zweitens die praktische Wirksamkeit – ob dieses Handeln tatsächlich hilft.

Ein Mensch kann also gute Absichten haben und trotzdem falsche oder wirkungslose Lösungen unterstützen. Umgekehrt kann jemand harte, unbequeme Maßnahmen befürworten und dennoch verantwortungsvoll handeln.

Wir müssen aber aufpassen. Ich verwende den Begriff Gutmensch in dieser Abhandlung als Beschreibung von Personen mit einer gewissen Geisteshaltung, die dem Altruismus entgegensteht.
So wie es den abwertenden Kampfbegriff Nazi für alle Personen gibt, die den Zielen der Gutmenschen in irgendeiner Weise entgegenstehen, gibt es auch den politisch und gesellschaftlich aufgeladenen Kampfbegriff des Gutmenschen.

Ich analysiere und argumentiere. Wer den Begriff Gutmensch nur als Schimpfwort verwendet, sagt damit mehr über sich selbst aus als über die bezeichnete Person aus. Wer jemanden als „Gutmensch“ bezeichnet, will häufig Distanz schaffen, die Position des Gegenübers herabsetzen oder sich selbst als besonders nüchtern, realistisch oder abgeklärt darstellen.

Gesunder Altruismus – helfen, ohne sich selbst zu betrügen

Altruismus bedeutet, das Wohl anderer im Blick zu haben und bereit zu sein, eigene Ressourcen zugunsten von Mitmenschen einzusetzen. In seiner gesunden Form ist Altruismus weder Selbstaufgabe noch Selbstdarstellung, sondern eine bewusste Entscheidung zu Verantwortung und Maß.

Gesunder Altruismus beginnt bei einer einfachen, aber entscheidenden Frage: Was bin ich selbst bereit zu geben? Nicht: Was sollten andere tun? Und auch nicht: Wer muss mehr leisten? Und vor allem nicht: Warum leiste ich so viel mehr? Sondern: Wo kann ich konkret beitragen?

Menschen mit gesundem altruistischem Selbstverständnis handeln meist still. Sie helfen, ohne daraus eine moralische Bühne zu machen. Sie erwarten keinen Applaus und kein Abzeichen für Haltung. Ihr Handeln speist sich nicht aus Empörung, sondern aus Verantwortungsgefühl.

Charakteristisch für gesunden Altruismus ist eigener Einsatz statt bloßer Forderungen, Realismus statt Wunschdenken sowie Hilfe, die tragfähig ist und auf tatsächliche Wirkung zielt, statt sich in symbolischen Gesten zu erschöpfen.

Gesunder Altruismus kennt auch Grenzen. Wer dauerhaft hilft, ohne auf die eigenen Kräfte zu achten, brennt aus. Wer sich selbst ruiniert, kann anderen auf Dauer nicht helfen. Deshalb gehört zum gesunden Altruismus immer auch Selbstschutz. Man muss seine Ressourcen im Blick behalten. Altruismus darf nicht so weit gehen, dass man selbst Hilfe benötigt.

Der Altruismus unterscheidet sich fundamental vom moralischen Aktivismus der Gutmenschen, der vor allem andere in die Pflicht nimmt. Während die Gutmenschen auf Umverteilung von Lasten setzen, basiert gesunder Altruismus auf freiwilliger Übernahme von Lasten.

Er ist leise, unbequem und oft unspektakulär. Aber er wirkt.

Gesunder Altruismus will nicht die Welt auf einmal retten. Er verbessert das, was im eigenen Einflussbereich liegt.

Und genau darin liegt seine Stärke.

Wo beginnt Verantwortung?

Am Ende kreisen all diese Gedanken um dieselbe Kernfrage: Wo beginnt Verantwortung?

Der Kennedy-Gedanke beantwortet sie klar: bei jedem Einzelnen. Nicht beim Staat, nicht bei abstrakten Kollektiven, nicht bei „den anderen“, sondern beim eigenen Handeln. Verantwortung ist demnach keine Forderung, sondern eine Selbstverpflichtung.

Der moderne Gutmensch kehrt dieses Prinzip häufig um. Er definiert moralische Ziele, aber er delegiert deren Umsetzung. Er fühlt sich gut, weil er weiß, was richtig wäre – nicht, weil er selbst etwas dafür tut. Moral wird zur Haltung, nicht zur Handlung.

Gesunder Altruismus bildet das Gegenstück zu dieser Entwicklung. Er verbindet moralische Motivation mit persönlichem Einsatz. Er fragt nicht, wer verpflichtet werden muss, sondern was man selbst leisten kann. Er akzeptiert Grenzen, kennt die Wirklichkeit und ist bereit, Lasten zu tragen, statt sie weiterzureichen.

So entsteht eine klare Trennlinie:
Der Gutmensch
verlangt Opfer.
Der eine liebt das Gute
als Idee.

Der Altruist
bringt Opfer.
Der andere lebt es
als Praxis.

In diesem Sinne ist gesunder Altruismus die zeitlose Antwort auf beide Extreme: auf kalte Gleichgültigkeit ebenso wie auf komfortable Moral. Er ist unspektakulär, leise und manchmal unbequem – aber genau deshalb glaubwürdig.

Und vielleicht liegt darin die eigentliche Aktualität von Kennedys berühmtem Satz:
Nicht als pathetischer Spruch, sondern als schlichte Erinnerung daran, dass eine funktionierende Gesellschaft dort entsteht, wo Menschen aufhören zu fragen, was andere für sie tun sollen – und anfangen zu überlegen, was sie selbst beitragen können.

Kleinvieh macht auch Mist

In einem Reality-Format bei RTL glänzte eine Protagonistin mit dem Spruch „Kleinmist macht auch viel.“ Wir haben sehr gelacht. Gemeint hat sie natürlich Kleinvieh macht auch Mist und wollte damit sagen, dass auch kleine Taten in Summe Großes bewirken können.

Gesunder Altruismus zeigt sich selten in großen Gesten. Meist besteht er aus vielen kleinen, unspektakulären Handlungen, die im Alltag kaum auffallen – für die Betroffenen aber einen enormen Unterschied machen.

Er beginnt dort, wo Menschen bereit sind, Zeit, Aufmerksamkeit oder Fähigkeiten zu investieren, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten: jemandem beim Einkaufen helfen, einem älteren Nachbarn regelmäßig Gesellschaft leisten, Geflüchteten beim Ausfüllen von Formularen helfen, Nachhilfe geben, zuhören, begleiten, erklären. Nichts davon rettet „die Welt“, aber all das verbessert konkret das Leben einzelner Menschen.

Essen in Supermärkten einsammeln und armen Menschen geben. Die Mülltonnen für den pflegebedürftigen Nachbarn rausstellen, Klamotten für eine kinderreiche Familie kaufen.

Altruismus kann auch bedeuten, vorhandene Ressourcen sinnvoll weiterzugeben, statt sie ungenutzt liegen zu lassen. Dinge, die für den einen wertlos erscheinen, können für andere existenziell sein – medizinische Hilfsmittel, Kleidung, technische Geräte oder Alltagsgegenstände.

In diesem Zusammenhang sei meine kleine Aktion erwähnt, die sich über viele Jahre still entwickelt hat: Seit rund zwanzig Jahren sammele ich nicht mehr benötigte Hörgeräte und leite sie an bedürftige Menschen in verschiedenen Ländern weiter. Was klein begann, hat sich Schritt für Schritt zu einer kontinuierlichen Hilfe entwickelt. Inzwischen konnten auf diese Weise Hörgeräte als medizinische Hilfsmittel im Gesamtwert von Millionen Euro weitervermittelt werden. Ich möchte mich nicht herausstellen. Ich möchte aufzeigen, dass man nur etwas machen muss. Diese Aktion kostet mich jede Woche viele Stunden Zeit. Sie erfordert Arbeit und den Einsatz von Geld. Ich empfinde es aber als großes Glück und eine Gnade, in einem Land leben zu dürfen, in dem schwerhörige Menschen kostenlos mit allen möglichen medizinischen Hilfsmitteln beschenkt werden. Wenn ich dann aus Afrika, aus Brasilien oder aus der Himalaya-Region Fotos bekomme, auf denen Menschen freudestrahlend mithilfe meiner gespendeten Hörgeräte das erste Mal in ihrem Leben etwas hören können, dann bin ich zufrieden.

Der entscheidende Punkt dabei ist nicht die Zahl, sondern die Wirkung: Menschen können wieder hören, kommunizieren, am sozialen Leben teilnehmen, arbeiten, lernen und selbstständig handeln. Das bedeutet Würde. Das bedeutet Teilhabe. Und das bedeutet ganz praktisch ein besseres Leben.

Solche Beispiele zeigen, was gesunder Altruismus ausmacht: Man nutzt das, was man hat und kann, um anderen konkret zu helfen – ohne moralischen Zeigefinger, ohne Forderungen an Dritte, ohne große Inszenierung.

Nicht jeder kann alles tun.
Aber jeder kann etwas tun.

Und genau darin liegt die eigentliche Kraft eines Altruismus, der tragfähig ist.

Du kannst auch so etwas machen. Schau Dich einfach nur um. Wer müht sich bei irgendeiner Tätigkeit ab? Wer kann nur ganz wenig zu Essen einkaufen? Wo muss jemand zu Fuß laufen, weil er sich kein Benzin mehr leisten kann? Wo sammelt jemand Flaschen, um vom Flaschenpfand noch ein paar Tage überbrücken zu können? Wo bückt sich jemand nach einer halbgerauchten Kippe?

Seit über 20 Jahren biete ich eine kostenlose Telefonberatung in den Bereichen Bestattung und Hörgesundheit an. Die Leute fragen oft, was ich für die Beratung und meine Ratschläge bekomme. Ich will nichts dafür.
Manchmal spenden Leute was, das ist schön, und ich sehe das als Beteiligung an meiner Hilfe. Aber verdienen will ich nichts mit alledem. Wozu auch? Ich hab‘ zu essen, ich kann mich in ein schönes Bett legen und kann mir Klamotten zum Anziehen kaufen.

Zwei Gruppen von Menschen, die mich ankotzen

1. Die Schmarotzer

Ich sehe mit eigenen Augen Menschen, die meinen, die Gesellschaft oder der Staat seien eine Art Selbstbedienungsladen. Genau denen will ich durch mein Verhalten entgegentreten, so wie ich den Gutmenschen entgegentrete, die nur meinen, alle anderen außer sie selbst, müssten die Lasten einer vermeintlich besseren Welt tragen.

Eine solidarische Gesellschaft lebt davon, dass starke Schultern mehr tragen als schwache. Sie funktioniert aber nur, wenn diese Solidarität nicht systematisch missbraucht wird.

Gemeint sind hier ausdrücklich nicht Menschen, die krank, überfordert oder tatsächlich hilfsbedürftig sind. Gemeint sind jene, die bewusst Leistungen in Anspruch nehmen, auf die sie keinen Anspruch haben – oder die sie erschleichen, obwohl sie durchaus in der Lage wären, für sich selbst zu sorgen.

Dazu zählen etwa Personen, die unberechtigt Pflegegeld beziehen, obwohl keine pflegebedürftige Situation vorliegt. Menschen, die sich regelmäßig krankschreiben lassen, um Maßnahmen des Jobcenters zu umgehen. Oder solche, die unter dem Deckmantel von „Foodsharing“ größere Mengen Lebensmittel für angeblich mehrere Haushalte abholen, diese aber überwiegend selbst verbrauchen. Ebenso problematisch ist es, wenn Verhinderungspflege in Anspruch genommen wird, obwohl weder tatsächlich gepflegt wird noch eine reale Erkrankung der Pflegeperson vorliegt.

All diese Fälle haben eines gemeinsam:
Sie verlagern persönliche Verantwortung auf die Allgemeinheit – obwohl es vermeidbar wäre.

Solches Verhalten untergräbt das Vertrauen in soziale Systeme und schadet am Ende genau den Menschen, die diese Unterstützung wirklich brauchen. Es ist das Gegenteil von Altruismus. Denn Altruismus bedeutet, freiwillig zu geben – nicht, sich wider besseres Wissen nehmen zu lassen.

2. Die unedlen Spender

In diesem Zusammenhang wirken viele Influencer-Aktionen besonders abstoßend: Menschen werden vor laufender Kamera mit Geld, Gutscheinen oder Geschenken bedacht – nicht aus stiller Hilfsbereitschaft, sondern für Klicks, Reichweite und Monetarisierung. Das Leid oder die Bedürftigkeit anderer wird dabei zum dramaturgischen Rohstoff.

Für dieses Phänomen hat sich der Begriff „Social Porn“ etabliert: Soziale Not wird emotional ausgeschlachtet, um starke Bilder zu erzeugen, die Mitleid triggern und Engagementzahlen steigern. Im Mittelpunkt steht dabei weniger der geholfene Mensch als die Selbstdarstellung des Helfenden. Wenn irgendein Influencer 1 Euro verschenkt, hat er 1.000 Euro dafür bekommen.
Wenn eine Influencerin großspurig Smartphones verschenkt, hat sie den vierfachen Gegenwert selbst eingesackt.

Echter Altruismus braucht keine Kamera.
Er braucht keine Tränen in Großaufnahme.
Er braucht kein Branding.

Wer hilft, um gesehen zu werden, hilft in erster Linie sich selbst.
Wer hilft, ohne es zu inszenieren, hilft den anderen.

Gerade dieser Unterschied entscheidet darüber, ob Hilfe Würde bewahrt – oder zur Ware wird.

Mein Fazit

Eine solidarische Gesellschaft lebt von Hilfsbereitschaft.
Aber sie überlebt nur mit Ehrlichkeit und Verantwortungsbewusstsein.

Wer helfen kann, sollte helfen.
Wer Hilfe braucht, soll sie bekommen.
Wer sie nicht braucht, sollte sie nicht beanspruchen.

Zwischen diesen drei einfachen Sätzen spannt sich das fragile Gleichgewicht, das jedes soziale System trägt. Wird es durch bequeme Moral, durch Missbrauch oder durch bloße Forderungen zerstört, verliert Solidarität ihren Sinn. Wird es hingegen durch persönlichen Einsatz, gesunden Altruismus und Anstand getragen, entsteht das, was eine Gesellschaft im Kern ausmacht: gegenseitiges Vertrauen.

Am Ende ist Solidarität keine Parole.
Sie ist eine Haltung.
Und sie beginnt – immer – beim Einzelnen.

Bildquellen:

  • altruismus_800x500: Peter Wilhelm KI
  • rausmit-ihr_800x500: KI generiert

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(©si)